Tel Aviv

Hütte zum Drücken

Eigentlich ist es nichts Besonderes – doch mitten in der Großstadt eher selten: Fremde, die aufeinander zugehen, sich kennenlernen und vielleicht sogar herzen oder umarmen. Die Initiative »Empathie-Sukka« will passend zum jüdischen Laubhüttenfest Nächstenliebe verbreiten. Zwei Tage lang wird eine Sukka an der Ecke Rothschild-Boulevard und Herzl-Straße in Tel Aviv fremde Menschen einladen, Empathie zu erhalten und zu geben.

Die beiden Initiatorinnen Talya Hirsch und Melissa Abecassis leben in Tel Aviv und wissen, worüber sie sprechen. »Das Leben in der Großstadt bietet nicht viele Möglichkeiten, dieses Gefühl zu erleben«, ist Hirsch überzeugt. »Die Leute treffen sich oft nicht, und wenn man sich auf der Straße begegnet, setzt man seinen Weg fort, führt ein Leben ohne jegliche Interaktionen.« Dabei sei die Idee, es anders zu machen, simpel: »Es ist eine Verbindung von Herz zu Herz.«

Abecassis, die vor rund zwei Jahren die Idee zu der Sukka hatte, teilt die Einschätzung: »Manchmal gehe ich durch die Stadt, in der das Leben so schnell und meiner Meinung nach so entwurzelt ist. Dann fühle ich mich obdachlos und sehe um mich herum viele Obdachlose, die nach einem Platz suchen.« Empathie fühle sich dagegen oft so an, als sei man zu Hause.

Gefühl Sukkot ist genau das richtige Fest dafür, dieses Gefühl zu vermitteln, glauben beide. »An Sukkot ist unsere Tür immer offen, wir laden den Fremden in unsere Sukka ein und machen aus ihm einen Ben Bait, einen Sohn des Hauses. Genau deshalb haben wir uns das Laubhüttenfest für die Initiative ausgesucht.« Doch Abecassis und Hirsch wollen keine Eintagsfliege in Sachen Empathie züchten.

Viel lieber hätten sie einen Langzeiteffekt. Dafür legen sie Informationsmaterial bereit, das Orte in der Stadt auflistet, an denen den Menschen Empathie entgegengebracht wird. So gebe es beispielsweise das »Haus der Feen«, in dem jede Woche Leute zusammenkommen, um sich gegenseitig Aufmerksamkeit zu schenken. Auch im »Pele« (hebräisch für Wunder), einem Gemeindezentrum, dreht sich alles ums Herz. Doch auch gewöhnliche Cafés, die eine besondere Willkommensatmosphäre vermitteln, gelten als Empathie-Orte. Leider wüssten viele Städter nichts von diesen Orten. Abecassis: »Oft braucht es nicht mehr als fünf Minuten. Empathie kann die Stimmung völlig umdrehen, von einer aggressiven oder negativen zu einer positiven, und wirkt manchmal wie ein Wunder. Sie bringt die Menschen wirklich zueinander.«

Gemeinsam Laut Wikipedia ist Empathie »die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Dazu gehört auch die Reaktion auf die Gefühle anderer Menschen, wie zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz oder Hilfsimpuls«. Unterstützt wird die Empathie-Sukka von der amerikanischen Charles-und-Lynn-Schusterman-Stiftung.

»Gemeinsam wollen wir die Realität ändern«, sagt Hirsch und meint es völlig ernst, »so sehr glaube ich an die Kraft der Empathie.« Im Sinne von Tikkun Olam? »Ja, auch, doch mehr noch als Reparieren ist es das Heilen der Menschen«, erklärt sie. Dabei gehe es nicht darum, nur die Schwächsten der Gesellschaft in die Sukka einzuladen. »Wir sprechen alle an: Obdachlose und Hauseigentümer, Arbeitslose oder Anzugträger, Frauen und Männer – wer möchte, der soll zu uns kommen.« Dass die Aktion Irritation oder sogar Anfeindungen hervorrufen könnte, dessen sind sich Abecassis und Hirsch bewusst.

Für Talya Hirsch persönlich ist Empathie das Begegnen einer anderen Person, ohne die eigene Interpretation mitzubringen. »Ich komme dahin, wo du bist, und nehme mir Zeit.« Doch sie will nicht dogmatisch sein. »Natürlich ist dies nicht die einzige Wahrheit auf Erden. Es ist eine der Arten, Empathie zu zeigen und zu fördern. Es gibt sicher viele andere.«

Gewaltfrei Die Empathie-Lehre, der sie folgen, basiert auf dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) des amerikanisch-jüdischen Psychologen Marshall Rosenberg, der im vergangenen Jahr starb. Rosenberg entwickelte eine Sprache auf Basis der Empathie, die beide Frauen lernen. Dadurch verfügen sie über Werkzeuge, Empathie anzuwenden.

Einer der freiwilligen Helfer bei der Empathie-Sukka ist der Tischler Omer Hadad, der die Hütte auf einem Feld neben seinem Studio im Moschaw Sitria bei Rechovot gezimmert hat. In den Tagen vor dem Fest hämmerte und malte er pausenlos, um die große Holzkonstruktion fertigzubekommen. Warum er das tut? »Weil es ein unglaublich tolles Projekt ist«, findet er und strahlt. »Und es ist etwas, woran ich wirklich glaube.«

Hirsch nennt den Tischler einen Engel. Und von denen gebe es nicht nur einen. »Wir sind glücklich, dass wir so viele Freiwillige gefunden haben, die alle bereit sind, das, was sie haben oder können, in unser Projekt einzubringen. Die ›Empathie-Engel‹ werden den Leuten zuhören oder sie auch mal herzen – wenn das gewünscht ist.« Was viele Leute dazu bringt, mitzumachen, sei nicht nur das Bedürfnis, für andere da zu sein, sondern selbst Empathie zu erhalten. Für die Initiatorinnen ist das der richtige Beweggrund: »Das ist der Zyklus von Geben und Nehmen. Genauso sollte es sein.«

Food-Trend

Der Mann fürs Eingemachte

Saure Gurken, Kraut und Rote Bete – für Eli Rosenblit ist Fermentieren mehr als Konservieren. Es ist Leidenschaft und israelische Lebensart. Ein Besuch in Herzliya

von Sabine Brandes  17.08.2026

Israel

Kushner wirbt bei Netanjahu für Gaza-Friedensplan

Trumps Schwiegersohn auf schwieriger Mission: Jared Kushner will einen Kompromiss ausloten, obwohl zwischen Israel und der Hamas bei den Verhandlungen über Gazas Zukunft noch eine tiefe Kluft liegt

 17.08.2026

Gesellschaft

Er starb – und rettete sechs Leben

Die Organspende des gefallenen israelischen Soldaten Shahar Gamla lässt auch ein siebenjähriges Mädchen gesund werden

von Sabine Brandes  17.08.2026

Machtkampf im Likud

Persönliche Wahlliste und »fake ballots«

Während die Parteimitglieder über Kandidaten abstimmen, sorgt Streit um reservierte Plätze und angeblich »gefälschte Stimmzettel« für Aufregung

von Sabine Brandes  17.08.2026

Israel

Ben-Gvir empört mit Aussage über Gaza

Jede Nacht sollten »30 bis 40« Menschen »entfernt« werden, fordert der israelische Polizeiminister

 17.08.2026

Tel Aviv

Immer weniger Israelis kehren aus dem Ausland zurück

Der Knessetabgeordnete Gilad Kariv wirft der Regierung vor, die Rückkehr von Israelis aus dem Ausland nicht zu einer politischen Priorität gemacht zu haben

 17.08.2026

Straßenverkehr

KI-Ampeln sollen in Israel 771 Stunden pro Tag sparen

Das staatliche Straßeninfrastrukturunternehmen Netivei setzt auf Ampeln, die sich mithilfe künstlicher Intelligenz laufend an die aktuelle Verkehrslage anpassen

 17.08.2026

Tel Aviv

Yoseph Haddad gründet Partei

Der arabisch-israelische Aktivist startet im Vorfeld der für den 27. Oktober vorgesehenen Knesset-Wahlen eine Kampagne

 17.08.2026

Westjordanland

US-Delegation will attackiertes Dorf Qusra im Westjordanland besuchen

Nach einem Bericht des israelischen Senders Kanal 12 wollen sich die US-Vertreter vor Ort ein eigenes Bild von der Lage machen. Diese bleibt angespannt

 17.08.2026