Unfallstatistik

Gerast, geblitzt und abgemahnt

Statt Polizisten überwachen demnächst »Starenkästen« die Straßen. Foto: Flash 90

Am Steuer ist Israelis nichts heilig. Schneiden, drängeln, reinquetschen, rechts überholen – was in anderen Ländern als grobes Vergehen im Straßenverkehr gilt, erntet hier oft nicht mehr als ein müdes Achselzucken der Polizei. So manche grüne Minna – in Israel übrigens blau –, macht sogar selbst mit beim großen Wettrennen auf den Straßen.

Abhilfe schaffen soll jetzt eine ganze Batterie von »Gatsos« – Geräten zur Geschwindigkeitskontrolle. 300 Stück der hochempfindlichen sogenannten Starenkästen made in Holland sind im ganzen Land aufgestellt worden und werden dieser Tage aktiviert, um Verkehrsrowdys das Handwerk zu legen.

Denn dass skrupelloses Fahren kein Kavaliersdelikt ist, zeigen jedes Jahr aufs Neue die Unfallstatistiken. Im vergangenen Jahr gab es fast 15.000 Zwischenfälle mit Verletzten oder Toten auf Israels Straßen. Zwar lag die Zahl der Unfälle damit um zehn Prozent unter der des Vorjahres, die mit tödlichem Ausgang aber stiegen um sieben Prozent an.

Ein Grund sei die Heraufsetzung des Tempolimits, wie Elijahu Richter meint. Vor eineinhalb Jahren hatte Verkehrs- und Transportminister Yisrael Katz auf vielen Schnellstraßen im Land höhere Geschwindigkeiten zugelassen. Das sei »fatal«, ist Richter überzeugt.

Er ist Sicherheitsexperte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und arbeitet seit Jahren daran, Zusammenhänge zwischen Geschwindigkeit und Unfällen zu messen. »Jede zehn Prozentpunkte mehr auf dem Tacho erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand bei einem Unfall zu Tode kommt«, erklärt er. Und bringt es auf den Punkt: »Rasen tötet.«

Raserei Bereits seit Jahren fordert Richter, Autobahnen mit einem Netz aus Überwachungsanlagen zu überziehen, um Rüpeln im Straßenverkehr den Wind aus der Motorhaube zu nehmen. Doch zu mehr als 40 Geräten landesweit kam es nie. »Eine verpasste Chance. Statt 400 Toten hätte es vielleicht nur 200 gegeben. Raser mussten keine Konsequenzen fürchten und fuhren noch schneller«, so Richter. Dass die Gatsos kommen, findet er gut und richtig.

Bislang sind Israelis beim Thema Raser-Erkennung hauptsächlich an Polizisten gewöhnt, die sich mit Laserpistolen auf die Lauer legten. Eine Methode, die vor Gericht wegen ihrer Ungenauigkeit oft abgewiesen wurde. Bei den Gatsos ist das anders. Die Chancen, dass ein Einspruch gegen einen Strafbefehl hier Erfolg hat, werde gegen Null tendieren, sind sich Verkehrsrechtler einig.

Denn die Messgeräte – benannt nach ihrem niederländischen Hersteller Gatsometer BV – sind einfach zu genau. Sie benutzen keinen Laser, sondern funktionieren mittels Detektoren im Straßenbelag. Je schneller man fährt, desto weniger Zeit braucht man, um die zwei metallenen Sensoren zu überqueren. Auch die Kameras mit unanfechtbaren zwölf Megapixeln, die die Verkehrssünder aufnehmen, sind allesamt auf dem neuesten Stand der Technik.

100 der insgesamt 300 Geräte werden nun an Kreuzungen aufgestellt, um Fahrer dingfest zu machen, die eine rote Ampel überqueren oder anderes gefährliches Verhalten an den Tag legen. Die restlichen 200 sollen ausschließlich dazu dienen, Raser zu stellen.

Lerneffekt Wer in Zukunft mit zu hoher Geschwindigkeit über die Sensoren donnert, sieht einen Blitz, und binnen 96 Stunden flattert schon der Strafzettel ins Haus. Der unschönen Post liegt das Beweisfoto bei, so wie es die Deutschen bereits seit Langem kennen. Die Höhe des Verwarngeldes liegt zwischen 50 und 150 Euro.

Die Gesamtkosten für die Geräte belaufen sich auf 30 Millionen Euro, der Unterhalt wird auf etwa eine Million im Jahr geschätzt. Angeblich soll sich die Anschaffung aber schnell rentieren. Experten gehen von mehr als 1,25 Millionen Strafzetteln pro Jahr aus, die das Staatsäckel mit rund 175 Millionen Euro im Jahr füllen sollen.

Shay Sofer, Wissenschaftler in der Nationalen Behörde für Verkehrssicherheit, macht allerdings darauf aufmerksam, dass die Gatsos nicht nur Geldmaschine, sondern in erster Linie Mittel zur Sicherheit auf den Straßen sind. »Es gibt keinen Zweifel an der Wirksamkeit. Internationale Studien zeigen einen signifikanten Rückgang beim Rasen und bei Unfällen.«

Dass es einen Lerneffekt gibt, zeige das Beispiel England. Hier habe man nach einer Weile gar keine neuen Gatsos mehr aufstellen müssen, da immer weniger Strafzettel ausgestellt wurden. »Allerdings«, ist Sofer sicher, »muss das System von der Bevölkerung als etwas Positives angesehen werden.«

Frühwarnsystem Dass die Israelis die Gatsos nicht als reine staatliche Abzocke interpretieren, wäre seiner Meinung nach dann gewährleistet, wenn das eingenommene Geld in Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur fließen würde.

Aber egal, ob man die Starenkästen für sinnvoll hält oder nicht: Autofahrer sollten in Zukunft besser auf den Bleifuß verzichten, wenn sie durch das Heilige Land düsen. Denn zu den Standorten schweigen sich Verkehrsministerium und Polizei aus. Schließlich sollen ungeduldige Fahrer nicht lediglich kurz vor den Blitzern abbremsen und danach wieder ordentlich durchstarten, sondern generell gemächlicher fahren.

Doch es wäre nicht das kommunikationssüchtige Israel, wenn sich nicht auch diese Nachricht bereits in Windeseile verbreitet hätte. So gibt es schon heute, noch vor der Inbetriebnahme, Facebook-Seiten, die warnen, wo es demnächst blitzen könnte. Auch über das GPS-System »Waze« sind die meisten Gatso-Orte längst veröffentlicht. So könnte es auch auf israelischen Schnellstraßen weiterhin heißen: Freie Fahrt für freie Bürger.

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