Eilat

Genug ist genug

Proteste in Tel Aviv gegen sexuelle Gewalt Foto: Flash 90

Sie zählten rückwärts von 30 bis null. Es dauert lange. Auf den Gesichtern der Demonstranten zeigte sich dabei Wut, Trauer, Entsetzen. Einige brachen in Tränen aus. Die unvorstellbare mutmaßliche Vergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens in einem Hotel in Eilat durch Dutzende von Männern in der vergangenen Woche schockiert Israel. Und bringt Tausende von Menschen auf die Straßen, um gegen sexuelle Gewalt zu protestieren.

Am Sonntag sagten die Ermittlungsbehörden, sie hätten mittlerweile elf Verdächtige festgenommen, zusätzlich zu der Hotelchefin, die angeblich nicht genug getan habe, um die Vergewaltigung zu verhindern oder zu beenden.

Erkenntnisse Die ersten Verdächtigen sind zwei 27-jährige Männer aus Nordisrael. Andere sind Jugendliche im Alter von 17. »Der ganze Fall beruht auf den Aussagen des Opfers, und diese werden durch Erkenntnisse gestützt, die wir bislang gewonnen haben«, so eine offizielle Stellungnahme der Polizei. Die Vergewaltigung habe »Stunden angedauert«.

Das Mädchen lag betrunken und völlig unzurechnungsfähig in einem Hotelzimmer, als 30 oder mehr Männer sie vergewaltigt haben, wird berichtet. Die Männer hätten vor der Zimmertür Schlange gestanden und »geduldig gewartet, bis sie zum Zug kamen«. Zur Zahl der tatsächlichen Täter gibt es unterschiedliche Aussagen, die Polizei gibt jedoch an, sie liege im zweistelligen Bereich.

ZAHLEN Das Opfer wird von Sozialarbeitern betreut und von ihrer Familie unterstützt. Ihr Zustand wird als äußerst fragil bezeichnet, da sie sich neben der Vergewaltigung, die ihr angetan wurde, zudem sorgt, dass Videoaufnahmen von der Tat ins Internet gelangen. Von den 1250 Gruppenvergewaltigungen, die jährlich dem Rape Crisis Center in Israel gemeldet werden, werden lediglich in 84 Fällen Ermittlungen aufgenommen. Eine wenig ermutigende Zahl von sieben Prozent.

»Vergewaltigung ist Mord« hat eine junge Frau in rotem T-Shirt auf ihr Schild geschrieben. »Was ist an einem ›Nein‹ nicht zu verstehen?«, steht in fetten Lettern auf einem anderen Schild bei dem Protest vor dem Habima-Theater am Donnerstagabend. Einige Teilnehmer blockieren während der drei Stunden dauernden Veranstaltung mehrere Straßen. Die Polizei greift jedoch nicht ein, sondern leitet die Fahrzeuge lediglich auf andere Straßen um.

Bislang wurde das Thema sexuelle Gewalt oft verniedlicht.

»Ich bin so unglaublich wütend«, ruft Ronika Levi und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es ist August, und auch die Abende sind heiß und schwül. »Ich werde ab sofort bei jeder Demo dabei sein. Denn 30 ist die Zahl des absoluten Horrors geworden. Eine Grenze ist überschritten worden. Sexuelle Gewalt gibt es in Israel schon immer, aber erst diese grauenvolle, menschenverachtende Tat hat viele aufgerüttelt, wie man hier sieht. Es ist überfällig. Wenn wir jetzt nicht aufstehen, wird es nie geschehen. Und was passiert dann unseren Schwestern, Töchtern, Enkelinnen?«

STREIK Präsident Reuven Rivlin schrieb in einem offenen Brief an Israels Jugend, dass »sexuelle Gewalt uns als Gesellschaft zerstört«. Premier Benjamin Netanjahu nannte es nicht nur ein Verbrechen an dem Mädchen, sondern auch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Am Sonntag um zwölf Uhr streikten verschiedene Geschäfte und Organisationen wegen sexueller Gewalt gegen Frauen, darunter auch die Jewish Agency unter der Leitung von Isaac Herzog.

Die Worte »At lo lewad – Du bist nicht allein« halten an diesem Abend viele der Teilnehmer in die Höhe, als Zeichen der Solidarität mit dem Mädchen, dem die unfassbare Gewalt angetan wurde. Es ist das erste Mal, dass Tausende von Israelis in wiederkehrenden Protesten ihren Unmut auf diese Weise ausdrücken.

Der erste Fall von brutaler sexueller Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist es nicht. Ein anderer Fall mutmaßlicher Gruppenvergewaltigung machte im vergangenen Jahr Schlagzeilen. Eine junge britische Touristin erklärte, sie sei von einer Gruppe von zwölf israelischen Hotelgästen im Alter von 15 bis 22 vergewaltigt worden, nachdem sie mit einem der jungen Männer einvernehmlichen Sex hatte. Die Israelis wurden zunächst festgenommen, doch später erklärte die zypriotische Polizei, dass die Britin die Anschuldigungen fälschlicherweise gemacht habe.

IGNORANZ Bis heute beharrt sie darauf, dass die Vergewaltigung tatsächlich stattgefunden hat. »Ich bin mir sicher, dass eines Tages Gerechtigkeit geschehen wird.« Die Israelis bestreiten nicht, Sex mit ihr gehabt zu haben, allerdings sei es einvernehmlich gewesen, behaupten sie. Als sie nach ihrem Rückflug in Israel ankamen, wurden sie von Familien und Freunden wie Helden begrüßt, mit Freudentänzen und Liedern. Für viele war das ein schockierender Anblick und ein Zeichen, dass sexuelle Gewalt in der israelischen Gesellschaft oft verniedlicht und ignoriert wird.

Vor einigen Wochen erst wurden zwei Top-Fußballspieler von Maccabi Tel Aviv aus der Mannschaft geworfen, nachdem bekannt geworden war, dass sie Sex mit Minderjährigen gehabt haben sollen – eine Straftat. Die Spieler Omer Atzili und Dor Micha bestreiten das Geschehen nicht, sagen jedoch, die Mädchen seien nicht 15, sondern 17 Jahre alt gewesen.

AUSREDEN Nicht selten greifen Prominente zu Ausreden. Wie in dem Fall des erfolgreichsten Misrachi-Barden des Landes, Eyal Golan. Sein Vater und Manager Dani Biton wurde 2015 wegen verschiedener sexueller Vergehen gegen Minderjährige und Zuhälterei verurteilt. Bei allen handelte es sich um Mädchen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, die den Sänger verehrten. Biton habe sie systematisch ausgenutzt, so die Anklage. »Biton brachte die Mädchen zu Treffen, bei denen Eyal dabei war, zu Auftritten, in Nachtklubs, in sein Haus. Er prahlte vor seinen Freunden damit, dass die Minderjährigen ihnen sexuell zu Diensten sein werden.«

Auch Golan selbst wurde 2013 vorläufig festgenommen, der Verdacht lautete auf Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen. Er stritt alles ab, aus Mangel an Beweisen wurde die Anklage fallen gelassen. Der Sänger gestand jedoch, er habe gewusst, dass sein Vater Sex mit Minderjährigen hatte.

Im Dezember 2018 wurde Eyal Golan auf Initiative der Likud-Abgeordneten Nava Boker als außergewöhnlicher Künstler in der Knesset geehrt. Proteste dagegen dauerten mehrere Tage, die Ehrung fand dennoch statt. Die damalige Kulturministerin Miri Regev machte klar, dass Golan den Preis verdiene. »Vergewaltigung beginnt auf den Regierungsfluren«, stand auf einem Schild, das eine junge Demonstrantin am Sonntag in Jerusalem mit ausgestreckten Armen in die Höhe hielt.

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