Frauentag

»Es geht um Mut«

Sie ist ein Computerfreak – und stolz darauf. Yehudit Halifa sitzt am Schreibtisch in ihrem schlichten Büro und trägt heute Grün mit einem Hauch von Orange. Es ist ihr Lieblings‐Outfit: dunkelgrüne Hose, hellgrünes Oberteil, orangefarbenes Barret. »Ich würde gar nichts anderes anziehen wollen als die Uniform«, sagt sie und zupft an der Bluse. Die 38‐Jährige ist Oberstleutnant in der israelischen Armee.

Hier leitet sie die Abteilung Frühwarnsysteme im Bereich der Homeland Security mit 30 Untergebenen. Ob das Militär ein Arbeitgeber ist wie jeder andere? Nein, das sei es überhaupt nicht, sagt sie kategorisch. »Erstens ist da der technologische Aspekt. Die Armee ist weiter entwickelt als alle Firmen, dieser Bereich steht an erster Stelle. Zweitens geht es den Leuten beim Militär nicht ums Geld, sondern darum, etwas Bedeutendes zu tun, um Herausforderungen und um Zionismus. Wir sind verantwortlich für die Sicherheit Israels.«

Pflichtgefühl geht Halifa über alles. »Ich bin verantwortlich für diese jungen Menschen, die mit 18 doch noch Kinder sind, und zwar 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Viele sind in Sachen Technologie schlauer, als wir es damals waren, doch dafür müssen wir ihnen auch mehr bieten. In einem anderen Job sucht man sich die Angestellten aus. Hier werden mir die jungen Soldaten zugeteilt.«

Das sei eine der größten Herausforderungen bei der täglichen Arbeit. Sie habe ihren Werdegang trotzdem noch keinen Tag bereut. »Ich wusste von Anfang an, was ich will. Schon mit fünf hatte ich im Kopf, Offizierin bei der Armee zu werden. Das hat sich nie geändert, es war mir klar, dass es das Wichtigste für mein Land ist.«

Posten Die Karriereleiter zu erklimmen, sei beim Militär strukturiert und vorhersehbar. Alle zwei bis vier Jahre wird man einem neuen Bereich zugeteilt, die oberen Ränge ab Oberstleutnant aufwärts werden durch Examen erreicht. Halifa kann sich durchaus vorstellen, noch höhere Posten anzustreben. »Warum auch nicht«, sagt sie. »Auch mein Mann ist stolz auf mich. Er hätte gern, dass ich weitermache.« Ob es schwerer wird, weil Frauen in höheren Positionen auch in der israelischen Armee noch immer die Ausnahme darstellen, will sie nicht beurteilen. »Die Zahlen sagen das, ja«, gibt sie zu. »Doch wenn ich damals, als ich eingezogen wurde, mit heute vergleiche, sehe ich eine Verbesserung.«

Als sie mit 18 Jahren die Aufnahme in den Computerkurs der Armee bestand, seien es schätzungsweise 20 Prozent Frauen gewesen, heute sind es 30 bis 40, die als Programmiererinnen ausgebildet werden. In manchen Stellen gebe es sogar einen Frauenüberhang. Halifa findet das gut und richtig. »Es gibt überhaupt keinen Grund, weshalb es nicht so sein sollte. Mädchen sind nicht dümmer oder weniger gut als Jungs.« Es sei eher die Schulbildung, die nachhänge und Schülerinnen nicht ausreichend Selbstbewusstsein vermittle, mit Jungs bei den Naturwissenschaften mithalten zu wollen. »Es geht hauptsächlich um Mut, ich hoffe, dass da noch viel mehr geschieht.«

Männerdomäne Halifa selbst mangelt es keineswegs an Mut. Eine Karriere in der Männerdomäne Armee ist nicht für jede Frau selbstverständlich. Es gebe Momente, da fühle sie sich als weibliche Führungskraft unter Männern schon allein. »Doch gleichzeitig spüre ich, dass ich aufgehoben bin, weil ich weiß, dass sie mich als gleichwertig ansehen. Sie benehmen sich respektvoll.«

Nicht jede Soldatin allerdings würde das so sagen. Die Zahl der Beschwerden über sexuelle Übergriffe ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent angestiegen, gibt das Zentrum für Opfer von sexuellen Übergriffen innerhalb der Armee an. Diese Zahlen sind nicht mehr zu ignorieren, meinen mehrere Parlamentarier und fordern, dass sich die Knesset damit beschäftigt.

Natürlich gibt es das Problem beim Militär, weiß auch Halifa. Eine ihrer Soldatinnen ist sexuell belästigt worden und wandte sich an sie. »Gut ist, dass man heute genau weiß, wohin man gehen und mit wem man sprechen muss.« Das Bewusstsein sei gewachsen, und die Armee geht ihrer Meinung nach offen damit um.

Generell hält sie Frauenrechte bei ihrem Arbeitgeber für gut umgesetzt. »Das Umdenken begann schon vor Jahren, heute sind rund 90 Prozent der Einheiten für Männer wie Frauen zugänglich. Das ist für mich der beste Beweis – und darauf kommt es an. Denn wir sollten auf die Fähigkeiten schauen und nicht auf das Geschlecht.«

Familie Trotzdem versteckt sie nicht, dass sie eine Frau ist. Ihre feuerrot lackierten Nägel leuchten auf dem schlichten Schreibtisch. Weil sie bereits um acht Uhr morgens im Büro sein muss, geht sie um sechs zur Maniküre. »Das ist ein Luxus, den ich mir gönne«, gibt sie zu und schmunzelt.

Yehudit Halifa hat sich bewusst für diese Karriere entschieden, »weil ich die Herausforderung brauche wie die Luft zum Atmen«. Und doch heißt Karriere für sie nicht, auf Kinder zu verzichten. Die Porträts in ihrem Regal lachen ihr entgegen: Shani, zehn, schwimmt im Verein, ihr sechsjähriger Bruder Itai kuschelt am liebsten mit Mama und mag Gymnastik im Kindergarten, Roi ist im Hochbegabtenkurs, spielt Tischtennis und weiß schon mit achteinhalb, dass er plastischer Chirurg werden möchte – »weil man da am meisten Geld verdient«.

Als sie vor Jahren bei einem Bewerbungsgespräch für einen neuen Posten gefragt wurde, was denn mit ihren drei Kindern sei und wie sie arbeiten wolle, wenn eines krank sei, konterte sie, dass man diese Frage bitte auch dem Mitbewerber, einem Mann, stellen solle. Der Vorgesetzte musste kleinlaut zugeben, dass sie mit ihrem Einwand recht habe. Yehudit Halifa bekam den Job.

Die Woche ist bei den Halifas komplett durchgeplant, der ausgedruckte Plan hängt am Kühlschrank in der Wohnung in Givatayim bei Tel Aviv, »doch ohne Hilfe ginge es überhaupt nicht«. Die besteht aus Halifas Eltern, beide Rentner. Sie holen die Kinder täglich aus Schule und Kindergarten ab, fahren sie zu Nachmittagskursen oder Freunden. Dass ihre Mama oft erst spät nach Hause kommt, finden alle drei doof, meinen aber, dass auch sie in der Armee arbeiten möchten, wenn sie groß sind. »Allerdings nicht so etwas Langweiliges wie Mama«, beteuert Shani. »Ich werde Kämpferin.«

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