Lockdown

»Erstarren ist schlimm«

Seit zwei Jahren Direktor des Israel-Museums: Ido Bruno Foto: Eli Pozner

Lockdown

»Erstarren ist schlimm«

Ido Bruno über die Schließung des Israel-Museums und das Online-Angebot des Hauses

von Sabine Brandes  17.04.2020 08:54 Uhr

Herr Bruno, das Israel-Museum ist die größte kulturelle Einrichtung des Landes. Es gehört zu den führenden Kunst- und Archäologieausstellungen in der ganzen Welt. Seit dem Beginn des Coronavirus-Ausbruchs ist es komplett geschlossen. Was empfinden Sie beim Anblick der menschenleeren Galerien?
Das ist sehr, sehr traurig. Denn es ist das erste Mal in der Geschichte überhaupt, dass das Museum geschlossen ist. Vielleicht geschah es mal für einen Tag oder zwei, aber so etwas wie jetzt, das gab es noch nie.

Kamen die Ereignisse für Sie und Ihr Team überraschend?
Wir haben es früh erkannt, verstanden, was geschieht, und unterschiedliche Szenarien vorbereitet. Zuerst dachten wir, es würde genügen, die Besucherzahlen zu reduzieren. Aber als die Fluglinien reagierten und die Touristenzahlen aus dem Ausland rapide sanken, merkten wir schnell, dass es ernster wird. Danach dauerte es nur wenige Tage, bis klar war, dass wir das Museum schließen müssen.

Und dann war mit einem Mal alles still?
Aber nein! In Zeiten der Krise muss man sich unbedingt weiterbewegen. Erstarren ist das Schlimmste. Zunächst mussten wir eine ganze Reihe von Prozeduren erledigen: alle Eigentümer informieren und feststellen, wo sich unsere Kunstwerke in der ganzen Welt befinden, die wir verliehen haben. Besonders wertvolle Stücke brachten wir in die Safes, wo sie sicherer aufgehoben sind. In den vergangenen Monaten hatten wir sechs Wechselausstellungen eröffnet, also mussten wir mit den Verleihern absprechen, wie wir damit vorgehen. Dann mussten wir solche Kunstwerke abdecken, die nur eine bestimmte Zeit dem Licht ausgesetzt werden dürfen. Natürlich, damit wir alle nach der Wiedereröffnung noch ausstellen können.

Was kam, nachdem das alles erledigt war?
Dann kam das Problem des Budgets. Wir sind erheblich auf die Eintrittsgelder der Besucher angewiesen, denn wir haben keine anderen Einnahmen. Anfangs dachte ich, dass die Kuratoren von zu Hause arbeiten können. Leider war es nicht möglich. Wir haben insgesamt rund 400 Angestellte und können im Moment leider nur noch 50 beschäftigen. Diese Gruppe ist absolut notwendig. Darunter sind die leitenden Kuratoren und einige Leute aus der Verwaltung, Konservierung und Technik. Außerdem muss natürlich auch weiterhin Sicherheitspersonal da sein.

Erwarten Sie, dass Sie bald wieder einen normalen Betrieb führen werden?
Nein, ich bin überzeugt, dass es ein langsamer und schmerzhafter Prozess wird. Die Wirtschaft und besonders der Tourismus sind schwer getroffen. Vor der Schließung hatten wir Hunderttausende Besucher, 2019 kamen 920.000 Gäste aus aller Welt. Allein unseren Bildungsflügel für Kinder und Familien besuchten 120.000 Menschen. Es wird lange dauern, bis ein einigermaßen normaler Besucherfluss wiederhergestellt ist.

Ist das nicht eine arg pessimistische Einschätzung?
Es ist eine realistische Einschätzung, denn der weltweite Reiseverkehr wird nicht sofort wieder aufleben. Viele Leute, die finanziell gut dastanden, haben viel verloren. Doch wir stehen hoch erhobenen Hauptes da, weil wir die Menschen auf andere Weise engagieren. Wir müssen nach der Wiederöffnung definitiv mehr auf sie zugehen, Programme für die Gemeinden und vieles mehr schaffen. Wir haben also viel zu tun.

Und wie gehen Sie bis dahin täglich mit dieser neuen Situation um?
Ich bin erst seit zwei Jahren Direktor des Museums. Aber seit längerer Zeit habe ich eine Aufgabe auf dem Tisch liegen, zu der ich vorher wenig gekommen war. Dabei geht es um unsere digitale Präsenz in der Welt. Ich hatte das Konzept nur langsam entwickelt. Aber diese Ausnahmesituation ist eine wundervolle Möglichkeit, es auf große Weise voranzutreiben.

»Das Museum ist geschlossen – treten Sie ein«, steht auf Ihrer Website. Wie ist das gemeint?
Das Museum hat natürlich bereits eine Website, aber wir wollten sie verjüngen und zugänglicher machen. Also haben wir eine neue Mini-Website auf Hebräisch und Englisch gestaltet. Der Inhalt wird von uns ständig erweitert.

Aber das ist nicht alles, was Sie tun, um das Museum in diesen Zeiten für die Freunde der Kunst und Kultur zugänglicher zu machen ...
Richtig. Wir veranstalten zudem Rundgänge in unseren neuen Ausstellungen mit den Kuratoren. Sehr schnell hatten wir eine Video-Crew angeheuert und die Touren aufgenommen. Außerdem veranstalten wir Live-Events. Das erste war ein Pilotabend, bei dem ein Kurator über einige spezielle Aspekte seiner Arbeit sprach.

Wie wurde das vom Publikum aufgenommen?
Dieser Abend war nur für einige Freunde des Museums gestaltet, um zu sehen, ob das Konzept akzeptiert wird. Und es war wundervoll! Wir planen in der nahen Zukunft informelle Veranstaltungen für die allgemeine Bevölkerung und professionelle Events für Kunstexperten. Auch für die Website bekommen wir viel Bestätigung. Ich bin mir sicher, dass viele Leute in dieser Zeit ein wenig die Nase voll haben von simpler Unterhaltung. Sie suchen Anspruchsvolleres. Das haben wir durch die vielen anerkennenden Kommentare auf unserer Website und in den sozialen Netzwerken verstanden.

Wie fühlt sich das in dieser schwierigen Lage an?
Es gibt uns riesigen Antrieb, noch mehr zu tun. Unsere Teams arbeiten die ganze Zeit. Und es sieht so aus, als würde sich noch viel entwickeln. Wir fragen uns derzeit, wie wir uns auf kreative Weise der Welt vorstellen können, unsere Sprache und Qualität in der digitalen Welt ausdrücken wollen. Das digitale Museum ist einer der Vorteile dieser schrecklichen Situation. Ich weiß, damit werden wir weitermachen, auch wenn diese Pandemie lange vergessen sein wird.

Mit dem Direktor des Israel-Museums sprach Sabine Brandes.

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