Schoa

Die Namen der Kinder

Es ist ein ganz besonderer Ort. Hoch oben, im beschaulichen Galiläa, haben es sich die Überlebenden des Aufstandes im Warschauer Ghetto zur Aufgabe gemacht, das Andenken zu bewahren. Schon 1949 eröffneten sie ihr Museum Lochamei Haghetaot (Kämpfer des Ghettos) mit einem umfangreichen Archiv, das fortan ständig wuchs. »Sie waren die Ersten, die sich des Themas angenommen haben«, hebt Anat Livneh, die Leiterin des Museums, hervor. Zum internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar sind drei Ausstellungen neu eröffnet worden.

Das Museum ist in zwei Bereiche aufgeteilt: die permanenten zwölf Ausstellungen und Yad L’Yeled für das Gedenken an die Kinder. »Hier wird die Erinnerung für junge Menschen auf eine ganz außergewöhnliche Weise dargestellt, durch die sie das Geschehen akzeptieren können und am Ende sogar gestärkt aus dem Museum hinausgehen«, erklärt Livneh. Bildung stehe hier im Vordergrund. »Dabei geht es nicht ausschließlich um das, was uns als Juden geschehen ist, sondern auch um den Blick in die Zukunft. Die Gründer wollten die Erinnerung ehren, doch gleichzeitig humanistische Werte vermitteln. Es werden Fragen gestellt, wozu Menschen in der Lage sind und welche Lehren wir daraus ziehen können, um zu verhindern, dass so etwas wie die Schoa noch einmal geschehen kann.«

Komplexität Idan Zaccai führt durch die neue Dauerausstellung des jüdischen Lebens in Warschau vor dem Holocaust. »Und was für ein reiches Leben das war«, sagt er und zeigt mit ausgebreiteten Armen auf die vielen Glasvitrinen, in denen Memorabilia von Sportvereinen, politischen Parteien, religiöse Artikel und ganz persönliche Erinnerungsstücke ausgestellt sind. »Von rund einer Million Einwohner waren immerhin mehr als 360.000 Juden.«

Zaccai ist es wichtig, die Komplexität der größten jüdischen Gemeinde Europas seinerzeit darzustellen. Zwischen den Vitrinen laufen die Besucher durch eine virtuelle Straße voller Jüdischkeit der damaligen Zeit. Man sieht Bilder von Frauen und Männern, die sich zum Tanzen schick gemacht haben, Händler und Hersteller, religiöse Juden beim Ausüben ihrer Rituale, lachende und spielende Kinder – das ganz normale Leben einer Stadt. »Wenn wir sehen, was wirklich war, verstehen wir umso besser, was alles verloren wurde und was hätte sein können.«

Die Ausstellung ist durchgängig interaktiv gestaltet. Verschiedene Bildschirme zeigen Videos, die von den vielfältigen Bereichen und über Persönlichkeiten des jüdischen Lebens erzählen, die von israelischen Schauspielern dargestellt sind. Einer der bekanntesten Intellektuellen damals war Janusz Korczak. Auch ihm ist ein Film gewidmet. Den interessanten Personen begegnet man immer wieder. Wie ein roter Faden führen sie durch die Ausstellung. Alles ist auf Hebräisch, Englisch und Arabisch erklärt.

Eichmann Eine weitere permanente Ausstellung dreht sich um den Prozess gegen Adolf Eichmann in Israel im Jahr 1961. Unter dem Titel »Um den Glaskasten« will sie die historische Begebenheit aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen. Begonnen wird mit Worten, die der Nazi-Verbrecher selbst gesagt hat. »Ein Befehl ist ein Befehl« etwa. In einem weiteren Bereich werden die Texte von vier Prozessbeobachtern, der Philosophin Hannah Arendt, des niederländischen Schriftstellers Harry Mulisch, des Journalisten Uri Avnery und des Dichters Haim Gouri, analysiert. Auszüge aus den Büchern der vier stellen einen hypothetischen Dialog nach.

Der echte Glaskasten, in dem Eichmann während des Prozesses in Jerusalem saß, ist Mittelpunkt der Ausstellung. Für die Kuratorin Yaara Gal-Or steht er symbolisch für die gesamte Schuld. »Jeder im Gerichtssaal wartete darauf, dass ein Monster in den Kasten steigt. Doch dann kam ein Mensch hinein und setzte sich hin. Die Banalität des Bösen kam zum Vorschein.«
Für die dritte Ausstellung braucht es nur einen einzigen Raum. Und diese Tatsache allein lässt die unfassbare Tragödie umso bedrückender wirken. In diesem einen Zimmer des Museums sind die Erinnerungen der jüdischen sowie der Sinti- und Romakinder gesammelt, die zwischen 1942 und 1945 aus Holland in die Todeslager der Nazis deportiert wurden. Viel ist es nicht. »Denn alles, was an sie erinnerte, wurde zerstört, alle, die sich an sie hätten erinnern können – Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Freunde, Nachbarn, Klassenkameraden – sie alle wurden ermordet.«

Amsterdam In Memoriam heißt die Ausstellung, die von Guus Luijters zusammengestellt wurde. Als er selbst ein kleiner Junge im Holland der Nachkriegsjahre war, radelte er mit seinem Vater durch Amsterdam und fragte, warum so viele Häuser leer stehen und so wenige Kinder spielen würden. Der Vater erzählte ihm, dass mehr als 19.000 Kinder von den Nazis abtransportiert wurden, nahezu 18.000 wurden in den Gaskammern ermordet. Darunter Anne Frank. Von den meisten Kindern, deren Leben von den Mördern geraubt wurde, ist keine Erinnerung mehr zu finden. Doch Luijters machte es sich zur Lebensaufgabe, das, was es noch gibt, zu suchen und auszustellen. Um den Mädchen und Jungen, die kein Leben haben durften, zumindest ihren Namen und ihr Gesicht wiederzugeben.

Mittlerweile ist es zu einem andauernden internationalen Projekt geworden. Nach der Ausstellung in Amsterdam sind durch Hinweise von Besuchern mehr als 700 neue Bilder und andere Informationen aufgetaucht.

Es ist ein geringer Trost. Denn die 17.964 Kinder hatten Eltern, die sie liebten, Dinge, die sie gern taten, Essen, das sie nicht mochten, glatte Haare oder Locken und Freunde, mit denen sie spielten. Die Nazis löschten alles aus. »Doch sie haben es nicht geschafft, ihnen ihre Namen zu nehmen«, macht Gal-Or deutlich. »Hier, in dieser Ausstellung, sind alle Namen und Geburtsorte aufgelistet und die Kinder wieder sichtbar gemacht.« Wie Gert Herz aus Recklinghausen, Taba Rozman aus Rotterdam, Mirjam Kahn aus Lübeck oder Mathilda Elly Hartogs und Sientje Abraham aus Amsterdam – die Namen der Kinder dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

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