Jerusalem

Die Enkel der Gründer

Töchter, Söhne, Enkel, Urenkelinnen und ein erst wenige Monate alter Ururenkel. Sie alle waren in die Knesset gekommen, um ihren Namen unter das Papier zu setzen, das bereits ihre Vorväter vor nahezu sieben Jahrzehnten unterschrieben hatten – die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel.

Die Zusammenkunft am vergangenen Sonntag machte den Auftakt zum ersten Israelischen Kongress zu Judentum und Demokratie, der im Februar in Jerusalem und Tel Aviv beginnt.
Für Tal Sharett, die Enkelin des einstigen Premierministers Mosche Sharett, ist es ein emotionaler Moment. Sie ist mit ihren Kindern Noam und Ori gekommen. Vor laufenden Fernsehkameras liest sie einen Paragrafen aus der Unabhängigkeitserklärung vor.

Freiheit »Das ist mir wichtig«, betont sie. Neben ihr steht ihr 14-jähriger Sohn Ori und nickt: »Der Staat Israel ... soll der Entwicklung des Landes verpflichtet sein zum Vorteil aller seiner Bewohner und soll auf den Grundsätzen von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden basieren. Vollständige und gleiche soziale sowie politische Rechte für alle Bürger, egal welcher Religion, Rasse oder von welchem Geschlecht, werden die Freiheit der Religion, Gesinnung und Sprache, Bildung und Kultur sichern und die Heiligen Stätten aller Religionen schützen...«

Werte »Ich erziehe meine Kinder im Sinne dieser Werte. Das, was mein Großvater so geschätzt hat, hat heute noch große Bedeutung für mich. Gerechtigkeit, Frieden und Gleichheit für alle Einwohner unseres Staates. Ich wünsche mir, dass es echte Werte sind – und nicht nur Worte.« Damals, sagt sie, hätten alle Unterzeichner an einem Strang gezogen. »Es ist schade, dass es diese Übereinstimmung nicht mehr gibt.« Pessimistisch aber ist Sharett nicht. »Ich schaue immer nach vorn.«

Ori Sharett meint, dass er sich an diese Worte erinnert, wenn es in der Schule oder im Freundeskreis Auseinandersetzungen gibt und jemand ausgestoßen werden soll. »Ich weiß dann immer, das ist nicht in Ordnung.«

Der Urenkel des Rabbiners Yehuda Leib Fischman Maimon ist nach seinem Urgroßvater benannt. Und Yehuda Rafael ist sich der Bedeutung der »Rolle«, wie die Unabhängigkeitserklärung genannt wird, durchaus bewusst. »Damals hielten säkulare und religiöse Juden zusammen. So sollte es auch heute sein. Denn nur, wenn wir im Inneren stark sind, können wir auch nach außen gegen unsere Feinde stark sein.«

Kongress Der Gründer und Vorsitzende des ersten Israelischen Kongresses zu Judentum und Demokratie, Haim Taib, hat die Erklärung ebenfalls unterzeichnet. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern sieht er eine Rückkehr zu den »Tagen des historischen Zionistischen Kongresses, in denen die Infrastruktur des Staates angelegt wurde und will zu Diskussionen um den Jüdischen Staat anregen«.

Die Organisation wird das ganze Jahr über Veranstaltungen durchführen, mit einem zweitägigen Kongress als Highlight. Der erste wird am 11. und 12. Februar stattfinden. »Dieser internationale Kongress will einen moralischen und ideologischen Pfad in Richtung einer pluralistischen israelischen Gesellschaft schaffen«, beschreibt Taib das Ziel.

Es haben sich bekannte Persönlichkeiten aus Israel und der jüdischen Diaspora angekündigt: unter anderem Senator Joseph Lieberman aus den USA, Staatspräsident Reuven Rivlin, der spirituelle Anführer der Drusen in Israel, Scheich Mofaq Tarif, und die Richterin des Obersten Gerichtshofes im Ruhestand, Dalia Dorner.

Der Vizepräsident des Obersten Gerichtshofes im Ruhestand, Eljakim Rubinstein, ist Ehrenpräsident des Kongresses und freut sich auf die Aufgabe: »In den fast 70 Jahren der Existenz hat die duale Identität Israels als jüdisch und demokratisch – während sie eine Quelle der Freude ist – auch zu vielen Komplikationen in großen Teilen der Gesellschaft geführt: individuell, gemeinschaftlich, sozial, politisch sowie religiös. Jüngste Ereignisse unterstreichen die Bedeutung, sich mit dieser Herausforderung auseinanderzusetzen.«

120 Jahre nach dem Ersten Zionistenkongress hat sich eine Gruppe von Aktivisten, Unternehmern und Akademikern zusammengetan, um sich mit Israels Zukunft zu beschäftigen, und den ersten Israelischen Kongress zu Judentum und Demokratie gegründet. »Dies ist ein bedeutender Moment in der Geschichte, und ich bin stolz, ein Teil davon zu sein«, sagt Rubinstein.

Zeremonie Voller Stolz ist auch Yael Rosenblum. Die Schwiegertochter des Politikers und Journalisten Herzl Rosenblum, der mehr als 35 Jahre für die Zeitung »Yedioth Ahronoth« schrieb, ist mit seinen zwei Töchtern und vier Enkeln nach Jerusalem gereist. »Diese Zeremonie ist sehr rührend, sie bringt mich zu den Wurzeln zurück.« Es wecke auch Erinnerungen an ihren Mann, den berühmten israelischen Journalisten Mosche Vardi, der von der damaligen Unterzeichnung berichtete. Vardi starb vor einigen Monaten.

»Wenn man den Text liest, ist es einfach fantastisch, denn er ist so wahr.« Leider, meint Rosenblum, sei die Realität heute eine andere. »Wir sind langsam wie andere Völker geworden, doch im jüdischen Staat sollte es nicht so sein.« Um Abhilfe zu schaffen, schlägt sie vor, dass der Text regelmäßig ins Bewusstsein der Bevölkerung gehoben werde. »Er muss immer wieder geschrieben und gelesen werden. In Zeitungen, Schulen und Universitäten. Nur so wird er auch Wahrheit, denn er ist gut für jedermann.«

Gleichheit Ihre Tochter, Sarit Rosenblum, ist durch die Einladung auf die Idee gekommen, den Inhalt der Erklärung in der Familie zu diskutieren. »Eine wundervolle Gelegenheit, der nächsten Generation die ursprünglichen Werte weiterzugeben, die heute noch so aktuell sind. Besonders ans Herz legt sie ihren Kindern den Gleichheitsgrundsatz.

«Außerdem ist es schön, an etwas Positives in der jüdischen Geschichte zu erinnern, die so voller Tragödien war. Auch wenn kurz darauf der Krieg ausbrach, war die Unabhängigkeit ein Tag der Freude und Euphorie.» Für ihre beiden Töchter ist es eine Möglichkeit, den Lebenslauf der Familie besser kennenzulernen. Die 14-jährige Mor und ihre zehnjährige Schwester Tal kennen nun die wichtigsten Passagen der Erklärung. «Und damit», meinen Mutter und Großmutter, «haben sie etwas Wertvolles für das ganze Leben gelernt.»

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