Nach Außen hin schrieb er Formeln an die Tafel, erklärte komplizierte Gleichungen und stand pünktlich zur Vorlesung im Hörsaal. Doch in seinem Innern plante ein Mathematikprofessor der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan einen grausamen Massenmord. Dazu wollte er andere anstiften, die seinen bösen Plan mit ihm ausführen sollten. In seinem Visier: unschuldige arabische Menschen in Israel.
Am 5. Oktober reichte die Staatsanwaltschaft des Zentralbezirks beim Bezirksgericht Lod eine Anklageschrift ein. Vorgeworfen werden dem Professor: Vorbereitung eines terroristischen Anschlags, Erpressung durch Drohungen und Behinderung der Justiz. Die Staatsanwaltschaft beantragte außerdem, ihn bis zum Ende des Verfahrens in Haft zu lassen. Aufgrund einer gerichtlichen Entscheidung darf sein Name bislang nicht veröffentlicht werden.
Wie israelische Medien am Montag berichten, sah ein 20-seitiges Manifest des Professors einen überraschenden Großangriff mit zahlreichen Opfern vor, der dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 gegen südliche israelische Gemeinden ähneln sollte: 72 jüdische Angreifer sollten dabei gleichzeitig arabische Ortschaften attackieren.
Plan sah Unterstützung durch »subversive Elemente« vor
Der Plan sah »Massenmorde« sowie die Besetzung von Straßen, arabischen Ortschaften, gemischten Städten und Krankenhäusern vor. Zudem setzte er auf die Unterstützung durch »subversive Elemente« innerhalb der israelischen Luftwaffe, der Artillerie und der Panzertruppe und warnte davor, dass ein Abbruch des Vorhabens zu »unerträglichem Chaos und anschließend zu einem Massaker an Juden« führen würde. Das Dokument wies die Rekruten zudem an, weder Frauen noch Kindern Gnade zu gewähren und ihre »Herzen zu verhärten«.
Nach Angaben der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft soll der Mann bereits im Februar 2023 – also Monate vor dem Hamas-Massaker am 7. Oktober desselben Jahres – mit der Ausarbeitung des Plans begonnen haben. Bis zu seiner Festnahme im September 2026 habe er daran weitergearbeitet. Insgesamt habe er die Tötung von 600 bis 700 Menschen geplant. Neben arabischen Bürgern Israels sollten Palästinenser in Ostjerusalem und im Westjordanland betroffen sein. Ziel sei es gewesen, durch die Gewalt einen Massenexodus in Richtung Jordanien, Libanon und in den Gazastreifen auszulösen.
Der Plan blieb nach Darstellung der Anklage allerdings nicht auf dem Papier. Im März 2023 soll er sich Luftaufnahmen des arabischen Ortes Tuba-Zangariyye im Norden Israels beschafft und den Ort mehrfach aufgesucht haben, um sich mit Zufahrtsstraßen und möglichen Angriffswegen vertraut zu machen.
Staatsanwaltschaft: »Der Mann hat bereits im Februar 2023 mit der Ausarbeitung des Plans begonnen und bis zu seiner Festnahme im September 2026 daran weitergearbeitet.«
Über einen Zeitraum von rund 18 Monaten soll er zudem versucht haben, Unterstützer zu gewinnen. Die geplante Attacke hätte am Tag nach einer Wahlkampfveranstaltung stattfinden sollen, unter deren Vorwand die Beteiligten zusammengebracht werden sollten. Der Professor habe versucht, weitere Personen für die Umsetzung zu rekrutieren, unter anderem über Kontakte ins rechtsradikale Milieu. Auch seine Tochter soll er gefragt haben, Kontakte zu Mitgliedern der sogenannten »Hilltop Youth« herzustellen. Sie habe dies jedoch abgelehnt.
In einem weiteren, eng beschriebenen handschriftlichen Brief an Mosche Feiglin, dessen Rechtsaußen-Partei »Zehut« (Identität) sich im Vorfeld der Parlamentswahl vom 27. Oktober mit der rechtsextremen Partei »Religiöser Zionismus« von Finanzminister Bezalel Smotrich zusammengeschlossen hatte, wurde diesem »öffentlichkeitswirksamer Schaden« angedroht, sollte er die Umsetzung des Plans nicht unterstützen. Ein ähnliches Schreiben ging an den Generaldirektor von »Zehut«.
Laut Feiglin und seiner Partei wandten er, sein Stellvertreter Generalsekretär der Partei, sich unmittelbar an die Polizei, nachdem sie die Droh- und Erpressungsschreiben des Professors erhalten hatten. Das bestätigte Feiglin am Dienstag.
Laut den Medienberichten habe sich der Professor auch mit dem rechten Podcaster Tamir Dortal getrofffen und ihm den »Plan« präsentiert. Der Podcaster allerdings verständigte nicht die Polizei und erklärte später gegenüber der Nachrichtenseite »Ynet«, der Mann habe sich als pensionierter Akademiker ausgegeben und einen seiner Ansicht nach »absurden« und »schrecklichen« theoretischen Plan vorgestellt. Er habe diesen abgelehnt, gefragt, ob er eine Waffe besitze – was dieser verneint habe – und ihn anschließend aufgefordert zu gehen. Die Ermittler gaben jedoch an, dass der Professor sehr wohl eine Waffenlizenz habe.
Rechter Podcaster ging nicht zur Polizei
»Ich bereue es, in diesem Moment nicht die Polizei verständigt zu haben«, sagte Dortal und bezeichnete es als »Fehleinschätzung«. Er gab an, nach der Festnahme des Professors vollumfänglich mit den Behörden kooperiert zu haben, und bestritt, den mutmaßlichen Komplott unterstützt oder dessen Umsetzung gefördert zu haben.
Auch die Hochschule, an der der Professor angestellt ist, äußerte sich: »Die Bar-Ilan-Universität verurteilt die in der Anklageschrift gegen den Dozenten aufgeführten Handlungen aufs Schärfste und ist über diese zutiefst entsetzt«, hieß es in einer Stellungnahme vom Dienstag. Die Universitätsleitung forderte Polizei und Staatsanwaltschaft auf, den Fall mit aller Härte des Gesetzes zu verfolgen, sollten sich die Anschuldigungen bestätigen. Der Dozent werde mit sofortiger Wirkung bis zum Abschluss des Gerichtsverfahrens von seinen Aufgaben freigestellt.
»Die Universität verfolgt – und wird auch künftig verfolgen – eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Verhaltensweisen dieser Art«, so die Erklärung weiter. »Ein solches Verhalten ist grundlegend unvereinbar mit den Werten, die wir als Juden, als Israelis und als Menschen teilen, und steht in klarem Widerspruch zu den Werten der Bar-Ilan-Universität.«
