Gilad Schalit

Der Heimkehrer

Endlich wieder zu Hause: Gilad Schalit bei seiner Ankunft in Mitzpe Hila Foto: Flash 90

Gilad Schalit

Der Heimkehrer

Zum Willkommen gab es Schnitzel und Pommes Frites

von Sabine Brandes  25.10.2011 09:37 Uhr

Einen Augenblick nur hebt er die Hand, winkt, dann ist er schon um die Ecke gebogen. Im Sweatshirt, mit dunkler Sonnenbrille und Baseballmütze genießt Gilad Schalit seinen ersten Spaziergang in der Sonne, die er so lange entbehren musste.

Auf diesen einen Moment hatten die Menschen stundenlang gehofft. Als sie ihn sehen, lachen alle, rufen, winken. Mitzpe Hila, das Dorf in Obergaliläa, ist Objekt überbordender Neugier, seit der junge Israeli nach fünfjährige Hamas-Gefangenschaft wieder zu Hause ist.

»Ihn zu sehen, geht mir durch Mark und Bein. Wenn er lächelt, ist es unbeschreiblich«, erzählt Anat Levy, die aus Jerusalem angereist ist und nur eines will: »Kurz sehen, ob es Wirklichkeit ist«. Levys Sohn leistet derzeit seinen dreijährigen Armeedienst ab, »und es tut gut zu wissen, dass unser Staat seine Soldaten nicht vergisst. Auch wenn es lange gedauert hat, Gilad heimzubringen. Viel zu lange.«

heimkehr Am 18. Oktober kam Gilad nach 1.941 Tagen endlich wieder nach Hause. Die Heimkehr sei wie eine neue Geburt ihres Sohnes, sagte der sonst so rationale Vater Noam noch am selben Abend. Noch immer strömen Schaulustige herbei, um einen Blick auf den jungen Schalit zu erhaschen.

Die Absperrungen der Sicherheitskräfte sind inzwischen verschwunden, einmal stündlich patrouilliert ein Polizeiwagen in der Straße vor dem Wohnhaus. In den letzten Tagen waren die Beamten vor allem damit beschäftigt gewesen, Glückwünsche und Geschenke weiterzuleiten, die die Besucher mitgebracht hatten: Blumen, Süßigkeiten, von Kindern gemalte Bilder. Auch aus dem Ausland sind Hunderte von Päckchen und Briefen für den jetzt 25-Jährigen eingetroffen.

Spaziergang Familie Kakoun ist drei Stunden lang im Auto von Sderot hergefahren, »um ihm zu zeigen, wie richtig wir seine Freilassung finden«. Mutter Inbal hält ständig den Finger auf dem Kameraauslöser. Als Gilad tatsächlich zu einem kurzen Spaziergang aufbricht, kann sie vor Aufregung kaum fotografieren. »Da ist er, er lebt«, ruft sie mit brüchiger Stimme.

Der Befreite selbst schweigt bislang in der Öffentlichkeit. Keine Interviews, keine Dankesreden. Immer wieder erklärt sein Vater, die lange Isolationshaft sei Grund, dass der Sohn noch nicht vor Menschenansammlungen reden könne. »Doch er sieht die Anteilnahme und ist sehr dankbar.«

Die Schalits sind sich bewusst, dass sie der Öffentlichkeit etwas zurückgeben müssen, sie verstehen das Interesse an ihrem Sohn. Schließlich hatten sie Bevölkerung und Medien während ihrer langen Kampagne gebraucht. In einem einzigartigen Abkommen hatten sich dennoch die großen Fernsehstationen des Landes verpflichtet, zehn Tage lang nach der Befreiung Abstand zu halten und die Privatsphäre der Familie zu respektieren.

Dabei gibt es bereits Interviewanfragen aus der ganzen Welt, darunter aus Deutschland, Frankreich und den USA. Noam ist in all den Jahren zum Profi vor der Kamera geworden. Seinem Sohn ginge es soweit gut, beschrieb er die Situation nach dem historischen Geschehen. Er wird von Armeeärzten und Psychologen betreut.

Zwar habe Gilad sehr viel Gewicht verloren, doch hungern musste er nicht. Allerdings bestand seine Ernährung vor allem aus Pitabrot und der Kichererbsenpaste Humus. So gab es gleich am ersten Abend im Kreis der trauten Familie eine Leibspeise des 25-Jährigen: Schnitzel mit Pommes Frites und Pasta. Er soll kräftig zugelangt haben.

Einzelheiten Jeden Tag gelangen neue Einzelheiten an die Öffentlichkeit. Dass er mittlerweile Arabisch verstehe, allerdings nicht spreche. Dass er nicht wisse, was Facebook ist. Über andere Dinge indes war Gilad gut informiert. Offenbar durfte er Radio hören, auch israelische Sender. Auf diese Weise erfuhr er von seiner bevorstehenden Freilassung. Manchmal waren sogar Sendungen im Fernsehen erlaubt, »allerdings nur Natursendungen und Sportereignisse wie die Tour de France«, ließ er wissen.

Nun sei vor allem die Familie gefragt, für den zurückgekehrten Sohn und Bruder da zu sein. »Er ist niemand, der etwas fordert. Er fließt mit dem Strom, und wir geben ihm zu Hause alles, was wir können.« Vor allem seien das Ruhe und Erholung. Gilad wünsche sich, sobald wie möglich in ein normales Leben zurückzukehren. Er möchte seine alten Hobbys wieder aufnehmen, Tischtennis und Basketball spielen, Fernsehen gucken.

Ein wenig begonnen hat er schon: Am vergangenen Freitag fuhr er eine Dreiviertelstunde auf seinem Mountainbike durch den Ort, am Samstag unternahm er mit seinem Vater einen Ausflug an den Strand. Drei Stunden später kamen sie zurück, und Gilad habe jede Minute genossen, erzählt man sich im Ort.

Schulfreunde Dass er sich nicht einigelt, sondern Leute besucht, beweist ein Treffen mit Schulfreunden am dritten Tag nach seiner »Heimkehr«. Schulfreund Dor Peled war dabei. »Nie im Leben hätte ich gedacht, dass er so drauf sein würde«, äußerte er sich im Anschluss enthusiastisch. »Es war eigentlich nichts Besonderes, wir saßen als Freunde zusammen im Zimmer eines Kumpels und haben Champions League im Fernsehen geguckt.«

Aufregend sei es dennoch gewesen, ihn wiederzutreffen. »Wir haben gequatscht und uns an Dinge erinnert, die wir zusammen gemacht haben.« Darüber geredet, wie es Gilad in Gefangenschaft ergangen ist, hätten sie allerdings nicht, sagte der Freund, »das wäre irgendwie zu viel gewesen«.

Einer, der weiß, wie es ist, nach langer Geiselhaft freizukommen, ist Azam Azam. Acht Jahre lang saß der israelische Druse Ende der 90er-Jahren wegen des Vorwurfes der Spionage im ägyptischen Gefängnis, wurde gefoltert. »Keine Frage, dass der Weg zurück ins normale Leben sehr schwer werden wird. Wenn jemand so lange in Haft und ohne Familie ist, kann nicht sofort alles gut sein.« Doch Azam hat Hoffnung für Gilad: »Heute ist bei mir wieder alles okay. Ich rede, lache, bin glücklich. Ziemlich normal eigentlich.«

Genau so, wie es sich der junge Soldat Schalit wünscht. Bald wollen er und seine Freunde ein gemeinsames Fußballspiel organisieren. Schließlich sei er bis zu seiner Entführung ein klasse Torwart gewesen. Und das will Gilad Schalit unbedingt wieder werden.

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