Jerusalem

Das Wunder der Normalität

Ausgezeichnet für israelisch-deutsche Wissenschaftskooperation: Menachem Ben-Sasson Foto: PR

Menachem Ben-Sasson betrachtet die Auszeichnung als Anerkennung des Verlustes der jüdischen Intellektuellen in der Nazizeit. »Doch die Ehrung ist nicht nur für mich«, so der Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem (HU) zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. »Sie ist für die Studenten und Professoren bestimmt, die Brücken bauen, Ideen austauschen und täglich gemeinsam forschen. Ich habe nur die Ehre, die höchste Auszeichnung Deutschlands als ihr Repräsentant entgegenzunehmen.«

Botschafter Clemens von Goetze sagte während der Verleihungszeremonie am 1. März: »Deutschland ist stolz, einer der wichtigsten internationalen Partner in der wissenschaftlichen Kooperation mit Israel zu sein – vor allem nach der Schoa, während der so viele Juden und jüdische Wissenschaftler von den Nazis aus dem Land gejagt, verfolgt und getötet wurden. 20 Prozent der Professoren im Deutschland der Weimarer Republik waren Juden. Die Deutschen sind sehr dankbar für die Großzügigkeit und Freundschaft der Israelis trotz des Horrors der Vergangenheit.«

»Professor Ben-Sasson, Sie sind der Schlüsselakteur«, so von Goetze weiter. »Das Bundesverdienstkreuz erhalten Sie für Ihr herausragendes, umfangreiches und persönliches Engagement bei den israelisch-deutschen Beziehungen auf dem Gebiet der Wissenschaft.«

Verfassung Zum einen ist es die familiäre Geschichte, die Ben-Sasson mit Deutschland verbindet, zum anderen die berufliche. Während seiner Arbeit als Vorsitzender des Verfassungsausschusses der Knesset verfasste er von 2006 bis 2009 eine komplette israelische Verfassung mit 16 Kapiteln. Den Großteil habe er in Kooperation mit dem Bundestag, dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe und der Konrad-Adenauer-Stiftung erarbeitet, erzählt er. »Ich saß viele Stunden im Bundestag und habe zugehört, habe verstanden, wie eine Verfassung funktioniert, und bin Deutschland dankbar, dass ich das alles lernen durfte. Ich rate auch den Israelis, dem deutschen Staat dafür zu danken.«

Als Präsident der Hebräischen Universität bindet er die Kooperation zwischen Israel und Deutschland in den Bereich der höheren Bildung ein und stärkt auf diese Weise die Verbindung der beiden Länder. Nach eigener Aussage gab er dem Bereich mehr Bedeutung und Zentralität, indem er weitere Programme aufbaute. Doch es sei nicht nur seine Arbeit, sondern die aller Leiter der Hochschule. »Jeder ist auf seinem Gebiet stark involviert und pflegt die Kontakte regelmäßig.« Heute sei Deutschland der wichtigste Partner nach den USA. Diese enge Bindung erklärt Ben-Sasson so: »In unserer direkten Nachbarschaft sind wir nicht akzeptiert. Deutschland ist praktisch der nächste Anrainer, so ist die Zusammenarbeit logisch, eine ganz strategische Entscheidung. Wir brauchen den nächsten hart arbeitenden und effizienten Nachbarn an unserer Seite.«

Kooperation 260 gemeinsame wissenschaftliche Programme zwischen den beiden Staaten gibt es heute, mit mehr als 1000 beteiligten Professoren und Studenten. Einige davon sind dem Uni-Präsidenten besonders ans Herz gewachsen: so etwa die Zusammenarbeit mit der Einstein-Stiftung. »Das ist exklusiv, wir sind die einzigen Partner außerhalb Berlins, mit denen die Stiftung kooperiert – und dabei fühle ich mich nie fremd bei diesen Treffen.« Mit der Freien Universität Berlin habe man ebenfalls eine ganz außergewöhnliche Beziehung, so sehr, dass Ben-Sasson die FU »als mein zweites Zuhause« bezeichnet. Auch die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut sei besonders, da sie die angewandte Wissenschaft vorantreibe.

Das Bundesverdienstkreuz sei die Anerkennung dafür, dass diese Arbeit gut laufe, meint er. »Das ist das Wunder der Normalität, das von der breiten Masse gestaltet wird. Es sind die Einzelnen, die es jeden Tag leben. Der stabilste Kontakt, der noch vor der Diplomatie kommt, ist die akademische Kooperation. Wissenschaft ist eine Sprache, die keine Farbe, keine Religion, keine Grenzen hat. Dadurch bauen wir die Zukunft der Welt.« Und das geschehe mittlerweile auf ganz natürliche Weise. »Ja, es ist normal geworden. Wir gehen zum Arbeiten an die Freie Universität Berlin, und sie kommen zu uns.«

Familie Ben-Sassons Mutter stammte aus der Ukraine und überlebte als Einzige ihrer Familie den Holocaust. Seinen Schwiegervater, den Kabinettsminister Yosef Burg, nennt er einen »Überlebenden der letzten Minute«. Alle in seiner Familie seien auf dieselbe Art mit Deutschland verbunden: »Durch die Kultur und die Traditionen, die die Schätze der Menschheit sind. Eine normale Zukunft aber erreicht man durch die Wissenschaft.«

Dennoch sei, wenn man als Israeli mit Deutschland zu tun hat, immer die Vergangenheit im Hintergrund präsent, merkt er an. Und er ist sicher, dass auch in den Köpfen der Deutschen etwas vorgeht, wenn sie sich mit Israelis treffen. Früher, gibt er zu, habe er gedacht, dass das in der dritten Generation verschwinden würde. »Meine Mutter hat hart dafür gearbeitet, dass ihre Familie ein normales Leben führen kann. Und doch sind die Folgegenerationen nicht frei davon. Das wird durch die Erziehung weitergegeben.« Auch seinen Enkelkindern, die er vor Kurzem mit auf eine Reise nach Berlin und Dresden nahm, sei klar, dass die Schoa Teil ihrer Geschichte ist.

Erinnern Ben-Sassons Standpunkt ist eindeutig: ein Nein zum Vergessen der Vergangenheit. »Es ist wichtig, dass wir uns erinnern, damit wir achtsam bleiben und wissen, dass auch die gebildetsten Menschen zur niedrigsten Bestie werden können. Unsere Mission ist nicht Rache, sondern das Erinnern als Verpflichtung auf die Werte der Menschlichkeit.« Berlin sei eine sich bewusst erinnernde Stadt, Deutschland ein sich bewusst erinnerndes Land. »Die Deutschen versuchen nicht, die Vergangenheit zu verstecken, und dieser Wille zur Erinnerung ist sehr wichtig für mich.«

Seine Frau, gibt Menachem Ben-Sasson schmunzelnd zu, ziehe Berlin sogar New York vor. Bei einer ihrer gemeinsamen Reisen in die deutsche Hauptstadt habe sie ihren Mann eines Tages gefragt: »Sag mal, ist es in Ordnung, dass ich mich hier so wohl fühle? Und ich habe geantwortet: Ja, das ist es. Weil es normal ist.«

Shelly Meyer

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