Unabhängigkeit

Countdown zum Staat

Zum Feiern blieb wenig Zeit. Direkt nach seiner Gründung musste der junge Staat Israel um sein Überleben kämpfen. Foto: Ullstein

Am 14. Mai 1948, genau um Mitternacht, sollte die knapp 30-jährige Herrschaft Großbritanniens über Palästina enden. London hatte die Region westlich und östlich des Jordan im Ersten Weltkrieg unter seine Kontrolle bekommen. 1922 übertrug der Völkerbund den Briten neben dem Irak auch Palästina, zu dem damals das Territorium des heutigen Jordanien gehörte, als Mandatsgebiet. Im Vorfeld hatten die Briten sowohl arabischen Nationalisten als auch der zionistischen Bewegung Versprechen gemacht, die schwerlich in Einklang zu bringen waren.

Die Folge: Es kam zu Aufständen. Araber kämpften gegen Juden und beide dann gegen die Briten. London entglitt die Kontrolle, weshalb man das Mandat an die Vereinten Nationen zurückgab. Im November 1947 sprach sich die Vollversammlung für eine Teilung in einen jüdischen und einen arabischen Staat aus. Die Zionisten feierten die Empfehlung; die Araber lehnten beleidigt ab. Für David Ben Gurion war das Ende des Mandats die Gelegenheit, die Unabhängigkeit zu verkünden. Er war als 20-Jähriger 1906 nach Palästina ausgewandert und sukzessive in der Hierarchie der zionistischen Arbeiterbewegung aufgestiegen. Nun stand er an der Spitze des Jischuw, der vorstaatlichen jüdischen Gemeinschaft in Palästina.

Doch nicht alle teilten die Meinung von Ben Gurion. Moshe Shertok, der provisorische Außenminister, der später den Namen Sharett annehmen sollte, war am 11. Mai von politischen Gesprächen aus den USA zurückgekehrt und berichtete, dass Außenminister George C. Marshall einer voreiligen Unabhängigkeitserklärung kritisch gegenüberstehe und Palästina lieber unter einer temporären UN-Verwaltung sähe. Deshalb sei aus Washington in dem zu erwartenden Konflikt mit den Arabern auch keinerlei Hilfe zu erwarten.

Angriff Man ging davon aus, dass die Araber unmittelbar nach Ablauf des britischen Mandats den Angriff beginnen würden. Yigael Yadin, Stabschef der Hagana, der vorstaatlichen Verteidigungskräfte, sah die Chance, daraus als Sieger hervorzugehen, bei fifty-fifty. Ein Triumph der Zionisten schien alles andere als sicher.

Die eigentliche Entscheidung zugunsten der Erklärung fiel am Mittwoch, 12. Mai 1948, im provisorischen Kabinett in Tel Aviv. Ben Gurion setzte sich dabei wie so oft durch. Jetzt oder nie, das war seine Devise. Mit sechs zu vier Stimmen entschied die zionistische Führung, am 14. Mai die Gründung des Staates Israel auszurufen. Doch so gut wie jede Formulierung in der Deklaration bot Anlass zum Streit.

Zunächst ging es darum, wie der neue Staat heißen sollte. Zur Diskussion standen »Zion«, »Judäa«, »Yehuda«. Ben Gurion plädierte für »Israel«, womit er sich abermals durchsetzen konnte. Die beiden anwesenden Juristen Bechor Shitrit und Pinchas Rosen sprachen sich dafür aus, die Grenzen des Staates in der Erklärung zu definieren. Ben Gurion lehnte dies jedoch mit dem Hinweis auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung ab, die ebenfalls keine Grenzen nennt. Es sei noch völlig unklar, welchen Umfang das Territorium des jüdischen Staats nach einem Konflikt mit den Arabern haben werde.

»Warum sollten wir uns zu Grenzen verpflichten, die die Araber ohnehin nicht akzeptieren?«, fragte er. Letztlich entschied das Kabinett mit fünf zu vier Stimmen, diese nicht zu definieren. Auch der Gottesbezug war ein heftiger Streitpunkt. Aus der Perspektive der säkularen Arbeiterpartei war dieser unerwünscht. So einigte man sich auf die Formulierung »im Vertrauen auf den Felsen Israel«, was man sowohl als Bezugnahme auf Gott als auch auf das Land verstehen konnte. Man kam überein, am Freitag um 16 Uhr die Erklärung im Museum auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv zu verlesen.

Dresscode »Dunkle, festliche Kleidung ist erwünscht!« Sogar im sonst sehr informellen Jischuw gab es für diesen Anlass einen Dresscode. Shertok überarbeitete das Konzept und präsentierte es am Abend darauf um 18 Uhr. Der Text war nun viel zu lang. Ben Gurion feilte deshalb noch die gesamte Nacht an der Erklärung. Am Freitag, den 14. Mai, um 13.50 Uhr trafen sich 25 Mitglieder des Nationalrats in Tel Aviv – elf Mitglieder saßen im belagerten Jerusalem fest. Sie bestätigten die vorgelegte Unabhängigkeitserklärung. Das Meeting des Nationalrats endete um 15 Uhr; so blieb den Ratsmitgliedern etwa eine Stunde, um sich auf die bisher wichtigste Veranstaltung ihres politischen Lebens vorzubereiten.

Die Verlesung der Erklärung war nicht öffentlich angekündigt. Man fürchtete, dass die Briten, die nominell bis Mitternacht noch die Autorität im Lande waren, im letzten Moment intervenieren könnten. Deshalb wurde in der Einladung, die am Morgen von Boten überbracht wurde, um größte Diskretion gebeten. Natürlich funktionierte es mit der Geheimhaltung nicht wirklich, weshalb sich Hunderte Menschen vor dem Haus auf dem Rothschild-Boulevard einfanden. Tausende saßen gebannt vor den Radios und lauschten der ersten Live-Übertragung des neuen Senders »Voice of Israel«. Im Inneren drängten sich 250 Gäste in die kleine Halle.

Zeev Sharef, Sekretär der provisorischen Regierung, war nach der Sitzung des Rates zurückgeblieben und wartete, bis die Unabhängigkeitserklärung in der endgültigen Version abgetippt worden war. Nun schien die Zeit knapp. Er raste zum Rothschild-Boulevard und wurde wegen überhöhter Geschwindigkeit von einem Polizisten angehalten. Erst als der Ordnungshüter erfuhr, um was es gerade ging, verschob er das Strafzettelschreiben.

Hatikwa Pünktlich um 16 Uhr eröffnete Ben Gurion die Sitzung. Spontan erhob sich die Menge und sang die Hatikwa, die künftige Nationalhymne. Ben Gurion erklärte: »Ich werde nun die Unabhängigkeitserklärung verlesen.« Er erhob seine Stimme: »Im Lande Israel entstand das jüdische Volk.« Die folgenden zehn Absätze, die sozusagen die Präambel bilden, erklären den Hintergrund: die Geschichte des jüdischen Volkes, den Kampf um die nationale Wiedergeburt und um seine internationale Anerkennung. Der elfte Absatz war der Höhepunkt: »Wir (…) sind heute zusammengekommen, am letzten Tag des britischen Mandats über Palästina, und proklamieren kraft des natürlichen und historischen Rechts des jüdischen Volkes und der Resolution der Generalversammlung der UN hiermit die Gründung des jüdischen Staates in Eretz Israel, der Medinat Yisrael genannt wird.«

Daraufhin erhoben sich die Zuhörer klatschend und jubelnd. Nun verlas Ben Gurion die Prinzipien der Freiheit, der Gerechtigkeit, des Friedens sowie gleicher sozialer und politischer Rechte, die den neuen Staat leiten sollten. Demonstrativ bot er den arabischen Nachbarländern die Hand zum Frieden an. Daraufhin unterzeichneten die Mitglieder des Volksrates einzeln und in alphabetischer Reihenfolge das Dokument. Zum Abschluss sangen die Anwesenden erneut die Hatikwa. Gut sieben Stunden später, um Punkt null Uhr, endete das britische Mandat. Elf Minuten später erklärte das Weiße Haus in Washington, dass es Israel als Staat anerkennt. Viele weitere Länder sollten folgen.

Doch damit war die Existenz des jungen jüdischen Staates noch keineswegs gesichert. Ben Gurion vermerkte noch am 14. Mai in seinem Tagebuch: »Um 4 Uhr am Nachmittag war der Staat gegründet worden. Unser Schicksal liegt nun in der Hand der Streitkräfte.« In den frühen Morgenstunden des 15. Mai fielen bereits die ersten Bomben auf Tel Aviv. Ägypten, Jordanien, der Irak, Syrien und der Libanon marschierten in den gerade erst gegründeten Staat ein – der israelische Unabhängigkeitskrieg hatte begonnen.

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