Armee

Charedi in Uniform

»Es war eine völlig andere Welt, ja, wie ein anderer Planet«: Yechiel Radozki über seine ersten Tage in der Armee Foto: Zahal

Es war ein harter Kampf, der sein Leben bedrohte – zumindest das Leben, das er bislang gekannt hatte. Yechiel Radozki ist Charedi und Soldat in der israelischen Armee. Zwei Dinge, die für viele nicht zusammenpassen, mit Ablehnung und sogar Gewalt gestraft werden. Doch für Radozki stimmt diese Kombination. Seit acht Jahren trägt er Olivgrün, mittlerweile ist der Feldwebel Berufssoldat.

Für den Großteil der ultraorthodoxen Gemeinde aber gilt es als Sünde, statt schwarzem Anzug eine Uniform anzuziehen, statt zur Tora zur Waffe zu greifen. »Doch ich konnte nicht immer nur in diesem Zimmer sitzen und lernen. Ich spürte mit jedem Tag deutlicher, dass ich aufstehen und etwas tun muss«, erinnert sich Radozki an die Momente, in denen er als Jeschiwastudent zum ersten Mal gefühlt hat, dass es so für ihn nicht weitergeht. Er war 22 Jahre alt.

Doch es ist gerade dieses Aufbegehren, das von der Gemeinschaft abgelehnt wird. Seit der Staatsgründung sind Jeschiwastudenten vom Militärdienst ausgenommen. Aus anfangs einigen Hunderten wurden Hunderttausende, die den Dienst verweigerten. Hinzu kamen fingierte Statistiken der Jeschiwot, die zu immer mehr Unmut in der Bevölkerung führten. Die Debatte um den Wehrdienst für streng religiöse junge Männer landete vor dem Obersten Gericht, das entschied, dass die Ausnahmen dem Gleichheitsgrundsatz widersprechen und damit verfassungswidrig sind.

Reform 2014 wurde die Reform des sogenannten Tal‐Gesetzes in der Knesset verabschiedet. Danach müssten auch streng religiöse Männer Militär‐ oder Zivildienst leisten. Folgen sie dem nicht, drohen Strafen, auch Haft. Doch mittlerweile ist die Reform bloße Theorie. Denn die jüngste Koalition gab dem Druck der ultraorthodoxen Parteien nach und erlaubte eine Ausnahmeregelung. Dennoch kann die Armee auch in charedischen Kreisen nicht gänzlich ignoriert werden. Die jungen Männer müssen sich nach dem Einberufungsbescheid zumindest beim Militär vorstellen, damit die Ausnahme festgestellt wird. Viele verweigern sogar das. Und so kommt es immer wieder zu Festnahmen und gewalttätigen Protesten.

Diesen Zorn erlebte Radozki am eigenen Leib. Mehrfach wurde er beschimpft und beleidigt, bespuckt und einmal sogar tätlich angegriffen. »Ich konnte nicht glauben, dass ich im Staat Israel stehe, eine Uniform trage, das Land beschütze und dafür geschlagen werde. Ich war wütend, und es hat unglaublich wehgetan. Ich habe gedacht, die Raketen, vor denen ich euch schütze, könnten doch auch euch treffen.«

Radozki ist keine Ausnahme. Erst in der vergangenen Woche wurde der Sohn des amerikanisch‐israelischen Politikers Dov Lipman, Schlomo, im charedischen Viertel Mea Schearim in Jerusalem angegriffen. Er war in Uniform in ein Geschäft gegangen, um ein Buch zu kaufen. Draußen wartete der Mob, der ihn durch die Straßen hetzte. Lipman wurde von einem Krankenwagen unversehrt aus der Gegend gebracht. In jüngster Zeit greift die Polizei härter gegen Angreifer durch. Nachdem ein Undercover‐Polizist ebenfalls in Mea Schearim vor einigen Wochen attackiert worden war, nahmen die Beamten mehrere Extremisten fest.

Sondergenehmigung Dass die Übergriffe damit gänzlich aufhören, ist unwahrscheinlich. Regelmäßig rufen Rabbiner zum Ungehorsam und teilweise sogar zu Gewalt gegen die militärischen Vorschriften auf. Um nicht in gefährliche Situationen dieser Art zu gelangen, hat Radozki eine Sondergenehmigung, dass er die Basis ohne Uniform verlassen und auch ohne zurückkehren darf.

Er ist überzeugt, dass es eine zwar laute und aggressive, doch auch sehr kleine Gruppe von Krawallmachern ist. »Die meisten in der Gemeinschaft tolerieren es, wenn ultraorthodoxe Männer in der Armee dienen. Sie wünschen es sich wohl nicht für ihre eigenen Kinder, doch bei anderen wird es hingenommen.« Auch Radozkis Vater hatte sich diesen Werdegang sicher nicht für seinen Sohn vorgestellt. Yechiel ist der einzige Soldat in der Familie. »Mein Vater hat getobt, gestritten und geschrien. Monatelang. Er wollte es partout nicht akzeptieren.«

Da der damals 22‐Jährige ahnte, was kommen wird, durchlief er den Prozess heimlich. »Ich habe meine Eltern vor vollendete Tatsachen gestellt. Es gab für mich keinen anderen Weg.« Seine Mutter habe ihn zwar nicht mit Worten, doch mit aufmunternden Blicken unterstützt. Dennoch ging es für ihn zu Hause erst einmal nicht mehr weiter. Monatelang schlief er auf der Couch von Freunden. »Ich war in einem schweren Konflikt gefangen und fühlte mich völlig alleingelassen.« Dennoch kehrte er wenige Tage vor seiner Einberufung ins elterliche Haus zurück. »Es war mir wichtig, dass ich erhobenen Hauptes in die Armee gehe.« Seine Mutter fuhr ihn in die Basis, der Vater sprach kein Wort.

Angst »Es ist die große Angst, dass die Kinder die Religion verlieren, alles aufgeben, was die Gemeinschaft zusammenhält.« Erst, als sein Vater sah, dass der Sohn noch immer religiös ist und die halachischen Gesetze einhält, versöhnten sich die beiden. »Er sah, dass die Armee gut für mich ist und ich mich nicht gegen die Traditionen stelle. Heute ist er mein bester Freund.«

Der Anfang in der IDF war verwirrend. »Ich stand auf einmal auf einem sandigen Platz in Uniform, die israelische Fahne wehte über mir, und ich dachte: Wo bin ich hier? Es war eine völlig andere Welt, ja, wie ein anderer Planet im Vergleich zu meinem vorherigen Leben.« Doch Radozki gewöhnte sich schnell an seinen neuen Alltag. Vor allem, weil er so positiv aufgenommen wurde. »Es wurde mir nichts als Respekt entgegengebracht.« Heute sei es für die charedischen Soldaten viel leichter, sich in das Armeeleben zu integrieren, denn es gibt spezielle Einheiten für Charedim, in denen alles auf ihre Religiosität abgestimmt ist. »Als ich 2009 eintrat, war das nicht so. Ich musste mir alles selbst zusammensuchen«, erzählt er und schmunzelt.

Heute ist der Armeedienst für Yechiel Radozki ein stimmiges Konzept. »Ich fühle mich hier gänzlich ernstgenommen und aufgehoben. Deshalb habe ich mich als Berufssoldat verpflichtet. Die Armee ist das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe das Gefühl, dass ich mich in jedem Bereich weiterentwickelt habe: in professioneller Hinsicht, doch auch im Zwischenmenschlichen, und wie ich ein besserer Mensch werden kann. Ich lerne hier jeden Tag fürs Leben.«

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