Carmel-Gebirge

Brennende Fragen

Wer trägt Schuld am größten Waldbrand in Israels Geschichte? Wer übernimmt die Verantwortung? Nach dem Feuer folgen die brennenden Fragen. Vier Tage Kampf gegen das Flammeninferno im Carmel-Gebirge brauchte es, bevor die Einsatzkräfte in der Nacht zum Montag schließlich über die Natur siegten. Löschflugzeuge aus der Türkei, Zypern, Großbritannien, Frankreich, den USA und anderen Ländern waren herbeigeflogen, um den Israelis zu helfen. 42 Tote, fast 250 Häuser in Schutt und Asche sowie fünf Millionen zerstörte Bäume auf einer Fläche von 5.000 Hektar im Naturgebiet »Kleine Schweiz« sind die Bilanz des Desasters. Das Feuer ist aus – die Vorwürfe gegen die Verantwortlichen indes werden immer lauter.

Zwei Jugendliche aus dem Drusendorf Usfiya waren am vergangenen Sonntag unter dem Verdacht festgenommen worden, das Feuer durch Unachtsamkeit verursacht zu haben. Nach ihrer Anhörung entschied der Richter jedoch, sie wieder auf freien Fuß zu setzen. Die Begründung: Es könne nicht endgültig festgestellt werden, ob sie tatsächlich als Verursacher infrage kämen, zudem seien sie minderjährig. Ein weiterer Jugendlicher aus dem gleichen Dorf wurde am Montag als dringend tatverdächtig bezeichnet.

Politik Nun schaut das Land auf jene, die auf politischer Ebene Verantwortung übernehmen sollen. Dabei ist hinlänglich bekannt, dass der Feuerschutz seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten, sträflich vernachlässigt worden war. Der Mangel bei Personal und Fahrzeugen schrie zum Himmel, getan wurde so gut wie nichts. Ein Bericht des Staatskontrolleurs von 2007 beschreibt die »Feuerwehr als schwächstes Glied in Israels Rettungskräften«. In den vergangenen drei Jahren soll sich der Zustand noch weiter verschlechtert haben.

Vor allem Innenminister Eli Yishai, dem der Bereich unterstellt ist, muss dafür derzeit jede Menge Kritik über sich ergehen lassen. Immer mehr Stimmen fordern seinen sofortigen Rücktritt. Doch Yishai will davon nichts hören und verweist stattdessen auf »die vielen Briefe, die ich geschrieben habe«. Der Minister spricht von einer Lynchaktion gegen ihn als ultraorthodoxen rechtsgerichteten Sefarden. »Ich kenne keinen Minister, der mehr für irgendeinen Bereich getan hat als ich für die Feuerwehr.« Die Knesset hat bislang noch nicht entschieden, ob sie eine Untersuchungskomission einrichten wird.

Was eine Untersuchung auch ergeben mag, eindeutig ist, dass der finanzielle Schaden der Brandkatastrophe immens ist. Allein für den Wiederaufbau der Häuser sowie Straßen und Naturgebiete sind 60 Millionen Euro veranschlagt. Um auf Nummer sicher zu gehen, waren die Einsatzkräfte nach dem Löschen des Brandes noch einen Tag länger im Gefahrengebiet geblieben. Der lang ersehnte Regen am Montagmorgen jedoch machte es unwahrscheinlich, dass sich das Feuer noch einmal entzünden würde. 17.000 Menschen waren in den ersten zwei Tagen evakuiert worden, am Montag durften sie alle in ihr Häuser zurückkehren. Am schlimmsten getroffen sind der Kibbuz Beit Oren, das arabische Dorf Eyn Chud, Jemin Ordeh sowie die Künstlerenklave Ein Hod. Hier hatte der Brand nicht nur Wohnungen und Gärten zerstört, sondern auch unwiederbringliche Kunstwerke.

Das malerische Dörfchen, das sich in die Hänge des Carmelberges schmiegt, ist beliebtes Ziel für Touristen aus dem In- und Ausland. Fast jeder der Bewohner hat sich den schönen Künsten verschrieben. Auch einer der bekanntesten Sänger Israels, Schlomo Artzi, besitzt hier ein Haus. Es ist verschont geblieben. Andere hingegen nicht. »Für mich ist es ein Wunder, für meine Nachbarn eine Katastrophe. Wir müssen jetzt alle zusammenhalten und uns gegenseitig helfen«, meinte er bei einem Rundgang durch die Gemeinde. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte unbürokratische Hilfe für all jene zu, deren Hab und Gut in Flammen aufgegangen sei.

Reaktion Der Premier, im Land eher für Zögerlichkeit in brenzligen Situationen bekannt, verlor dieses Mal keine Zeit: Sofort, als er die Nachricht vom Ausbruch des Feuers erhalten hatte, bat er die internationale Staatengemeinschaft um Hilfe. Die Israelis allein waren nicht in der Lage, das Feuer unter Kontrolle zu bringen, und Netanjahu gab es unumwunden zu. Der Mangel an Löschflugzeugen und Feuerwehrleuten in Kombination mit völlig veralteter Ausrüstung zeigte sich auf erschreckende Weise. Während in den meisten europäischen Ländern auf etwa tausend Einwohner ein Feuerwehrmann kommt, ist es nur einer für 6.000 bis 7.000 Israelis.

Es ist bekannt, dass Menschen bei Katastrophen sich gegenseitig stützen. Auch bei Nationen gibt es einen derartigen Effekt. Genannt wird er »Desaster-Diplomatie«. Eine der ersten Nationen, die ihre Hilfe bei der Feuerbekämpfung anbot, war die Türkei, Israels ehemals engster Verbündeter in der Region, zu dem die Beziehungen seit den Toten auf der Gaza-Flotille »Mavi Marmara« äußerst strapaziert sind. Netanjahu persönlich bedankte sich bei seinem Kollegen Recep Tayyip Erdogan und schickte prompt seinen Gesandten in Genf los, um sich mit türkischen Vertretern zu treffen. Laut eines Berichts in der Tageszeitung Haaretz wollten beide Nationen das positive Momentum ausnutzen.

Die Regierungen der Nachbarländer Ägypten und Jordanien schickten ebenfalls Helfer, und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ließ einen Löschzug voller palästinensischer Feuerwehrleute von Jenin nach Haifa rollen. Dort kämpften sie Seite an Seite mit israelischen Kollegen gegen die Flammen. »Auch wir in Jenin fühlen mit den Menschen, wenn es in Israel eine Katastrophe gibt«, sagte einer von ihnen, der zum ersten Mal in seinem Leben in der israelischen Hafenstadt war. »Wir sind froh, dass wir hier helfen können.«

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