Bericht

Antisemitische Gewalt auf Höchststand seit Jahrzehnten

Nach dem Anschlag vom Bondi Beach legen Trauernde Blumen nieder Foto: picture alliance / REUTERS

Im Schatten des Gaza-Krieges ist die Zahl schwerer antisemitischer Gewalttaten weltweit stark gestiegen. Das geht aus dem neuen Jahresbericht zum Antisemitismus hervor, den die Tel Aviv University veröffentlicht hat. Besonders im Westen beobachten die Forscher einen sprunghaften Anstieg physischer Angriffe auf Juden.

Im Jahr 2025 wurden 20 Juden bei vier verschiedenen Angriffen ermordet – die höchste Zahl an Todesopfern antisemitischer Gewalt seit mehr als drei Jahrzehnten. In vielen Ländern nahm zudem die Zahl der Menschen zu, die Opfer körperlicher Angriffe wie Schlägen oder Steinwürfen wurden.

Bei der Gesamtzahl antisemitischer Vorfälle, dazu zählen auch Vandalismus, Drohungen oder Online-Belästigungen, zeigt sich ein komplexeres Bild. In einigen Ländern stiegen die Zahlen, in anderen gingen sie leicht zurück. Insgesamt liegt das Niveau jedoch in nahezu allen westlichen Staaten weiterhin deutlich über dem Stand von 2022, also vor Beginn des Gaza-Krieges.

Bericht gilt als eines der wichtigsten internationalen Dokumente

Der Bericht gilt als eines der wichtigsten internationalen Dokumente zu diesem Thema und wird seit 2001 jährlich veröffentlicht. Er basiert auf Daten von Strafverfolgungsbehörden, jüdischen Gemeinden, spezialisierten Beobachtungsstellen sowie auf Interviews und Feldforschung der Wissenschaftler. Herausgegeben wird er vom Zentrum für das Studium des zeitgenössischen europäischen Judentums sowie dem Irwin-Cotler-Institut für Demokratie, Menschenrechte und Gerechtigkeit.

Eine zentrale Studie des Berichts analysierte antisemitische Angriffe, die zwischen 2020 und 2025 in den vier Ländern mit der größten jüdischen Bevölkerung – den USA, Frankreich, Kanada und Großbritannien – strafrechtlich verfolgt wurden. Grundlage waren tausende juristische Dokumente, Medienberichte und Interviews.

Der Höhepunkt der registrierten Vorfälle wurde unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 erreicht. Danach setzte zwar ein Rückgang ein, doch dieser Trend setzte sich im Jahr 2025 nicht fort. Für Uriya Shavit, Verfasser des 152-seitigen Berichts, Grund zu großer Sorge: »Die Daten deuten darauf hin, dass antisemitische Vorfälle zunehmend zur Normalität werden.«

Besonders alarmierend sind laut Bericht die Entwicklungen in Australien. Dort kam es neben mehreren gewalttätigen Angriffen zu einem besonders schweren Anschlag: Beim sogenannten Chanukka-Massaker nahe Sydney wurden 15 Juden ermordet. Insgesamt wurden im Land 1750 antisemitische Vorfälle im Jahr 2025 registriert, nach 1727 im Jahr 2024. Zum Vergleich: 2023 waren es 1200, 2022 nur 472. Auffällig ist außerdem, dass die Zahlen nach dem Ende der Kämpfe im Gazastreifen erneut anstiegen. Zwischen Oktober und Dezember 2025 wurden 588 Vorfälle registriert, deutlich mehr als die 492 Fälle im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Studienleiter Carl Yonker: »Viele Täter sind Einzeltäter, die keiner organisierten Gruppe angehören. Sie kommen häufig aus zwei unterschiedlichen ideologischen Lagern.«

In Deutschland wurde im Vergleich der beiden vergangenen Jahre zwar ein Rückgang der Vorfälle verzeichnet – 5729 im Jahr 2025 gegenüber 6560 im Jahr 2024. Doch betrachtet man das Jahr 2022 mit 2811 Fällen, ist der Anstieg immens. Bei der Anzahl der Vorfälle mit körperlicher Gewalt war der Rückgang jedoch geringer: 144 gegenüber 148.

Auch in Kanada erreichten die Zahlen ein neues Hoch. Dort stieg die Gesamtzahl antisemitischer Vorfälle von 6219 im Jahr 2024 auf 6800 im Jahr 2025 – mehr als dreimal so viele wie 2022. In Kanada machen Juden nur etwa ein Prozent der Bevölkerung aus, sind aber Ziel von 72 Prozent aller gemeldeten Hassverbrechen – und damit 25-mal häufiger betroffen als jede andere Minderheit.

In Großbritannien wurden 3700 Vorfälle registriert, nach 3556 im Jahr 2024 und 1662 im Jahr 2022. Besonders auffällig war auch dort ein deutlicher Anstieg nach dem Ende des Gaza-Krieges: Die Zahl der Vorfälle zwischen Oktober und Dezember sprang von 741 auf 1078. Während die Zahl schwerer Gewalttaten von zwei auf vier stieg, nahmen Fälle von Vandalismus deutlich zu.

In Frankreich, das nach Israel und den Vereinigten Staaten die drittgrößte jüdische Bevölkerung hat, sank die Gesamtzahl antisemitischer Vorfälle von 1570 im Jahr 2024 auf 1320 im Jahr 2025. Gleichzeitig nahm jedoch die körperliche Gewalt zu: Die Zahl entsprechender Angriffe stieg von 106 auf 126.

In New York, der größten jüdischen Stadt der Welt, ging die Zahl der polizeilich registrierten Vorfälle leicht zurück, von 344 im Jahr 2024 auf 324 im Jahr 2025. Nach dem Ende der Kämpfe im Gazastreifen stiegen sie jedoch auch dort wieder an: von 68 auf 80 zwischen Oktober und Dezember.

Vorschlag, Ministerium aufzulösen

Der Bericht enthält zudem eine scharfe Kritik an der israelischen Regierung und ihrer Rolle im globalen Kampf gegen Antisemitismus. Die Autoren schreiben: »Die Regierung hat keine einzige bedeutende und wirksame Maßnahme ergriffen und oft Schaden angerichtet. Israelische Politiker auf höchster Ebene haben den Begriff ‚Antisemitismus‘ stetig erweitert, unter anderem durch zynische und voreilige Äußerungen, ihn seiner Bedeutung beraubt und den Kampf gegen Judenhass geschwächt.«

Die Autoren schlagen infolgedessen vor, das israelische Ministerium zur Bekämpfung des Antisemitismus aufzulösen und dessen Budget sowie Kompetenzen den diplomatischen Vertretungen zu übertragen. »Nur der kontinuierliche Kontakt vor Ort mit jüdischen Gemeinden, Strafverfolgungsbehörden und Bildungseinrichtungen kann die Sicherheit jüdischer Gemeinschaften stärken«, so der Bericht.

Der Studienleiter Carl Yonker erklärt, warum Prävention so schwierig ist: »Viele Täter sind Einzeltäter, die keiner organisierten Gruppe angehören.« Sie kämen häufig aus zwei sehr unterschiedlichen ideologischen Lagern: weiße Christen mit Ideologie der weißen Vorherrschaft sowie antizionistische Muslime. Gleichzeitig repräsentierten die Täter ein breites Spektrum an Altersgruppen, Regionen und sozialen Hintergründen – unter ihnen ein hoher Anteil Arbeitsloser und gesellschaftlich marginalisierter Menschen.

Zu den Autoren der Studie gehören außerdem die Forscher Noah Abrahams, Elie Houé und Antonio Peña. Der Bericht enthält zudem Analysen zu Antisemitismus in kleineren jüdischen Gemeinden weltweit sowie ein Interview mit dem bekannten Holocaust-Historiker Christopher Browning.

Für den ehemaligen kanadischen Justizminister Irwin Cotler ist die Entwicklung äußerst alarmierend: »Wir erleben nicht nur eine unvergleichliche Zunahme antisemitischer Vorfälle weltweit seit Beginn der Erhebungen in den 1970er Jahren, sondern auch eine beispiellose Zunahme von Hassverbrechen gegen Juden.«

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