Raketenterror

Angst in Aschkelon

Reste einer Grad-Rakete, die vor wenigen Tagen aus dem Gazastreifen auf Aschkelon abgefeuert wurde. Foto: Flash 90

Eben noch war Michal tief in das Buch versunken, das vor ihr auf dem Tisch lag und grübelte über Englischvokabeln nach. Jetzt sitzt sie unterm Schreibtisch, den Kopf zwischen die Knie geklemmt, die Hände verschränkt. Ohrenbetäubend kreischt der Alarm durch die Räume des Gymnasiums in Aschkelon. Michal schließt die Augen, die Gedanken rasen. Dieses Mal ist es glücklicherweise nur eine Übung. Doch Unterm-Tisch-Kauern gehört hier mittlerweile ebenso zum Unterricht wie Mathe und Englisch. In den vergangenen Wochen waren Dutzende Raketen aus dem Gazastreifen tief in israelische Gemeinden vorgedrungen. Nicht mehr nur Sderot. Sie landen in Beer Schewa, Aschkelon, Aschdod. Zurück bleibt eine traumatisierte Bevölkerung.

Auf den ersten Blick richteten die Grads, Kassams und Mörsergranaten hauptsächlich Sachschaden an. Doch die Geschosse haben viel mehr als nur die unmittelbare Zerstörungskraft im Gepäck. Sie tragen den Terror der Ungewissheit auf ihren metallenen Körpern in die Gemeinden. Obwohl sich die Lage in den letzten Tagen aus militärischer Sicht entspannt hatte, ist die Bedrohung für die Menschen noch lange nicht vorüber.

Schutz Am Sonntag baute die israelische Armee in der Nähe der Wüstengroßstadt Beer Schewa eine Einheit des Raketenabwehrsystems »Eiserne Kuppel« auf. Doch nicht alle fühlen sich besser: »Das Schlimmste ist, dass es immer und überall passieren kann. Wir wissen nicht, wann und und wo die nächste einschlagen wird«, beklagt sich Beverly Jamil, Mutter von Zwillingen aus Aschkelon. »Jedes laute Geräusch lässt uns zusammenzucken, alle schauen sich permanent um, haben diesen getriebenen Blick. Es ist alles andere als entspannt.«

Die Reiseverkehrskauffrau kennt und liebt die Stadt am Meer seit 1983. »Aber in diesen Tagen ist es ein anderer Ort. Überall herrscht Angst.« Auch sie kann sich dem Gefühl nicht entziehen, in ständiger Sorge zu sein. In der vergangenen Woche hatte ein Elternkomitee entschieden, dass die Kinder nicht zur Schule gehen. Da es in den meisten Bildungseinrichtungen keine Bunker oder Sicherheitsräume gibt, müssen die Schüler bei einem Alarm unter die Tische kriechen. Einen anderen Schutz gibt es nicht.

»Doch wenn eine Salve von Gradraketen einschlägt, hilft das so gut wie gar nicht«, macht Jamil deutlich. Auch die Organisation der Nachmittage empfindet sie problematisch. Schließlich könne sie ihre 13-jährigen Mädchen nicht immer zu Hause einschließen. »Sie sind in einer Jugendgruppe aktiv, wollen raus«, so die Mutter. »Das normale Leben muss weiterlaufen. Wir Eltern gehen zur Arbeit, und unsere Kinder bleiben allein zurück. Dieser Gedanke ist schier unerträglich«.

Szenario Psychologin Jehudit Bar-Hay kennt das Dilemma nur zu gut. Aus persönlicher Sicht – sie kann aus ihrem Fenster auf den Gazastreifen sehen – und beruflicher. Bar-Hay betreut als Psychologin Opfer von Terror und Krieg für die israelische Hilfsorganisation NATAL. »Die Menschen verlieren ihr Gefühl für Sicherheit, es ist das schrecklichste Szenario überhaupt. Während in anderen Katastrophenregionen das Schlimmste irgendwann vorbei ist, man nach vorne schauen kann, dauert die Bedrohung hier bereits seit zehn Jahren an. Und ein Ende ist nicht in Sicht.«

Vor sechs Jahren habe es auch in Sderot noch so gut wie keine Sicherheitsräume gegeben. Heute sind viele Gebäude, allen voran Schulen und Kindergärten, verstärkt. Die Raketen jedoch fliegen immer weiter, in ungeschützte Regionen, Städte. Man könne nicht das ganze Land zu einem Bunker machen, lautet die Devise der Regierung. »Aber die Menschen haben dadurch keinen Zufluchtsort, keinen Schutz«, so Bar-Hay. In den Ortschaften, die in unmittelbarer Nähe zum Gazastreifen liegen, sieht man heute bereits die Auswirkungen des jahrelangen Beschusses: »Sehr viele Kinder und Jugendliche können überhaupt nicht allein bleiben, oft nässen noch Teenager ins Bett.

Dazu tauchen hier überdurchschnittlich viele Lernschwierigkeiten auf, die Mädchen und Jungen können sich nicht konzentrieren. Auch gibt es ein Übermaß an Wut und natürlich die ständige Angst. Die Arten der Traumatisierungen sind vielfältig.« NATAL bietet psychologische Behandlung zu Hause, hilft Kindern und Eltern gemeinsam. In Sderot und Netivot gehören die Frauen und Männer schon längst zum Alltag. Bar-Hay ist überzeugt: »Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir auch in Beer Schewa, Aschkelon und Aschdod regelmäßig gebraucht werden.«

fokus Sehr besorgt ist auch Daniel Dorot aus Aschkelon. »Es geht ja nicht darum, dass die Raketen ein, zwei Häuser bedrohen, sondern vor allem um strategische Ziele. Wenn die getroffen werden, wird die Zerstörung immens sein.« Der 67-Jährige beschreibt die vergangenen Wochen als eine Art Spießroutenlaufen. »Alle versuchen nach jedem Einschlag schnell wieder zurück zur Normalität zu finden.

Doch das geht gar nicht. Jeder bleibt extrem wachsam, schaut und hört auf alles Außergewöhnliche, macht sich Gedanken um seine Lieben.« Die unsichere Lage würde den Fokus von alltäglichen Dingen wie Arbeit, Produktivität und Familie wegdrängen und »frisst einfach an unserer Lebensfreude«. Keine entspannte Minute gäbe es seitdem. »Und das ist genau das, was die Palästinenser, die Raketen abfeuern, wollen: die Bevölkerung Israels zu terrorisieren.«

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