Israel

Acker oder Laufsteg

Die Jahre nach der Staatsgründung Israels waren von außergewöhnlichen Anstrengungen geprägt, in der – wie die israelische Historikerin Anat Helman schreibt – »eine neue Nation von Israelis geformt und definiert werden musste«.

Bei dieser Aufgabe halfen nicht zuletzt auch Schönheitswahlen. Diese entwickelten sich in den 50er‐ und 60er‐Jahren zu einem festen Bestandteil der israelischen Gesellschaft mit großer medialer Präsenz. Im Folgenden nur eine Auswahl der vergebenen Titel: »Königin des Kinos«, »Miss Megiddo«, »Königin des Strandes«, »Weinkönigin«, »Königin der Stewardessen«, »Königin der Unabhängigkeit« oder »Prinzessin von Tel Aviv«.

Insbesondere der Veranstalter der offiziellen Miss‐Israel‐Wahl, die Frauenzeitschrift »LaIscha« (Für die Frau), informierte ausführlich über das Ereignis. Bereits nach der ersten Wahl 1950 vermeldete LaIscha stolz den massenhaften Andrang: »Im großen Publikum, das am Sonntag das Amphitheater in Ramat Gan füllte, herrschte Hochstimmung. Die Jungen und Mädchen kletterten auf eine Baumgruppe um das Amphitheater, um das historische Ereignis beobachten zu können – sie waren aufgeregt. Hunderte Jugendliche, die vor lauter Übermut die Regeln der Höflichkeit vergaßen, kletterten über die Mauern, um in den Saal zu gelangen.«

Als junge Frau mit den perfekten Körperproportionen wurde die 21‐jährige Miriam Jaron zur Gewinnerin des ersten Jahres gewählt. Die Beschreibung der Krankenschwester aus Jerusalem gibt einen Eindruck davon, wie man sich die »schönste« israelische Frau vorstellen durfte: »Sie ist eine dunkelhaarige Schönheit, hoch gewachsen, mit einem herzlichen Lächeln und großen, eindringlichen Augen. Sie hat einen wunderbar herausragenden Körper vom Typ ›Sabra‹.«

Sabra Es ging nicht nur darum, irgendeine »schöne« junge Frau zu küren, sondern ihren Körper und ihr Gesicht mit nationalen Symbolen, Traditionen und Werten zu verbinden. Die Frische und Jugendlichkeit ihres Körpers wurden dem erbaulichen Leben in Israel zugeschrieben. Der zionistische Nationalismus, wie auch seine europäischen Vorbilder, hob die Jugend als Sinnbild für die Zukunft, für Optimismus und dynamische Kraft hervor. Speziell die Sabra‐Generation, die im Land auf die Welt gekommen und aufgewachsen war, feierte sich selbst und ihre Jugendkultur.

Jaron kam aus Deutschland, wanderte aber in jungen Jahren nach Palästina ein und konnte so zur Sabra‐Generation gezählt werden. Sie hatte nach europäischen Standards ideale Körpermaße, aber zugleich auch einen kräftigen, vitalen Sabra‐Körper, der eine ganze Generation repräsentierte. Dazu gehörte auch der typische sonnengebräunte Teint. Eine gewisse »orientalische« Identität manifestierte sich somit auch im Körper der Schönheitskönigin. Der Teint ist ein Indiz dafür, dass das Klima als prägend für die Region erkannt wurde. Die intensive levantinische Sonneneinstrahlung färbte die Haut dunkler, und dieses Merkmal wurde stolz zelebriert.

Trotz der Beliebtheit des Wettbewerbs mussten sich die Veranstalter auch Kritik gefallen lassen. Am schwersten wog der Vorwurf der Dekadenz zu Zeiten der nationalen Sparpolitik. 1949 führte die Regierung einen strengen Sparkurs ein, der Rationierungen und Preiskontrollen beinhaltete. So hoffte man, die Herausforderungen durch die zahlreichen Kriegsschäden und die schnell anwachsende Bevölkerung bewältigen zu können. Der erste Krönungsball für die Schönheitskönigin fiel zufällig auf den gleichen Tag wie die neuen Rationierungsbestimmungen, die nun auch Kleidung betrafen. In vielen Zeitungen fehlte der Hinweis nicht, dass der Auftritt von Frauen in teuren Abendkleidern der Realität im Land widersprach.

Den Journalistinnen von LaIscha war diese Tatsache bewusst. Trotzdem habe die Modenschau eine »Erleichterung für die Frauen« bewirkt, die so Gelegenheit hatten, sich in Sachen Mode auf den neuesten Stand zu bringen. Für viele sei die Veranstaltung »ein Lichtstrahl in unserem grauen Leben« gewesen. Auch wenn es 1950 nicht möglich und ebenso wenig passend war, in Israel feine Haute Couture zu tragen, so sehnte frau sich doch danach. Die Wahl der Schönheitskönigin war eine einzigartige Gelegenheit, diese unerfüllten Sehnsüchte zum Ausdruck zu bringen.

Anhand der Wahl der Schönheitskönigin lässt sich zeigen, dass ein neues natio­nales Frauenvorbild entstand: das Bild der schönen Israelin. Vor allem, wenn is­raelische Schönheitsköniginnen an internationalen Wettbewerben teilnahmen, kannte der nationale Stolz auf den Seiten der Frauenzeitschrift keine Grenzen mehr. Aber mit welchem nationalen Frauenideal konkurrierte sie?

Nostalgie Die Zeitschrift der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung »Dvar HaPoelet« (Wort der Arbeiterin) gehörte zu den größten Kritikern der Wahl der Schönheitskönigin. Die Frauen, die federführend hinter diesem Magazin standen, verehrten die Werte der Pionierin. Sie betrachteten den oberflächlichen Wettbewerb als Gefahr für den nationalen Geist des Landes und als Angriff auf die einst epochemachenden Pionierideale.

Die ideale israelische Frau solle in dieser Zeit der Not nationale Werte wie Aufopferung, Bescheidenheit und kollektive Hingabe fortführen, vorzugsweise in einer ländlichen Siedlung. Die »wahre« Pionierin habe nicht nach einer überbetonten äußerlichen Weiblichkeit gestrebt, sondern auch im Aussehen nach größtmöglicher Geschlechtergleichheit. Nun aber beeinflusse eine »leere und billige« städtische Zeitung wie LaIscha die Frauen Israels und verbreite »inhaltlose Sensationslust«. Diese scharfe Ablehnung veröffentlichte das Magazin der Arbeiterinnenbewegung im Jahre 1952.

Ihre nationalen Heldinnen verehrte es hingegen in der Rubrik »Zur Erinnerung«, in der regelmäßig Nachrufe auf verstorbene Kameradinnen veröffentlicht wurden. Ihre Lebensläufe glichen dabei einer »langen Kette von schwerer Arbeit«. Die vielseitigen Tätigkeiten, die bei der Errichtung der ersten Landwirtschaften verlangt wurden, galten als äußerst anstrengend und ermüdend. Frauen halfen zudem bei den anstrengenden Straßenbauarbeiten mit oder hätten sich »schwielige und blutüberströmte Hände« beim Häuserbau in Tel Aviv geholt, nur um sich später daran zu beteiligen, weitere Flächen für die Landwirtschaft urbar zu machen.

Der Pioniergeist (Chaluziut) der vergangenen Jahre diente nach wie vor als Ideal. Die positiv hervorgehobenen Errungenschaften der ersten Generation der Pionierinnen sind ein integraler Teil der israelischen Erinnerungsgemeinschaft der 50er‐ und 60er‐Jahre und legen Zeugnis über eine Zeit ab, die bereits ihrem Ende zuging.

In den vielen Nachrufen auf verstorbene Pionierinnen schwang eine Sehnsucht nach der »guten alten Zeit« mit. Allerdings entwickelte sich die Lebenswirklichkeit in Israel anders, als es ihren Idealvorstellungen entsprach. Die Werte des Chaluziut veränderten sich rasch und wurden von der jungen Generation nicht mehr fortgeführt. Auch die meisten Neueinwanderer hatten einen anderen kulturellen Hintergrund.

Gemeinsamkeit Zwei unterschiedliche Frau­enzeitschriften propagierten demnach zwei sehr unterschiedliche nationale Frauenvorbilder. Dvar HaPoelet berief sich auf die ruhmreiche Vergangenheit der Pio­nierin, welche die Gründung des Staates, die Erfüllung der zionistischen Vision, erst möglich gemacht habe. LaIscha hingegen, das bürgerliche und kommerzielle Wochenmagazin, propagierte das Idealbild der israelischen Schönheitskönigin.

Das Magazin vertrat ein konservatives Leitbild, das die Schönheit des weiblichen Körpers und die feine weibliche Etikette betonte. Zudem warb es für ein luxuriöses Leben mit modischen Kleidern und aufregenden Reisen, das dem Bescheidenheitsanspruch der Pionierin widersprach. Die ideale Pionierin war ein hart arbeitendes Mitglied eines landwirtschaftlichen Kollektivs, wohingegen die Schönheitskönigin ein glamouröses, ichbezogenes Stadtleben führte.

Trotz der offensichtlichen Gegensätze hatten die beiden Frauenvorbilder, Pionierin und Schönheitskönigin, ebenso frappierende Gemeinsamkeiten. Beide dienten dazu, die weibliche Bevölkerung Israels auf die großen Herausforderungen ihres Staates einzuschwören und ein nationales Pflichtbewusstsein zu stärken. Zu den Pflichten für Frauen zählte vor allem, als Mütter die jüdische Bevölkerung zu vermehren.

Eines der zentralen politischen Ziele nach der Staatsgründung war es, eine stabile jüdische Bevölkerungsmehrheit zu schaffen. So wollte man den jüdischen Charakter des Staates sichern, der sich durch den Konflikt mit den arabischen Staaten stets bedroht sah. Weiterhin ist dieser Anspruch vor dem Hintergrund der Massenvernichtung der europäischen Juden in der Schoa zu verstehen. Der Staat Israel verstand sich als einziger Ort, an dem das jüdische Volk demografisch wiederbelebt werden konnte.

Fürsorge Die Mutter und Hausfrau wurde sowohl in Dvar HaPoelet als auch in LaIscha als Heldin gefeiert, die sich liebevoll und kompetent um den Nachwuchs, den Ehemann und um das Wohlbefinden der gesamten Nation kümmerte. Die Mutterschaft galt als absolute und »natürliche« Erfüllung im Leben einer Frau und die Mutter als allumfassendes Sinnbild, das die nationale Gemeinschaft auf das Beste repräsentierte.

Gerade die »mütterlichen« Eigenschaften charakterisierten auch ihre vielfältigen Aufgaben im Militär. Frauen wurden zwar seit 1949 verpflichtend in die Armee einberufen, aber hatten vor allem geschlechtsspezifische Aufgaben zu erfüllen. Dazu gehörten administrative Büroarbeiten, Einsätze als Köchin, Fernmelderin, Ingenieurin und Krankenschwester, Fahrdienste, die Ausbildung neuer Rekruten und die Überwachung von Hygiene‐ und Disziplinstandards. Die Armee wurde nicht nur als eine Institution der militärischen Stärke angesehen, sondern auch als ein Ort, an dem sich die Verteidiger des Landes wohlfühlen sollten, umgeben von »weiblicher« Fürsorge und »weiblichem« Ordnungssinn.

Die Ideale der Pionierin und Schönheitskönigin existierten Seite an Seite – bisweilen im Gegensatz zueinander, dann wieder in Einklang miteinander – und boten Frauen (und Männern) eine Vision der weiblichen Partizipation am Projekt der Konsolidierung des israelischen Nationalstaats. Es sollte gezeigt werden, dass Frauen und ihre Vorbilder nicht minder bedeutend für das Selbstverständnis der nationalen Gemeinschaft waren.

Ganz im Gegenteil: Die junge israelische Gesellschaft verband gerade mit ihnen ein hohes Maß an Nationalstolz. Wobei die Präferenz im Verlauf der Jahre zum Vorbild der Schönheitskönigin tendierte – auch weil es mehr unmittelbares Glück versprach als das aufopfernde Ideal der Chaluza (Pionierin). Die wachsende zahlenmäßige Verbreitung des kommerziellen Frauenmagazins LaIscha, im Vergleich zu den sinkenden Verkaufszahlen von Dvar HaPoelet, belegt diesen Trend.

Die Autorin ist Akademische Leiterin im Generalkonsulat des Staates Israel in München. Der Beitrag basiert auf ihrem Buch »Pionierinnen und Schönheitsköniginnen. Frauenvorbilder in Israel, 1948–1967« (Wallstein, Göttingen 2017). Zum selben Thema wird sie auf der Tagung der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden »Wie alles begann … Die Staatsgründung Israels im Fokus der Geschichte« (6.–8. Juni, Frankfurt/M.) einen Workshop leiten.

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