Glossar

Lecha Dodi

»Komm mein Freund, der Braut entgegen, lasst uns den Schabbat begrüßen«: erste Zeile des Gedichts »Lecha Dodi« Foto: Flash 90

Einer der Höhepunkte des Kabbalat-Schabbat-G’ttesdienstes ist der Pijut »Lecha Dodi«, das mystisch‐liturgische Gedicht, mit dem wir den Schabbat willkommen heißen. Wir rezitieren es in der Synagoge am Freitagabend bei Sonnenuntergang. Lecha Dodi bedeutet »Komm, mein Freund«. Das Lied ist eine Aufforderung an den Bräutigam, sich mit seiner Braut, die ein Synonym für den Schabbat ist, zu vereinigen.

Während wir die letzte Strophe von »Lecha Dodi« singen, das mit »Boi, Kalla!«, »Komm, Braut (Schabbat)!«, endet, erhebt sich die Gemeinde und wendet sich zur Tür, um die »Königin Schabbat« mit einer Verbeugung zu begrüßen – als ob wir, das jüdische Volk, an ihrem Hochzeitstag ihr Bräutigam wären. Manche meinen, dass wir mit dieser Geste auch unsere persönliche Begrüßung der »Neschama jetera«, der zusätzlichen Seele, die jeder Mensch für die Dauer des Schabbats erhält, zum Ausdruck bringen wollen.

Kabbala Lecha Dodi wurde von Rabbi Schlomo Ha‐Levi Alkabetz (1505–1576) verfasst. Er war der erlesene Führer der Kabbalisten. Er hat sich im Lecha Dodi selbst verewigt: Sein Name erscheint, wie damals üblich, als Akrostichon. Das heißt, die ersten Buchstaben der ersten acht Strophen ergeben den Namen des Autors.

Lecha Dodi ist durchdrungen von tiefen kabbalistischen Deutungen, wie zum Beispiel, dass die »Kalla«, die Braut, in diesem Gedicht nicht der Schabbat, sondern die Schechina, die g’ttliche Gegenwart, ist. Während der Woche wohnt sie in einer unteren Ebene des Himmels, und am Schabbat bewegt sie sich nach oben in höhere Sphären. Dieser Schritt ist ein Anlass zu großer Freude, ähnlich der Freude einer Braut, die an ihrem Hochzeitstag zur Chuppa schreitet.

Der Kabbalat-Schabbat-G’ttesdienst ist im Vergleich zu den anderen Gebeten, die zu Beginn des Zweiten Tempels entstanden, relativ neu. Er wurde um 1500 n.d.Z. von einer Gruppe von Kabbalisten in Safed im Heiligen Land etabliert. Dieser neuartige G’ttesdienst beruhte auf einer Sitte der Gelehrten des Talmuds, die ihre beste Kleidung anzogen und einander zuriefen: »Lecha, Dodi, likrat Kalla!« – Gehen wir, um die Schabbatkönigin zu empfangen!

Gesang In ihren weißen Gewändern zogen die Kabbalisten zu Fuß durch die Straßen von Safed, bis sie die Felder am östlichen Stadtrand erreichten. Dort sangen sie sechs Psalmen für die sechs Tage der Schöpfung und Rabbi Schlomo Alkabetz’ Gedicht Lecha Dodi.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich verschiedenartige Bräuche, das Lecha Dodi zu singen. In einigen Gemeinden sang man jede Strophe zu einer anderen Melodie. Es wird sogar berichtet, dass der Berliner Kantor Rabbi Aharon Beer (1738–1821) das Lecha Dodi an jedem Schabbat des Jahres mit einer anderen Melodie sang. Vor allem in den polnischen und galizischen chassidischen Gemeinden (Gur, Alexander, Belz, Zanz, Modzitz) wurde es gesungen, während es in vielen ukrainischen und russischen chassidischen Gemeinden (Tschernobyl, Kassov, Karlin, Lubawitsch) nicht gesungen wurde.

Es gibt eine weit verbreitete Sitte, die Melodie während des Lecha Dodi zu verändern, wenn man die Strophe »Lo tewoschi« (»Steh nicht beschämt«) erreicht. Woher dieser Brauch stammt, ist nicht ganz klar. Manche vermuten, es könnte daran liegen, dass dies die einzige negativ formulierte Strophe ist.

Die Kraft dieser wunderbaren Schabbathymne bringt die Betenden dazu, sich auf ihr Leben zu besinnen und auf die Erlösung Zions zu hoffen. Die Poesie dieses Liedes geleitet uns aus dem Wochentag heraus und führt uns hin zum Empfang der Königin Schabbat.