Tourismus

Kein Platz an der Sonne

Dank Billigfliegern und Image-Kampagnen kommen immer mehr Besucher – doch die Infrastruktur kann nicht mithalten

22.03.2018 – von Sabine BrandesSabine Brandes

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Auf dem Carmelmarkt von Tel Aviv sind die ausländischen Besucher in diesen Tagen lauter als die Marktschreier, und an den Stränden hört man viel öfter Deutsch, Chinesisch, Polnisch, Englisch oder andere Sprachen. Jeder Monat schreibt neue Rekordzahlen – Touristen aus vielen Ländern der Erde strömen in Scharen ins Heilige Land. Während die israelische Regierung in immer neue Werbekampagnen und Attraktionen investiert, kommt der Ausbau der Infrastruktur kaum hinterher.

Reiseführer und Gruppenleiter beginnen, sich zu beklagen, dass es an Parkplätzen, Ausschilderung, öffentlichen Toiletten, längeren Öffnungszeiten und Ähnlichem mangelt. Besonders an den Hauptattraktionen wie der Jerusalemer Altstadt oder den christlichen Stätten am See Genezareth gebe es zu lange Wartezeiten und zu wenig Komfort, bemängeln sie.

Einer von ihnen ist Ran Apik. Er begleitet Gruppen in und um Jerusalem sowie in der Gegend am Toten Meer. »Es ist vor rund einem Jahr losgegangen, dass viel mehr Touristen kamen. Für die Branche und ganz Israel ist das wundervoll. Ich habe viel Auf und Ab erlebt, aber dies ist ein echter Boom, der anhalten wird. Unser kleines Land hat so viel zu bieten wie kaum ein anderes, und jetzt sehen das immer mehr Menschen«, freut sich der Touristenführer, der seit mehr als drei Jahrzehnten im Geschäft ist.

Engpässe Es stimme allerdings, dass es längere Wartezeiten und häufige Engpässe gibt. »Es kam wahrscheinlich auch für die Verantwortlichen alles etwas überraschend«, meint Apik. Den Parkplatzmangel, vor allem um die Altstadt von Jerusalem, sieht er derzeit als größtes Problem. »So gut wie jede Gruppe kommt an diesen Ort. Aber was soll werden, wenn es im Sommer brütend heiß ist? Wir können doch keine Gruppen von 70-Jährigen zwei Kilometer bis zur Kotel marschieren lassen.«

Da müsse schnell Abhilfe geschaffen werden. Allerdings weiß er aus Erfahrung, dass sich die meisten Besucher dessen bewusst seien. »Wenn man im Sommer in Italien oder sonstwo in Europa ist, steht man sich auch vor jeder Sehenswürdigkeit stundenlang die Beine in den Bauch.« Apik ist sicher, dass in den kommenden ein bis zwei Jahren in Israel viel in diesem Bereich verbessert werden wird.

Die Erweiterungen laufen bereits auf Hochtouren. Vor wenigen Tagen wurde am internationalen Flughafen Ben Gurion ein neuer Flügel eröffnet. Gebaut wurde der vierte Passagierbereich mit Namen E von dem bekannten Architekten Mosche Safdie. Durch den Flughafen reisten in 2017 rund 20,8 Millionen, während es im Jahr zuvor nur knapp 18 Millionen waren. Für das laufende Jahr sind 23 Millionen anvisiert, Tendenz steigend. Mehr als 100 Fluglinien verkehren derzeit im Ben Gurion.

Nach Angaben des Zentralen Statistikbüros besuchten im Vorjahr 3,6 Millionen Menschen aus dem Ausland Israel – mehr als 25 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der heimischen Wirtschaft bringt das satte eineinhalb Milliarden Schekel jährlich sowie viele Jobs.

Die Gründe für den Boom sind das Angebot der Billigflieger aus europäischen Ländern durch das Open-Skies-Abkommen, die relative politische Ruhe und die Tatsache, dass Terroranschläge und Bedrohungen mittlerweile überall stattfinden. »Sicherheitsbedenken gibt es heute nicht mehr nur für unser Land«, erklärt Jossi Fattal, Chef der israelischen Touranbieter-Vereinigung. »Die persönliche Sicherheit ist mittlerweile in Europa genauso ein Thema wie hier in Israel.«

Öffnungszeiten Jeff und Sandy Rose aus San Diego haben für das kleine Land in Nahost nur Lob – mit einer Ausnahme: »Faszinierende Städte und Ausgrabungen, saubere Strände, herausragendes Essen, nette Leute und ein wunderbares Klima. Aber diese kurzen Öffnungszeiten bei den meisten Attraktionen sind rückschrittlich.« Das Paar hatte eine Woche Rundreise durch das Land gebucht und blieb anschließend eine weitere, um verschiedene Gegenden auf eigene Faust zu erkunden. »Wir haben uns in Israel verliebt, aber hätten gern noch mehr gesehen. Viele Museen, Kirchen oder Ausgrabungen sind schon am frühen Abend zu.«

Tatsächlich schließen viele kulturelle Einrichtungen um 17 Uhr ihre Pforten. »Da muss wirklich etwas geschehen«, stimmt Apik den amerikanischen Besuchern zu. »Der Ansturm ist so groß, dass alles bis in die späten Abendstunden oder sogar rund um die Uhr geöffnet sein müsste.« Andere bemängeln fehlende Kapazitäten bei den Hotels.

Zwar gebe es eine regelrechte Explosion bei kleinen Boutique-Hotels, zudem böten immer mehr Israelis ihre Wohnungen über Airbnb an, doch große Gruppen hätten oft Schwierigkeiten unterzukommen. »Abgewiesen wird keiner«, ist Apik sicher, »aber sie müssen oft außerhalb der Städte untergebracht werden.« Jossi Fattal argumentiert, dass die Bauzeit von Hotels wegen der »notorischen Bürokratie« mit fast zehn Jahren in Israel einfach zu lang sei, während man in anderen Ländern schon nach ein bis zwei Jahren reservieren könne.

Bauzeit Das Tourismusministerium indes erläutert, dass gerade an diesem Bereich gearbeitet werde. »Um die Zahl des Zimmerangebotes zu erhöhen, hat das Ministerium verschiedene Initiativen gestartet, die die Bauzeit verkürzen und vereinfachen.« Dazu gehört beispielsweise die Umgestaltung von Bürogebäuden in Hotels.

Auch in Eilat ist das Ministerium aktiv. Vor einigen Tagen startete es eine neue Werbekampagne. In einem Video bittet der Pilot die Fluggäste nach der Ankunft, ihre dicken Wintermäntel direkt auf dem Runway an einem Kleiderständer aufzuhängen. »Denn hier brauchen sie die nicht.«

In der Tat ist in der Stadt am Roten Meer das ganze Jahr Badesaison. In der laufenden Wintersaison landeten nach Angaben des Tourismusministeriums bereits mehr als 116.000 Besucher. Jede Woche kommen 40 bis 50 Maschinen an. Derzeit laufen verschiedene Projekte, um die Infrastruktur in der abgelegenen Stadt am südlichsten Zipfel des Landes zu verbessern: der Bau eines neuen Flughafens und die Renovierung der in die Jahre gekommenen Promenade.

Justyna Katrinowa aus Warschau war gerade da. »Ich musste einfach diesem Endloswinter in Europa entfliehen«, sagt sie und lacht, als sie in Sommerkleid und Sandalen über den Rothschild-Boulevard in Tel Aviv spaziert. »Eine Woche Baden am Roten Meer, eine Woche Party in Tel Aviv, und es ist perfekt.« Zwar seien in Eilat überall Touristen aus allen möglichen Ländern, aber von Überlaufen könne keine Rede sein. »Es war voll, aber nicht zu voll. Und außerdem würde ich mich bei diesem fantastischen Sonnenschein mitten im März niemals über ein bisschen Schlangestehen beklagen.«

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