Kandidatencheck

Zwei für Amerika

von Hannes Stein

Im Januar dieses Jahres fiel Senator Obama auf, dass er das hatte, was man in Amerika unbefangen »a Jewish problem« nennt. Der Grund waren verschiedene E‐Mails, die im Internet kursierten. In ihnen wurde unter anderem behauptet, dass Obama insgeheim ein Muslim sei, der an einer Madrassah in Indonesien studierte, und dass er sich geweigert habe, den Treueeid auf die amerikanische Republik abzulegen. Absender dieser Gerüchte schienen häufig Juden oder Israelis zu sein. Barack Obama berief daraufhin eine Pressekonferenz mit jüdischen Journalisten ein, um verschiedene Dinge klarzustellen: Er unterstütze Israel, und zwar nicht in irgendeinem ungefähren Sinn, sondern ausdrücklich »als jüdischen Staat«. Der fortgesetzte Raketenbeschuss aus Gasa erfülle ihn mit Besorgnis. Verhandlungen mit der fundamentalistischen Hamas sollten nicht aufgenommen werden, solange diese Organisation sich weigere, Israel anzuerkennen. Man sollte hinzufügen, dass solche Meinungen in den USA nicht als irgendwie abseitig, sondern eher als normal gelten.
Vielleicht ist dies der passende Ort, um den Stöpsel mit energischem Ruck aus ein paar Verleumdungen zu ziehen. Also: Barack Hussein Obama, der 47‐jährige Senator aus Illinois, der wohl der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei bei den Wahlen im November sein wird, wurde keineswegs als Muslim erzogen, schon gar nicht als islamischer Fundamentalist. Sein Name zeigt zwar, dass er väterlicherseits aus einer muslimischen Familie in Ostafrika stammt; tatsächlich war sein Vater aber Atheist. Überdies sah Obama ihn das letzte Mal, als er zehn Jahre alt war (seine Eltern ließen sich scheiden). Danach lag seine Erziehung in den Händen seiner weißen Mutter. Er selbst schloss sich als junger Mann einer christlichen Gemeinde an.
Das soll aber nicht heißen, dass es für Juden keine Gründe gäbe, Barack Obama mit einem gediegenen Misstrauen zu betrachten. Zum einen hat er sich als Chef seines außenpolitischen Beraterteams ausgerechnet Zbigniew Brzezinski ausgesucht, einen »Realisten«, der früher Jimmy Carter zur Seite stand. Brzezinski hat in der Vergangenheit gelegentlich durch antiisraelische Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht, etwa als er im Libanonkrieg von 2006 sagte, die Israelis praktizierten so etwas wie Geiselerschießung. Zuletzt war Brzezinski hellauf begeistert von dem Buch Die Israel‐Lobby von Stephen Walt und John Mearsheimer, in dem die Autoren behaupten, die USA seien vor allem wegen ihrer Unterstützung von Israel ins Fadenkreuz der islamischen Terroristen geraten. Vor Kurzem gab es dann noch ein Interview mit Achmed Yousef vom Führungskader der Hamas. Und der sagte: »Uns macht Obama nichts aus, wir mögen ihn sogar. Wir hoffen, dass er die Wahl gewinnt, ich glaube, dass er wie John Kennedy ist, ein großer Mann mit großen Prinzipien, und ich glaube, dass er Amerika so verändern möchte, dass es die Weltgemeinschaft führt, aber nicht mit Dominanz und Arroganz.« Die Republikaner werden seither nicht müde, Obama dieses Zitat unter die Nase zu reiben.
Zweitens ist da die Sache mit Obamas Pfarrer: Jeremiah Wright hat wiederholt Louis Farrakhan seiner Sympathien versichert, einen schwarzen islamischen Prediger, der Adolf Hitler gut findet und Juden nicht mag. Ferner hat Wright den »Staat« Israel in einem offiziellen Bulletin seiner Kirche in distanzierende Gänsefüßchen gesetzt und dort auch einen Hamas‐Text nachgedruckt. Gewiss hat Barack Obama sich mittlerweile eindeutig von dem Pfarrer distanziert, aber immerhin hat er dessen Predigten jahrelang jeden Sonntag gelauscht. Obama behauptet, so lange er dabei war, sei nie eine antisemitische Äußerung gefallen – anderenfalls hätte er die Kirche auf der Stelle verlassen. Aber kommt seine Distanzierung nicht ein bisschen spät, wie einige Kritiker meinen?
Wer wissen will, ob diese beiden Schwachpunkte Barack Obama jüdische Stimmen kosten könnten, der sollte weder einen überzeugten Republikaner noch einen Obama‐Anhänger fragen (die haben beide ihre Wahl längst getroffen), sondern eine jüdische Unterstützerin von Hillary Clinton. Betsy Sheerr in Philadelphia etwa, die Hillarys Kampagne mit Leib und Seele unterstützt hat und nun mitansehen muss, wie der Stern ihrer Kandidatin rapide sinkt. »Natürlich bin ich besorgt wegen Brzezinski«, sagt sie. »Obama hat sich mit mehreren pro‐palästinensischen Aktivisten umgeben. Er hat angekündigt, dass er mit dem Iran verhandeln will. Aber ich kenne ihn aus Illinois, er ist ein sympathischer, kluger Mann, der seinen Kopf zu verwenden weiß. Ich vertraue darauf, dass er im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen treffen wird.« Im Übrigen sei sie – wie die meisten amerikanischen Juden – keine Wählerin, die sich ihr Wahlverhalten von einem einzigen Thema diktieren lasse. Und nein, sie glaubt nicht, dass viele amerikanische Juden – die ja überwiegend felsenfeste Demokraten sind – zu McCain überwechseln, sobald Barack Obama nominiert wird.

Senator John McCain ist ein Ehrenmann. Darüber besteht unter seinen Freunden und politischen Gegnern eigentlich Einigkeit. McCain ist das, was man auf Englisch »a navy brat« nennt, ein Marinegör: Er wurde auf verschiedenen Militärstützpunkten groß, besuchte als Kind zwanzig verschiedene Schulen, sowohl sein Va‐ ter als auch sein Großvater waren Admiral von Beruf. McCain wurde im Vietnamkrieg Marineflieger: ein harter, ein gefährlicher Job. 1967 saß er im Cockpit eines Düsenjägers, der an Bord des Flugzeugträgers Forrester von einer fehlgezündeten Rakete getroffen wurde. McCain gelang es, aus dem brennenden Flugzeug zu flüchten, mehr als hundert seiner Kameraden kamen in den Flammen um. Später wurde er vom Vietkong gefangen genommen und in der Gluthölle des »Hanoi Hilton« interniert. Er wurde dort gefoltert, was wohl der Grund ist, dass er heute solche Methoden im »Krieg gegen den Terror« kategorisch ablehnt – ohne Wenn und Aber, ohne rhetorische Hintertür. Der Vietkong wollte ihn damals vorzeitig entlassen, weil er der Sohn eines Admirals war. Aber McCain hatte keine Lust, Propaganda für den Feind zu machen.
Ein Ehrenmann. Aus jüdischer Sicht gibt es mit ihm allerdings ein Problem: McCain ist Republikaner. Und wenn er auch als Eigenbrötler gilt, ein moderater Kandidat ist er deshalb noch lange nicht. Zumal was die drei großen Gs betrifft, jene drei Themen, anhand derer sich in den USA die linksliberalen von den konservativen Geistern scheiden: »guns, gays and god«. McCain will – G Nummer eins – keine Gesetze, die das Recht auf freien Waffenbesitz einschränken. Die Schwulenehe – das zweite G – findet McCain ganz abscheulich. Und Gott – das dritte G? McCain sagte vor ein paar Monaten in einem Interview, laut Verfassung sei Amerika »als christliche Nation konstituiert« worden. Als europäischer Neueinwanderer findet man diesen Unsinn eher zum Lachen. Linksliberale amerikanische Juden (und das sind die meisten) aber schütteln sich und sind bis ins Mark erschreckt: Sie erleben jeden Versuch, die USA christlich‐religiös zu definieren, als Angriff auf ihre Existenz als gleichberechtigte Staatsbürger. Abschreckend wirkt auf viele Juden auch, dass McCain die Praxis von George W. Bush fortsetzen würde, überzeugte Konservative zu Richtern am Obersten Gerichtshof zu ernennen. In einem Land wie den USA, das eigentlich kein Nationalstaat im europäischen Sinn ist, sondern vor allem durch seine Rechtspraxis zusammengehalten wird, sind dies entscheidende Fragen.
John McCain denkt aber auch grundlegend anders als die meisten seiner Parteifreunde, wenn es um verbrauchende Stammzellforschung (dafür) und den menschgemachten Treibhauseffekt (dagegen) geht. Aber das wird kaum ausreichen, um ihm jüdische Stimmen in großem Umfang zu bescheren. Das hat zwei Gründe: Irak und Iran. Die amerikanischen Juden sind im Großen und Ganzen ebenso kriegsmüde wie ihre nichtjüdischen Landsleute. Die meisten von ihnen betrachten den Irakkrieg als Fiasko, das möglichst schnell enden soll, und würden eine Konfrontation mit dem Iran lieber vermeiden. John McCain aber hat klargemacht, dass er die Truppen erst dann aus dem Irak zurückziehen würde, wenn dort eine arabische Demokratie aufgeblüht ist. Und er will ein Bombardement des Iran zumindest in der Hinterhand behalten.
Bleibt die Solidarität mit Israel. Anders als bei Senator Obama kann bei Senator McCain nicht einmal ein Verleumder behaupten, er sei kein Parteigänger des Judenstaates. Seit einem Vierteljahrhundert stimmt er kontinuierlich für Israel. Kolumnistin Suzanne Fields hat McCain vorsorglich schon einmal zum neuen Juda Makkabäus ausgerufen, der den Islamofaschisten die Stirn bietet. Seine Verdienste im »Krieg gegen den Terror« seien unbestreitbar, und deshalb könnte es der traditionellen jüdischen Loyalität gegenüber den Demokraten in diesem Präsidentschaftswahlkampf so ergehen »wie Eiern, die man zum Frühstück in eine Pfanne schlägt«.
Für russische Juden mag es übrigens noch einen Extragrund geben, diesen Kandidaten sympathisch zu finden. Der amtierende amerikanische Präsident, George W. Bush, blickte Wladimir Putin bekanntlich tief in die Augen und sah dort seine fromme Seele. John McCain hat sich auch dieser Übung unterzogen, erlebte dabei aber etwas anderes: »Ich sah in seine Augen und sah drei Buchstaben – ein K, ein G und ein B.«

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