Partnerschaft

Zusammen wachsen

Tolstois Einteilung der Welt in un‐
glückliche Familien (»jede ist auf ihre eigene Weise unglücklich«) und glückliche Familien (»jede ist auf die gleiche Weise glücklich«) ist be‐
kannt. Ich teile die Welt ein in die unglück‐
lich Verheirateten, die ständig Ehe‐Witze erzählen, und die glücklich Verheirateten, die diese Witze nicht einmal verstehen.
Die Ehe hat eine schlechte Presse. Vor einiger Zeit veröffentlichte die New York Times gleich zwei Meinungsbeiträge, die ein Loblied auf das Single‐Dasein sangen. In unserer vergnügungssüchtigen Kultur gilt die Ehe nicht als sexy. Und das, obwohl das interessanterweise das einzige Gebiet ist, auf dem es Ehepaaren wesentlich besser ergeht als ihren unverheirateten Pendants, wie die Ergebnisse zahlreicher Um‐
fragen nahelegen. In allen westlichen Ge‐
sellschaften steigt der Anteil jener, die nie eine Ehe eingehen, schnellen die Scheidungsraten und die Anzahl außerehelicher Kinder in die Höhe.

Tora Die Bibel ist natürlich ein leidenschaftlicher Befürworter der Ehe. »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist«, lautet eine ihrer ersten Lektionen. Dem Midrasch zufolge waren Adam und Eva bei ihrer Erschaffung am Rücken zusammengewachsen. Erst danach wurden sie ge‐
trennt, damit sie sich von Angesicht zu An‐
gesicht gegenüberstehen und füreinander da sein konnten. Deshalb beschreiben unsere Weisen die Suche eines Mannes nach einer Ehefrau als die Suche nach seinem verloren gegangenen Teil, um diese ur‐
sprünglichen Einheit wiederherzustellen.
Anlässlich unseres 30. Hochzeitstages freut es mich berichten zu können, dass unsere Erfahrung die Voreingenommenheit der Weisen zugunsten der Ehe hundertprozentig bestätigt. Ich kann mir ein Leben, in dem ich nicht alles mit meiner Frau teile, nicht vorstellen. Ohne Judith hätte ich zum Beispiel kein Interesse an ei‐
ner Reise. Das Wissen, dass sie nicht bei mir ist, würde jedes Vergnügen verdunkeln. Ich würde mich fühlen wie der Re‐
formrabbiner, der an Jom Kippur auf dem Golfplatz mit einem Schlag einlocht, und niemand ist da, dem er es erzählen könnte.

Zusammenhalt Eines der Dinge, die ich aus meiner Zeit als Rechtsanwalt vermisse, ist die Kollegialität, die Zusammenarbeit mit anderen an einem größeren Projekt. Doch in einer Kanzlei stehen die Chancen nicht schlecht, dass man mit einem Partner kooperieren muss, den man nicht ausstehen kann. In der Ehe hingegen sucht man sich den Partner selbst aus, und das ge‐
meinsame Projekt – nämlich die Gründung einer Familie – ist unendlich viel wichtiger als das Verfassen eines Schriftsatzes oder das Führen eines Prozesses.
Der Ehepartner, den wir in unserer Ju‐
gend kennenlernen, ist außer unserer Mutter oft der einzige Mensch, der sich an uns erinnert, als das Haar noch schwarz und der Bauch noch flach war, und vielleicht sieht er uns immer noch so. Was noch wichtiger ist, er kennt all unsere Fehler und Schwächen – und liebt uns dennoch. Es ist nicht nötig – und auch sinnlos –, un‐
serer Ehefrau oder unserem Ehemann et‐
was vorzumachen, denn sie lassen sich nicht so leicht täuschen. Dafür muss man aber auch nicht diese ständigen Ängste ausstehen, die mit dem Versuch, sich in ein gutes Licht zu setzen, einhergehen.
Im jüdischen Denken besteht der Zweck des Lebens darin, das plärrende Es (»ich will«) einem höheren Gebot (»ich soll«) zu unterwerfen. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Ehe die beste Schule für die Verbesserung unseres Selbst, denn sie funktioniert nur, wenn man bereit ist, die Bedürfnisse und Wünsche eines anderen zu be‐
rücksichtigen. Die Tora beschreibt den Ehepartner als »ezer k’negdo« – Gehilfe und Gegenspieler zugleich. Und manchmal ist das gegnerische Element am allerhilf‐
reichsten. Eine Ehe kann nicht funktionieren, wenn die Bereitschaft fehlt, an ihr zu arbeiten und die Unterschiede, die zwischen zwei Menschen unvermeidlich sind, unter einen Hut zu bringen. Andererseits gibt es keinen Lebensbereich, in dem man sich weiterentwickelt, ohne Mühe aufzuwenden. Der Unterschied liegt darin, dass es in der Ehe desaströse Folgen hat, wenn die Notwendigkeit, Mühe aufzuwenden, einfach ignoriert wird.
Was eine Ehe zusammenhält, ist Vertrauen. Der einfachste Aspekt ist die Treue, die Errichtung eines privaten Reiches, das von zwei Menschen geteilt wird und in das kein anderer Einblick hat. Doch Vertrauen im weiteren Sinne heißt, dass beide Partner wissen, ihre Bedürfnisse und Wünsche sind dem anderen wichtig. Zu den jungen Paaren unter der Chuppa pflegte Rabbiner Eliyahu Eliezer Dessler zu sagen: »Das un‐
glaubliche Glück, das ihr in diesem Augenblick empfindet, ist die Folge eures großen Wunsches, für einander da zu sein. Wenn er vergeht, wird auch das Glück verfliegen.«

Scheitern Wenn die Ehe eine so großartige Sache ist, warum scheitern dann so viele? Und warum empfinden so viele verheiratete Paare sie als Last, statt sie als notwendige Voraussetzung für alles, was sie im Leben erreicht haben, zu sehen?
Zum einen treffen viele Leute eine falsche Wahl. Sie verwechseln die Qualitäten, die für ein nettes Rendezvous nötig sind, mit solchen, die eine gute Ehe erfordert. Die gegenseitige Anziehung ist zweifellos ein wichtiges Element in der Ehe, und der Schwung, den sie verleiht, ist ein guter Start für die lange Reise, die vor einem liegt. Doch die Achtung vor dem Ehepartner ist fast noch wichtiger.

Funktionieren Beide Parteien müssen sich mit ganzer Kraft bemühen, dass die Ehe funktioniert. Wenn nicht, wird sie schiefgehen. Beruht die Wahl des Partners auf dem Wunsch, die Freunde zu beeindru‐
cken oder irgendeine Fantasie auszuleben, statt darauf, für einen anderen Menschen da zu sein und mit ihm das Leben zu teilen, ist es schlecht bestellt um die Zukunft.
Vielleicht ist das größte Hindernis für eine erfolgreiche Ehe in unserer Zeit die romantische Vorstellung, dass die Ehe all das, woran es uns davor mangelte, automatisch in Ordnung bringt und sich unsere zahlreichen Unzulänglichkeiten in Luft auflösen. Wir erwarten, dass der Partner alles richtet, und geben ihm die Schuld, wenn daraus nichts wird. Vor etwa 20 Jahren verfehlte ich in einem Tennismatch einen Schmetterball und rief instinktiv: »Judith!« Judith befand sich zu dem Zeitpunkt fast zehn Kilometer weit weg. Dass ich mich in aller Öffentlichkeit so verrückt aufgeführt hatte, öffnete mir die Augen, wie maßlos unsere Erwartungen an unseren Ehepartner oft sind.
Falls jemand sich versucht fühlt, uns zum Hochzeitstag Karten mit Ehewitzen zu senden: Bitte macht euch keine Mühe, wir ließen uns davon vor 30 Jahren nicht abschrecken und würden sie heute noch weniger verstehen.

Kino

Auf den Spuren von Peter Weiss

Vergangenheitsbewältigung als schwarze Komödie: Cornelius Schwalms Regiedebüt »Hotel Auschwitz«

von Ulrich Sonnenschein  17.01.2019

Nachrichten

Vertrauen, Bundestag, Islamkonferenz

Kurzmeldungen aus Politik

 10.01.2019

Jerusalem

»Hatnua« am Ende

Israels Mitte-Links-Bündnis zerbricht vor Wahl

 01.01.2019