liberaler Minjan

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von Lisa Borgemeister

Wenn sich der Egalitäre Minjan in Frankfurt am Main ab dem 5. Oktober zu Gottesdiensten und Feiertagen zusammenfindet, ist alles ein bisschen anders. Mussten die Mitglieder bislang regelmäßig Stühle rücken und den Raum des Seniorenclubs für ihre Feiern umgestalten, haben sie nun ein richtiges eigenes »Zuhause« mit der Adresse: Friedrichstraße 29. Für den liberalen Minjan ist dies eine Rückkehr im doppelten Sinne: Das neue Domizil ist die Wochentagssynagoge der ursprünglich liberalen Westendsynagoge, und der Minjan ist dann unter dem gleichen Dach wie die orthodoxe Nachkriegsgemeinde, von der er sich einst abspaltete.
Entwickelt hat sich der Egalitäre Minjan 1994 aus den konservativen Gottesdiensten der jüdischen Soldaten in der US‐Armee, die auf der Rhein‐Main‐Air‐Base stationiert waren. »Wir sind immer zu den Amerikanern gegangen, weil uns die Gottesdienste dort besser gefallen haben. Als die Armee dann weggezogen ist, mussten wir eine neue Form für uns finden«, erinnert sich Susanna Keval.
1994 waren die Truppen des 1. amerikanischen Armee‐Stützpunkts um zwei Drittel reduziert worden. Nur noch 3.000 Mann inklusive Angehörigen versahen in der Mainmetropole ihren Dienst.
Im neugegründeten liberalen Minjan habe sie so beten können, wie sie wollte, sagt Keval, die sich bis vor zwei Jahren auch im Vorstand des Vereins engagierte. »Im Egalitären Minjan gestalten Männer, Frauen und Kinder den Gottesdienst gemeinsam, sie sind gleichberechtigt. Auch die Nachkommen jüdischer Väter zählen als vollwertige Mitglieder, Frauen werden zur Tora aufgerufen. Es gibt weitere Besonderheiten, die den Gottesdienst des Egalitären Minjan prägen. Einige Teile sind gekürzt, um alle zentralen Gebete mit besonderer Intensität vorzutragen. Für die Freitagabend‐Gottesdienste haben die Mitglieder einen eigenen Siddur erstellt. An Schabbat und den meisten Feiertagen nutzen sie hingegen traditionelle Gebetbücher.
Nach ihrer Gründung 1994 trafen sich die Mitglieder des Egalitären Minjan zunächst in Privaträumen. Kurze Zeit später zogen sie in den Senioren‐Club der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. »Wir sind zwar froh, dass wir diesen Raum bekommen haben«, erinnert sich Keval. »Aber für Gottesdienste ist er nicht hundertprozentig geeignet.« Vor ein bis zwei Jahren entstand dann die Idee, in die Wochentagssynagoge an der Westendsynagoge um‐ zuziehen. Der Raum war seit 1945 nicht mehr liturgisch genutzt worden, der Zustand dementsprechend schlecht. Das Parkett musste neu poliert, die Steinböden repariert und neue Stühle und Lampen bestellt werden. Viele Wochen dauerten die Renovierungsarbeiten. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: »Es ist ein wunderschöner Jugendstilraum, der sogar orientalische Ornamentik aufweist«, schwärmt Keval.
Für die etwa 40 regelmäßigen Gottesdienstbesucher ist die Wochentagssynagoge groß genug. Wenn an Feiertagen bis zu 100 Menschen zusammenkommen, könnte es allerdings eng werden, meint Keval. »Dann müssen wir eben wieder im Gemeindezentrum feiern.«
Die Westendsynagoge wurde 1908 bis 1910 erbaut und ist die größte Synagoge in Frankfurt. Als einzige von ehemals vier Synagogen überstand sie schwerbeschädigt die Pogrome 1938 und die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs. Dass die Westendsynagoge ursprünglich dem liberalen Reformflügel als Gotteshaus diente, lässt den Einzug des Egalitären Minjan in einem besonderen Licht erscheinen. Susanna Keval spricht von einer »Rückkehr an den Ausgangspunkt«.
Am Wochenende vom 5. bis 7. Oktober soll alles fertig sein. »Die lange Zeit des Provisoriums ist beendet«, freut sich Daniel Kempin‐Edelmann. Er arbeitet im Vorstand der »Freunde des Egalitären Minjan«. Ihm bedeutet es viel, dass liberale Juden in Frankfurt wieder einen festen spirituellen Ort bekommen. »Damit sind wir zu einem vollwertigen Bestandteil der Jüdischen Gemeinde geworden«, sagt er, der oft genug die Freitagabend‐Gottesdienste leitet.
Susanna Keval ist überzeugt davon, dass es neben der räumlichen auch eine inhaltliche Annäherung zwischen liberaler und orthodoxer Gemeinde geben wird. »Wenn wir präsenter sind, ist die Schwellenangst auch nicht mehr so groß, zu uns zu kommen.« Sie hofft, dass der Egalitäre Minjan künftig größeren Zulauf hat. Vor allem aber bedeute der Umzug einen Schritt in die religiöse Normalität, wie es sie vor der Schoa auch in Deutschland gegeben hat. Außerdem habe der Umzug fast eine Art Vorbildcharakter: »Die ganze Gemeinde unter einem Dach – das ist einmalig in Deutschland«, berichtet die Frankfurterin.
Auch der Rabbiner der großen Frankfurter Gemeinde, Menachem Halevi Klein, sieht dem Einzug mit guten Gefühlen entgegen. »Wir leben gut zusammen und akzeptieren einander. Künftig sehen wir uns dann auch häufiger«, sagt er. Kempin hofft, mit dem Angebot des Egalitären Minjan Gemeindemitglieder und andere Menschen verstärkt ansprechen zu können. »Mir ist bewusst, dass unsere Ansichten nicht unumstritten sind«, sagt Kempin. Er freue sich auf einen lebendigen Dialog. Start ist mit einem »Tag der offenen Synagoge« am 5. bis 7. Oktober.

www.minjan-ffm.de

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