Laschon Hara, die üble Nachrede

Zungenschlag

von Rabbiner Elias J. Dray

Wenn man, wie Barack Obama oder Hillary Clinton, Wahlen gewinnen will, muss man sich gut überlegen, wie weit man den Konkurrenten angreifen sollte. Denn schnell kann man selber in die Schusslinie geraten. Wähler schätzen Kandidaten, die mit Takt und Würde zeigen, dass sie geeignet sind, ein politisches Amt zu bekleiden. Wie wichtig ist es für uns alle, uns die Worte, die wir sprechen, gut zu überlegen! Wie viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, weil sie nicht die Konsequenzen ihrer Worte abgewogen hatten.
In unserem Wochenabschnitt lernen wir über eine Krankheit, die Zara’at, Aussatz, hieß. Auslöser dieser Krankheit war Laschon Hara, die böse Zunge. Wenn jemand grundlos schlecht über andere gesprochen hatte, wurde zuerst sein Haus in Mitleidenschaft gezogen. Die Person konnte am Morgen aufstehen und gelbe Flecken an den Wänden des Hauses entdecken. Falls die Person es nicht bereute, nahm seine Kleidung Schaden und verfärbte sich teilweise grün oder rötlich. Falls das auch noch nicht half, ihn zur Reue zu bewegen, wurde sein Körper von Aussatz geplagt.
Die Tora lehrt, dass üble Nachrede uns krank machen kann. Sie kann unser geistiges Niveau so stark beeinträchtigen, dass wir körperlich krank werden. G’tt sagt zum Menschen: »Wach auf, behandle deinen Mitmenschen fair! Genau wie du nicht willst, dass man über dich schlecht spricht, so gehe nicht herum und spreche grundlos schlecht über andere.«
Es gibt eine bekannte Erzählung aus talmudischer Zeit von einem fahrenden Händler, der in eine Stadt kam und rief: »Wer will langes Leben? Wer will langes Leben?« Rav Jannai wollte von dem Händler wissen, was er zu verkaufen habe. Der Händler wies Rabbiner Jannai auf den Vers in den Psalmen hin: »Wer ist der Mann, der Leben sucht [...]? Hüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor schlechter Rede« (Psalm 34,13-14). Rabbiner Jannai meinte später, dass er diesen Vers nicht habe deuten können, bis ihn der Händler ihn lehrte.
Alle Kommentatoren stellen die gleiche Frage: Wie kann es sein, dass Rav Jannai die Deutung von zwei einfachen Versen in den Psalmen erst verstehen konnte, nachdem ein Händler sie ihm erklärt hatte? Was war dem Händler aufgefallen, das Rav Jannai entgangen war?
Der bekannte Kommentar Schemen HaTov erklärt, dass Rav Jannai sicherlich begriff, dass ein Mensch, der langes Leben sucht, seine Zunge hüten soll. Aber Rav Jannai dachte, man müsse ein Einsiedlerleben führen, um seine Zunge zu hüten, man müsse menschenscheu sein, um seine Sprache rein zu halten. Rav Jannai war überrascht, dass ein Händler diesen Vers »verkaufte«. Händler sind bekannt für ihr Ge- schick, mittels der Sprache Menschen dazu zu bewegen, etwas zu kaufen. Sie ziehen von einer Stadt zur anderen, von Haus zu Haus, sie hören vieles und haben viel zu erzählen.
Für Rav Jannai war weniger die Auslegung des Verses neu als die Person, die ihn lehrte. »Wenn ein Händler mir sagt, dass sogar er auf üble Nachrede achtgeben kann, dann muss ich meine Sichtweise ändern. Mir wurde klar, dass ein Mensch sich in Gesellschaft begeben, reden und Freundschaften pflegen kann und trotzdem fähig ist, kein Laschon Hara zu sprechen.«
Ja, es ist vielmehr unsere Pflicht, kontaktfreudig zu sein. Um geistig wirklich die höchste Stufe zu erreichen, müssen wir uns um andere Menschen kümmern. G’tt will, dass wir unsere Sprache gebrauchen. Jedoch müssen wir dieses Potenzial positiv nutzen, um Menschen zu helfen und nicht, um Existenzen zu zerstören.
Die Tora lehrt uns hier etwas sehr Wichtiges und Bedeutendes. Leben und Tod liegen in unserer Zunge. Große Persönlichkeiten sind in der Geschichte gescheitert, weil sie sich folgenden Satz nicht zu Herzen genommen hatten: »Nimm dir Zeit zum Denken und dann sprich!«
Wir werden sehr oft im Leben mit Botschaften bombardiert. Einige von ihnen sind äußerst wichtig. Sogar ein einfacher Händler konnte dem großen Rav Jannai eine wichtige Botschaft übermitteln. Wichtig ist, dass wir auf diese Botschaften auch hören. Jemand, der wie Rav Jannai immer offen für solche Mitteilungen ist, wird unaufhörlich lernen und fortwährend wachsen.
»Wegen aller meiner Lehrer wurde ich weise« (Psalm 119,99). Ein Mensch sollte die Fähigkeit besitzen, von jedem und in jeder Situation zu lernen. Egal ob wir im Zug oder Flugzeug sitzen oder uns mit Kollegen unterhalten. Wir sollen nicht denken, dass nur eine hochgestellte Person uns etwas beibringen kann. Nein, wir können von jedem Menschen etwas lernen.

Der Autor ist Jugendrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde München.

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