Shalom Auslander

Zu Gott verdammt

von Sigrid brinkmann

»Sechs dreizehn« wird Shalom Auslander sein Leben lang nicht loswerden. Dessen ist er sich gewiss. Jahrelang hat er die 613 Mizwot gelernt. Und wenn der Rabbi im Cheder bei einem Wettbewerb der Segenssprüche für Lebensmittel fragte: »Bagel?«, antwortete der junge Shalom blitzschnell »Hamotzi«. »Hafermehl?« »Mesones«. »Gefillte Fisch?« »Schehakol«.
Auslander ist in Monsey aufgewachsen, einer Kleinstadt nördlich von New York City, in der viele Chassidim leben. Sein Vater war ein jiddisch sprechender Handwerker, der, erinnert sich der Sohn, von seinen Mitjuden mit Geringschätzung behandelt wurde, weil er keinen Rabbi in der Verwandtschaft vorweisen konnte. Nicht einmal für den neuen Toraschrein, den er fertigte, erhielt der Vater Dank. Die Mutter, eine Arzthelferin, tischte ihren Kindern beim Essen Geschichten von todgeweihten jungen Patienten auf oder Erzäh‐ lungen von Rabbis, die während der Schoa unsäglich gelitten hatten.
Diese Kindheit und Jugend aufgearbeitet hat Auslander in einem autobiografisch angelegten Debütroman. Eine Vorhaut klagt an heißt das Buch. Der Autor erzählt darin von Monsey, von der streng religiösen Lebensweise seiner Eltern und der Heuchelei einer frommen Gemeinde, die vor innerfamiliärer Gewalt konsequent die Augen schloss. Er schreibt, wie er anfing, die Ehrfurcht vor heiligen Gegenständen zu verlieren, als er mit seinem Vater in einer gojischen Sägerei Bauholz für den Toraschrein besorgen musste. Zehn Minuten früher oder später, und die Bretter hätten bei nichtjüdischen Kunden womöglich eine Bestimmung als Hundehütte oder als Klohäuschen gefunden. Der Leser kann alle Etappen nachvollziehen, die den Jeschiwebocher schließlich zu einem Abtrünnigen werden ließen, der trotzdem weiß, dass er bis ans Ende seiner Tage »quälend, lähmend, elend religiös« bleiben wird.
Mit Ladendiebstählen fing Auslanders Ausbruch aus der Welt der Frommen an. Sexmagazine und andere Konsumartikel ließ der junge Shalom mitgehen. Bei einem der Beutezüge wurde er gefasst und zu sechs Monaten gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Abkürzen ließ sich die Strafe einzig durch den Besuch eines religiösen Erziehungsheims. Auslander wurde nach Telshe Stone nahe Jerusalem geschickt, wo, schreibt er, »amerikanische Kids zu fundamentalistischen Geistesgestörten« umerzogen wurden. Zwei Jahre blieb er dort. Dann haute er von einer Sekunde auf die nächste ab, sah er sich doch ansonsten verdammt dazu, lebenslänglich in Mea Shearim auszuharren. Vierundzwanzig Stunden später landete Shalom Auslander in New York, biss in einen Cheeseburger und lud eine Hure zu sich ins Auto, die mit ihrem Hintern seinen Jeschiwa‐Hut zerdrückte. Da wurde ihm klar, dass es einen Weg zurück nicht mehr geben würde. Therapiestunden bei einem orthodoxen Psychoanalytiker brachten die Rettung. Er war der erste Mensch, der Shaloms Glaubensnot ernst nahm und ihm den Rat gab zu schreiben.
Heute verfasst Shalom Auslander Texte und Kurzgeschichten für Esquire und andere renommierte Magazine. Mit seiner Frau Orli, einer Malerin und Autorin, sowie dem dreijährigen Sohn Paix lebt er in Woodstock. Auch Orli ist ein Familienflüchtling. Sie wuchs in London auf, als Kind einer ägyptischen Mutter und eines bucharischen Vaters; Eltern, die mental »den Großteil des Jahres im 16. Jahrhundert« leben.
Woodstock als Wohnort haben sich die Auslanders nicht zufällig ausgesucht. Der 1969 durch das größte Open‐Air‐Rockfestival aller Zeiten berühmt gewordene Ort ist seit Jahren eine Nische für »lauter Vorhäute«, so Auslanders Bezeichnung: vom Glauben Abgefallene, von ihren Familien Verstoßene und Künstler, die sich den Gesetzen des Kunstmarktes widersetzen. Inzwischen siedeln sich allerdings immer mehr Yuppies aus Manhattan in dem Ort an. Die »Gemeinschaft der Vorhäute« gerät allmählich in die Minderheit. Auslander überlegt deshalb wegzuziehen. Amsterdam ist nun die Option – oder irgendein halbwildes Plätzchen im Nordwesten Amerikas.
Mit dem Glauben seiner Kindheit ist Shalom Auslander nicht fertig, wird es wohl auch nie sein. Er rechnet noch immer ständig damit, dass er für sein unbotmäßiges Verhalten irgendwann einmal mit schlimmsten Katastrophen bestraft werden wird. Als sein Kind bei der Geburt fast erstickt wäre, konnte er nur einen Gedanken fassen: »So ist Gott mit Moses umgesprungen: Er lässt ihn das Gelobte Land sehen, und dann bringt er ihn um.« Als dann ein Arzt den wie gelähmt auf seine erschöpfte Frau und den dunkelblau angelaufenen Säugling blickenden Vater fragte, ob die Familie eine Beschneidung wünsche, wischte Auslander alle Zweifel nur noch beiseite und antwortete mit Ja. Als er sich etwas später wieder gefasst hatte, be‐
stimmte er allerdings die Beschneidung als rein medizinischen Eingriff, ohne Mohel, ohne Segenssprüche.
In Auslanders Logik kam dies der Zahlung eines Lösegeldes gleich, damit Gott die junge Familie in den nächsten 50 Jahren in Ruhe lässt.

shalom auslander:
eine vorhaut klagt an
Übersetzt von Eike Schönfeld
Berlin Verlag 2008, 352 S., 19,90 €

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi‐Gruß ist«

Torwart des Première‐League‐Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi‐Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk

»Eine ganz neue Perspektive«

Wie junge Stipendiaten verschiedener Konfessionen und Bekenntnisse ihre Reise nach Jerusalem erlebten

von Johanna Korneli  09.04.2019