Moses

Zorn und Gnade

von Rabbinerin Bea Wyler

Die Ereignisse um das Goldene Kalb stellen ohne jeden Zweifel den Höhepunkt in der noch jungen Geschichte der aus der ägyptischen Knechtschaft befreiten Israeliten dar. So kurz nach der denkwürdigen Wundertat des göttlichen Eingriffs in den Alptraum in Ägypten, so kurz nach der ebenso denkwürdigen Offenbarung am Sinai, widerfährt den Israeliten der Absturz in die Götzendienerei. Das Goldene Kalb und alles Drumherum hätte ebensogut das Ende der Unternehmung Sinai bedeuten können. Wäre da nicht Moses gewesen.
In einem Abschnitt von nur acht Versen (2. Buch Moses 32,7-15) erklimmt Moses die höchste Höhe in seiner schwierigen Aufgabe, die darin besteht, im Auftrage Gottes die Israeliten von der verantwortungsfreien Knechtschaft in die verantwortungsvolle Freiheit zu führen. War es von Gott vorgesehen, daß Moses eine solche Glanzleistung erbringt? War von Gott vorgesehen, daß die Unternehmung Sinai 40 Jahre, also volle zwei Generationen, dauern sollte? In einem Schwindel erregenden Moment vollzieht Moses den entscheidenden Schritt vom von Gott eingesetzten Vollzugsfunktionär zum wahren Führer mit eigenem, unbeirrbaren Willen – und ändert damit die Beziehung zwischen Gott und Israel für alle Zeiten.
Während Moses’ vierzig Tage dauernder Abwesenheit auf dem Berg Sinai verliert das führerlose Volk die Orientierung. »Du sollst keine anderen Götter haben vor meinem Angesicht ... du sollst dir kein Götzenbild machen, auch keine ähnliche Gestalt ... du sollst dich vor ihnen nicht verbeugen, auch sie nicht gottesdienstlich verehren.« Vor wenigen Wochen erst haben sie das Grundgesetz der Zehn Worte empfangen. Und jetzt? Alles scheint vergessen! Unter der Leitung von Hohepriester Aron schaffen sie nämlich nicht nur eine Statue aus Gold in der Form eines Kalbes, sondern sie beten dieses gegossene Stück Edelmetall auch noch an, indem sie es zum »Gott, der Israel aus Ägypten geführt hat« erklären, mehrtägige Opferfeste feiern, essen und trinken und sich ausgelassen belustigen.
Gott in der Höhe sieht diese Entgleisung und schickt den unwissenden Moses hinunter, um nach dem Rechten zu sehen: Lech, red! Das Volk, das Moses aus Ägypten herausgeführt hat, hat sich nicht nur arg versündigt und ist umfassend verderbt, sondern es ist auch außergewöhnlich widerspenstig und unbändig. Die Verderbtheit ist mit demselben hebräischen Wort – schichet – wiedergegeben wie vor der Sintflut im ersten Buch Moses. Die ursprüngliche, von Gott eingerichtete Ordnung hat hier wie dort einen Grad von Korruptheit (corrumpere, lat. in sich zusammenfallen) erreicht, der kein Zurück mehr erlaubt. Gott ist willens, das ganze Volk zu vertilgen und mit Moses noch einmal von vorne anzufangen. Die Parallele zu Noah ist in der Tat verblüffend: Wird das Volk in einer Flut göttlichen Zorns jämmerlich ersaufen?
Da erfolgt der große Auftritt von Moses. Vorerst rückt er die göttliche Aussage zurecht, wer das Volk aus Ägypten herausgeführt hat: »Für was, oh Adonai, soll dein Zorn über dein Volk entbrennen, das Du ... aus Ägypten geführt hast?« Moses war zwar als Leiter der Unternehmung ausgewählt worden, aber die Befreiung Israels aus der ägyptischen Hölle war Gottes ureigenstes Projekt. Diese Argumentation scheint Gott noch nicht zu überzeugen. Nun zeigt sich Moses um Gottes guten Ruf besorgt. In geradezu rührender Art weist er darauf hin, was die Ägypter wohl sagen würden. Über sich selbst hinauswachsend, fordert Moses als nächstes Gott direkt auf, es sich noch einmal zu überlegen und dem Volk doch noch eine Chance zu geben. Schuw mecharon apecha – »laß doch von deinem entbrannten Zorn ab«, wehinachem al hara’a le’amecha – »und ändere den Ratschluß wegen des Übels, das du deinem Volke drohst«. Welche Frechheit, von Moses, Gott zur teschuwa – Umkehr – aufzufordern!
Doch Moses liegt genau auf Erfolgskurs. Als nächstes nimmt er Gott in die Pflicht hinsichtlich des Bundes, den Gott mit den Vorvätern Abraham, Isaak und Jakob geschlossen hat. Ja, die Israeliten haben den mit Gott geschlossenen Bund auf drastische Weise gebrochen, aber ermächtigt dies die andere Seite, ihrerseits den Bund zu brechen, ihn gar aufzugeben? Wenn Du, Gott, dies tust, gibt Moses in seiner Entschlossenheit zu bedenken, bist Du nicht besser als die in ihrer Entwicklung noch am Anfang stehenden Menschenkinder. Du selbst produzierst den Rückfall in Deine eigenen Anfänge und machst damit Deine eigene erfolgreiche Entwicklung zunichte. Und Du verlierst Deine Glaubwürdigkeit. Dein Ansinnen ist von der Tat anderer beeinflußt, ist also reaktionär – von Dir hätte ich mehr Souveränität erwartet, denn Du hast doch versprochen, gar geschworen, damals bei Noah, die Menschheit nie mehr ausrotten zu wollen.
In seinem eindringlichen Eintreten, von dem es kein Zurück mehr gibt, wächst Moses über seine Rolle als Auftragsempfänger hinaus und in eine neue hinein: in die Rolle der Verantwortung tragenden Partei im gegenseitig akzeptierten Vertrag. Der Bund zwischen Gott und Israel wird von nun an die Verbindung von ebenbürtigen Partnern darstellen und nicht mehr die Trennung von Mitwirkenden, die durch ein übermäßiges Machtgefälle nie eine Chance für eine gemeinsame Sache hatten. Moses ist der leidenschaftliche Vermittler – selbst vor dem alles überragenden mächtigen Gegenüber! Durch sein unerschrockenes Eintreten für die partnerschaftliche Bundessache macht er diese erst lebbar.

Ki Tissa: 2. Buch Moses 30,11 – 34,35

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026