Golan

Ziemlich gelassen

von Sabine Brandes

Alles scheint wie immer an diesem sonnigen Schabbat: Ein Wagen reiht sich an den nächsten am Eingang zum Kibbuz El Rom am nordöstlichen Zipfel des Golan. Kilometerlang bewegt sich die Blechkolonne lediglich im Schritttempo voran, ungeduldige Kinder rutschen auf dem Rücksitz hin und her, einige steigen aus, nehmen ein paar tiefe Züge Landluft. Links vom Autofenster liegen Wiesen, auf denen fette Kühe gemächlich grasen, schaut man nach rechts, kann man Syrien sehen. Den feindlichen Nachbarn jenseits der Grenze, die von hier nur ein paar Hundert Meter entfernt ist. Und mit dem es jetzt ernsthafte Friedensgespräche geben soll.
Doch die Menschen stehen nicht Schlange, um einen Blick auf syrisches Territorium zu erhaschen. Sie wollen das, was es im Golan derzeit in rauen süßen Mengen gibt: Kirschen. Es ist seit Langem das beste Jahr für die roten Früchte. „Schnell noch ein paar pflücken, bevor der Golan weg ist“, ruft Yair Tomer aus seinem Suzuki‐Jeep, während er sich ein paar Meter in Richtung Obstplantage voranquält. Meint er das tatsächlich so? „Naja“, gibt er sich zögerlich, „wahrscheinlich passiert es nicht in den nächsten paar Jahren, doch irgendwann wird es so kommen, schließlich wollen wir nicht für immer von Feinden umgeben sein.“ Tomer wohnt nicht auf dem Plateau, sondern in Tel Aviv. Dennoch würde sein Herz bluten, wenn der Golan eines Tages zurückgegeben würde: „Ich mache jeden Sommer eine Woche Ferien hier. Es ist für mich die schönste Gegend Israels. Sie nicht mehr zu haben, wäre sehr, sehr traurig.“
In der Siedlung Merom Golan wird gerade gebaut, Schaufelbagger räumen Erde beiseite, neue Unterkünfte für die Besucher sollen entstehen. Der Golan ist ein Paradies für Naturfreunde, Wanderer und Wochenendtouristen. Eran Glick ist Chef der Tourismusabteilung. „Es läuft prächtig, die Leute kommen in Scharen.“ Keine Spur von Aufbruch oder Kofferpacken. „Ach was“, sagt er trotzig, „es ist immer dieselbe Leier, wie das Warten auf Godot. Warten, doch niemand kommt.“ Glick lebt seit 25 Jahren in den Höhen, seine Kinder sind hier geboren. Der Schatten einer eventuellen Rückgabe seiner Heimat gehört für den 42‐Jährigen zum Alltag.
Frieden wünscht er sich schon, doch er will ihn, ohne das Land abzugeben. Von den neuesten Nachrichten lässt er sich in keiner Weise verängstigen. „Das Leben bei uns geht normal weiter, sonst würde es nicht funktionieren.“ Dass es dieses Mal tatsächlich „ernst“ ist, glaubt Glick nicht. Er findet es besonders komisch, dass die Neuigkeiten so kurz nach der Affäre um den Premier an die Öffentlichkeit gelangten. „Ich weiß nicht einmal, ob dieser Mann in ein paar Wochen noch unser Land regieren wird. Was soll ich mir denn für Sorgen machen?!“ Gerade sind in Merom Golan neue Kirsch‐ und Apfelbäume gepflanzt worden. „Und deren Früchte werden wir auch ernten.“ Da ist sich Glick sicher.
Ernten wollen auch die drusischen Jugendlichen in der Nähe des Dorfes Madjdal‐Schams. Sie leben mit ihren Verwandten gut vom Obstanbau und hoffen, es bleibt so. „Wir wollen nicht zu Syrien gehören, weil es keine Demokratie ist. Hier haben wir alles, doch was wir unter der anderen Regierung haben würden, ist nicht sehr vielversprechend.“ Seinen Namen will keiner nennen. Zu groß ist die Angst um die Verwandten jenseits des Grenzzaunes.
Ein paar Kilometer weiter südlich liegt die sogenannte Hauptstadt des Golan, Katzrin. Ein schmuckes Städtchen, das sich in den letzten Jahren immer mehr zum Tou‐
ristenzentrum gemausert hat. Allen voran lockt die berühmte Weinkellerei Golan Heights Winery viele Touristen an. Daneben gibt es eine Bierbrauerei, den Mineralwasserhersteller Mei Eden, zwei Museen und viele Ausgrabungen in der Umgebung. Familie Pomeranz ist vor fünfeinhalb Jahren aus Argentinien nach Katzrin gezogen. Gute Luft, relativ niedrige Immobilienpreise und viel Natur für die Kinder haben die Neueinwanderer damals hierher gezogen. Die Nachrichten aus dem Fernsehen lassen sie nicht kalt. „Wir haben Angst, dass wir vielleicht noch einmal ganz von vorn beginnen müssen. Die Sorgen drücken auf die Seele.“
Umfragen zufolge ist die große Mehrheit der Israelis gegen eine Rückgabe. Der Friedensindex der Universität Tel Aviv geht davon aus, dass lediglich 19 Prozent die Devise Land für Frieden befürworten. Die Gemeindevorsitzenden des Golan verurteilten die Gespräche mit der Begründung, die Bereitschaft, das Land an die Syrer und ihre iranischen Alliierten zurückzugeben, würde Israels Existenz gefährden. In einem Brief an die türkischen Vermittler baten die Lokalpolitiker um Hilfe, einen Friedensvertrag zu erreichen, ohne den Golan ins Spiel zu bringen.
Das würde auch Schalom Blayer gefallen. Doch der Hauptgeschäftsführer der „Golan Heights Winery“ glaubt nicht, dass in naher Zukunft etwas in diese Richtung laufen wird. „Wir machen Wein und leben unser Leben, ohne bei jeder Nachricht schlaflose Nächte zu bekommen.“ Die Angelegenheit des Golan sei eine politische, bei der die Bewohner letzten Endes nicht gefragt würden. Sie seien aber nicht wie Siedler in Judäa und Samaria, keine Extremisten. „Wir sind hier, weil wir glauben, dieser Ort ist bedeutend für Israel – und außerdem ist es wunderschön, hier zu le‐
ben. Doch wenn es so kommt, dass wir gehen müssen, dann kommt es so“, macht er klar. Und bis dahin heißt es bei den Winzern: „Genießt den nächsten Tropfen“.

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