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Zerreißprobe

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Israels gesellschaftliche Klammer geht verloren

von Wladimir Struminski

Israels Menschenvielfalt fällt jedem Besucher ins Auge. Der ultraorthodoxe Jude und die arabische Großmutter, die knapp geschürzte Blondine und der Herr mit der ge‐ häkelten Kippa warten nebeneinander auf den Bus. Doch was für Touristen faszinierend ist, stellt für das Land selbst ein Problem dar. Der israelischen Gesellschaft fehlt die große gemeinsame Klammer. Die einzelnen Gruppen pflegen unterschiedliche Lebensstile, verfolgen unterschiedliche Ziele und sind sich oft spinnefeind. Wie ein Blick auf die demografische Entwicklung zeigt, wird sich die Situation in den kommenden Jahren weiter verschärfen.
Zentrales Problem ist das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Juden und Arabern. Nach Angaben des Zentralamtes für Statistik lag der arabische Bevölkerungsanteil Ende 2005 bei 19,6 Prozent. Die Kinderzahlen der Mosleminnen übertreffen mit vier Geburten pro Frau noch immer die anderen Bevölkerungsgruppen. Zwar ist, so der Demograf Eliahu Ben‐Moshe von der Hebräischen Universität Jerusalem, in Zukunft ein Rückgang der moslemischen Fruchtbarkeit zu erwarten, so dass sich der arabische Bevölkerungsanteil stabilisieren wird. Allerdings auf einem höheren Level als heute.
Doch auch die jüdische Mehrheit bietet kein Bild der Eintracht. Nach Ben‐Moshes Angaben sind heute gut zehn Prozent der israelischen Juden ultraorthodox, elf Prozent nationalreligiös, weitere 14 Prozent bezeichnen sich selbst als traditionell‐religiös. Rund jeder vierte Jude ist gemäßigt traditionell, während sich knapp vier von zehn als säkular definieren. Unter diesen Umständen ist es schwierig, einen nationalen Konsens zu den Schlüsselfragen des israelischen Lebens herzustellen. Gesinnungskoalitionen sind so wechselnd wie brüchig. So mögen die Ultraorthodoxen und die Nationalreligiösen gemeinsam gegen die Öffnung von Geschäften am Schabbat und die Zivilehe kämpfen. In anderen Fragen trennen sie aber Welten. Vielen Ultraorthodoxen gilt der religiöse Zionismus der „gehäkelten Kippot“ als Frevel; nationalreligiöse Rabbiner gelten den Ultras nicht als ebenbürtig, die Kaschrutzeugnisse des zionistischen Staatsrabbinats werden nicht anerkannt. Ehen zwischen Angehörigen beider religiöser Lager sind eine Ausnahme.
Während die Nationalreligiösen aktiv in Wirtschaft, Wissenschaft und Verteidigung involviert sind, ja sich als Élite ansehen, sondern sich die Ultraorthodoxen lieber ab. Das ist der Grund für die umfassende, staatlich geduldete Wehrdienstverweigerung der Ultraorthodoxie. In den kommenden Jahren wird das Gewicht der ultraorthodoxen Bevölkerung rasch zunehmen. Dafür sorgen Geburtenzahlen von sechs bis sieben Kindern pro Frau. So werden sich die Strengstgläubigen von einer Randgruppe zu einem zentralen Akteur auf der israelischen Bühne entwickeln.
Somit könnte Israel in 20 Jahren ohne eine tonangebende Mehrheit dastehen. Zwar betont Ben‐Moshe die Unzuverlässigkeit solch langfristiger Prognosen, doch lässt er sich selbst eine entlocken. Danach werden die säkularen Juden in zwei Jahrzehnten zwar die größte Bevölkerungsgruppe bilden, doch sinkt ihr Anteil auf ein Viertel. Der Anteil gemäßigt Traditioneller – der Übergang zu den Laizisten ist hier oft fließend – geht auf 18 Prozent aller Israelis zurück. Damit würden nichtreligiöse Juden nur noch 44 Prozent aller Israelis stellen. Insgesamt werden die drei als religiös einzustufenden Gruppen in den kommenden zwei bis vier Jahrzehnten über ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Der arabische Bevölkerungsanteil erreicht ein Fünftel. Die Zunahme des relativen Gewichts arabischer Bürger wird deren Forderungen nach der Verwandlung Israels in einen de facto binationalen Staat zusätzliche Kraft verleihen.
Falls sich diese Prognosen bestätigen, droht Israel künftig dem Libanon zu gleichen, einem Staat also, in dem mehrere Gruppen um Rang und Einfluss ringen, ohne dass eine von ihnen die Mehrheit stellt. Das besagt zwar nicht, dass Israel sich auf einen Bürgerkrieg zubewegt, doch eine Zerreißprobe stellt die demografische Entwicklung für Israel allemal dar.

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