Usbekistan

Zeit zu bleiben

von Elena Jerzdeva und
Jutta Sommerbauer

Wäre da nicht das Klavierspiel und das zaghafte Einsetzen der Kinderstimmen in einen Chor, man würde den unscheinbaren Eingang zur Schule Nummer 36 glatt übersehen. Denn die hohen, graubraunen Mauern der Mahalla, des jüdischen Viertels von Buchara, lassen keinen Blick in die Innenhöfe der Häuser zu. Schwere Eisentore schützen vor ungebetenen Gästen im Labyrinth der verwinkelten Gässchen, nur einen Steinwurf entfernt vom berühmten Stadtplatz mit den belebten Teehäusern, dem Wasserbecken und dem prachtvollen Ensemble an Medressen und Moscheen.
Der Schritt über die Schwelle – mit dem rechten Fuß voran und über sie hinweg, wie es der Brauch verlangt – ist der Eintritt in eine andere Welt: Hat man die islamisch geprägte Außenwelt erst einmal hinter sich gelassen, steht man in dem akkuraten Innenhof einer jüdischen Schule. Weiß getünchte Hauswände, hellblau gestrichene Fensterrahmen, eine steile Holztreppe, die ins Obergeschoss führt. Die Wände des Schulhofes schmücken Bilder aus Israel und Kinderzeichnungen von Sukkot. Auch der autoritär regierende usbekische Präsident Islam Karimov tritt mit Sinnsprüchen in Erscheinung: „Unsere Kinder sollen besser, klüger, weiser und natürlich glücklicher werden, als wir es sind“, steht auf einer Tafel geschrieben. Darunter – ein Davidstern.
„Wir sind eine allgemeinbildende Schule wie jede andere im Land auch“, betont Ljubov Sniadovich, die energische Schuldirektorin mit dem brünetten gewellten Haar. „Es gibt nur einen kleinen Unterschied: Unsere Schüler lernen zusätzlich Hebräisch, die Geschichte des Staates Israel und jüdische Kultur.“ Unterrichtssprache ist Russisch.
Mit der Unabhängigkeit von Usbekistan im Jahr 1991 wurde das jüdische Leben in Buchara wie auch in anderen Städten des Landes wiederbelebt: ein lang ersehnter Augenblick für die damals etwa rund 30.000 usbekischen Juden. Mit der Unabhängigkeit setzte jedoch auch der Exodus der jüdischen Bevölkerung ein – stärker als in den Jahrzehnten zuvor. Buchara ist ein typisches Beispiel hierfür: Von den gut 4.000 Juden, die noch vor 20 Jahren in der 250.000-Einwohner-Stadt lebten, sind nur etwa 300 geblieben. In Israel oder den USA gibt es mittlerweile größere Gemeinden bucharischer Juden als in Usbekistan. Vor einem Jahrhundert soll es in der Stadt noch mindestens sieben Synagogen gegeben haben, heute sind es zwei: Die Hauptsynagoge in der Sarrafon‐Straße, die von der orthodoxen Chabad‐Bewegung betrieben wird; und eine zweite, die in der Sowjetzeit als Gästehaus genutzt wurde. 1994 erhielt die Gemeinde diese Synagoge zurück. Im gleichen Jahr wurde auch die jüdische Schule eröffnet.
Auch die Schule leide unter der starken Auswanderung, klagt Direktorin Ljubov Sniadovich. Nach der Gründung vor 14 Jahren durften hier zunächst nur Kinder lernen, die eine jüdische Mutter hatten. Mit der Emigrationswelle schrumpften die Klassen um die Hälfte. Dann nahm man auch Schüler auf, die nur einen jüdischen Vater hatten. Später, als auch mit diesen Kindern die Schule nicht zu füllen war, wurden Schüler aufgenommen, die nur entfernte jüdische Verwandte vorweisen konnten. „Wir haben es mit den religiösen Gesetzen nicht so eng genommen und eher pragmatisch gehandelt“, sagt Sniadovich. „Es ging darum, die Schule vor dem Aus zu retten.“
Heute sind 40 der 140 Schüler muslimische Kinder. Auch sie lernen Hebräisch, jüdische Geschichte und machen bei allen jüdischen Festen und Feiertagen mit. Da passiert es schon einmal, dass die muslimischen Kinder zu Hause ein jüdisches Gebet aufsagen oder jüdische Lieder singen, berichten die Lehrerinnen. Die Eltern scheint dies nicht zu stören. „Unsere Schule hat einen guten Ruf“, meint Sniadovich.
Eigentlich sind die bucharischen Juden für das Hochhalten der Tradition bekannt. Doch gleichzeitig war ihr Leben in den usbekischen Städten immer auch vom muslimischen Umfeld geprägt: Bevor in Buchara eine Synagoge gebaut wurde, beteten Juden zusammen mit Muslimen in der bis heute erhaltenen Maghoki‐Attar‐Moschee. Vor hundert Jahren trugen manche jüdische Frauen auch noch die Parandscha, den schweren, bodenlangen Um‐ hang ihrer muslimischen Nachbarinnen.
In der bucharischen Synagoge tief drinnen im jüdischen Viertel im Straßengewirr hinter dem Kukluk‐Basar, einem Gemüsemarkt, wird gerade der Ausgang des Schabbats gefeiert. Etwa zehn Gemeindemitglieder sind in die kleine, bunt dekorierte Synagoge gekommen, die noch immer zu groß ist für so wenige Menschen. Der Frauenbereich bleibt leer. „Und die Galerie für die unverheirateten Mädchen sowieso“, erklärt der alte Gemeindevorsteher. Vielleicht nehmen es die Menschen hier deshalb nicht mehr so streng mit den Gemeindegrenzen. „Heute waren wir in der bucharischen Synagoge, nächste Woche gehen wir in die der Chabad‐Bewegung“, sagt ein Mann. „Wir sind ja nur wenige. Wir feiern zusammen Hochzeiten, wenn sie kommen, und richten zusammen Begräbnisse aus, wenn einer von uns geht. Was soll uns da eine Glaubensrichtung kümmern?“
Was die Juden in Buchara heute beschäftigt, sind vor allem wirtschaftliche Fragen. Für einen Laib Brot müssen sie umgerechnet 60 Cent zahlen; und das bei einem Durchschnittseinkommen von 100 Euro im Monat. Das Leben werde immer teurer, klagen sie. „Auch Israel schöpft nicht mehr aus dem Vollen“, vermutet einer. „Warum sonst kommen sie seit zwei Jahren nicht mehr für das Mittagessen in der jüdischen Schule auf?“
Dort haben die Lehrerinnen im Erdgeschoss ein kleines Museum zur Geschichte der bucharischen Juden eingerichtet. Sie haben alte Fotos und Gebrauchsgegenstände zusammengetragen – und dabei selbst viel gelernt: Jüdische Pädagogen mit Hochschulabschluss gibt es keine mehr in Buchara. Und so versuchen heute Russinnen, Usbekinnen und Tatarinnen die jüdische Geschichte in der Stadt so weit wie möglich lebendig zu halten.
Mitte des 18. Jahrhunderts, erzählt eine Lehrerin, kam es zu den ersten Zwangskonversionen der bucharischen Juden. Da viele von ihnen insgeheim weiter ihre Religion ausübten, nannte man sie „chala“ – „weder Fisch noch Fleisch“. Die Buchara‐Juden waren berühmt für ihr Handwerk: Sie webten und färbten edle Stoffe. Die Stadt lag an der berühmten alten Seidenstraße. Mit der Eroberung Zentralasiens durch Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gingen die goldenen Zeiten zu Ende. Die kleinen privaten Handwerksmanufakturen der Juden konnten mit den Billigstoffen aus den russischen Weberfabriken nicht konkurrieren. Die meisten versuchten sich sodann als kleine Händler, Schuster oder Friseure – einige wenige, die geblieben sind, üben ihr Handwerk bis heute aus.
Hochgehalten wird auch die Erinnerung an die prominenten Vertreter der Gemeinde: Levi Babakhanov etwa, der jüdische Hofsänger des letzten Emirs von Buchara. Sein Enkel Ari unterrichtete 40 Jahre lang an der bucharischen Musikschule, bevor auch er vor kurzem nach Deutschland auswanderte.
Schuldirektorin Sniadovich hofft, dass der Exodus der Gemeindemitglieder jetzt zu Ende ist. Wer heute noch da sei, werde bleiben, sagt sie. „Auch für Juden ist es schwieriger geworden, die Einreisebestimmungen zu erfüllen.“ Außerdem gebe es Familien, die sich in Buchara wohlfühlen, ein eigenes Geschäft betreiben. Sie erhielten ab und zu finanzielle Hilfe von ausgewanderten Verwandten und wollten nicht mehr weg.
Die Pausenglocke läutet, die Musikstunde ist zu Ende. Die Kinderstimmen erklingen nun lauter als zuvor beim Singen im Chor. „Solange noch zehn Kinder die Schule besuchen“, meint Liubov Sniadovich, „geht das jüdische Leben in Buchara weiter.“

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