Baltikum

Würde wahren

von Anita Kugler

Bald reisen Hanna und Wolf Middelmann wieder nach Vilnius und Kaunas, dann weiter nach Riga und Liepaja und schließlich nach Tallinn. Es wird ihre dreißigste Fahrt zu Schoa-Überlebenden in den baltischen Ländern sein, die Koffer immer vollgepackt mit Geschenken für die Menschen, die schon längst ihre Freunde geworden sind. Im Portemonnaie tragen sie Spenden, die sie in Deutschland gesammelt haben und den drei Überlebendenvereinen in Litauen, Lettland und Estland übergeben. Sie tun es auf eigene Kosten, ohne Spesenabzug, und das seit 1994.
Damals erfuhr das inzwischen pensionierte Lehrerehepaar aus Göttingen – sie ist 70 und er 75 Jahre alt – in einer »Panorama«-Fernsehsendung entsetzt, dass die Bundesregierung invaliden Soldaten der ehemaligen lettischen Waffen-SS eine kleine Rente für ihren früheren Kriegsdienst überweise, den überlebenden Opfern des Naziregimes in den baltischen Ländern hingegen nichts.
Dieser Skandal ist inzwischen Geschichte. Seit Mitte 1997 erhalten die paar Dutzend jüdischen Überlebenden in den baltischen Staaten von der Bundesregierung eine Entschädigungsrente, die im Lauf der Jahre schrittweise auf heute 190 Euro im Monat erhöht wurde. Das ist nicht viel, zumal Deutschland den Überlebenden der westlichen Länder eine höhere Rente überweist, aber die Summe genügt, damit die alten Leute im Sommer nicht Beeren pflücken müssen und im Winter nicht erfrieren.
Am schlimmsten ist die Lage im tigerkapitalistischen Lettland, dort frisst die rasende Inflation jeden Pfennig auf. Im Juni betrug sie 17,5 Prozent – europäischer Re- kord. Die Verlierer sind wie in allen postsowjetischen Ländern die Alten. Weil früher fast alle gleich verdienten, bekommen sie heute auch fast alle die gleiche Rente. In Lettland ist sie kürzlich angehoben worden, von durchschnittlich 104 Lats (rund 145 Euro) auf 125 Lats. Das ebenfalls vom Staat neu ausgerechnete Existenzminimum liegt bei derzeit 185 Lats. Wer noch kriechen kann und keine helfenden Verwandten hat, muss also noch arbeiten.
In Riga sieht selbst der kurzsichtigste Tourist an jeder Ecke die verhärmten Frauchen mit ihren zum Verkauf angebotenen Gartenblümchen und frühmorgens ganze Heerscharen von alten Mütterchen, die gegen ein paar Centimes Salär die Bürgersteige fegen. Dies in einer Stadt, die inzwischen prächtig herausgeputzt ist, in der die Immobilienpreise Londoner Niveau erreicht haben und in der mehr Bentleys zugelassen sind als in ganz Bayern.
Durch die deutsche Zusatzrente und dank der privaten Spenden, die die beiden Middelmanns seit beinahe 15 Jahren – auch bei ihren vielen Vorträgen und ihrer Porträtausstellung »Dem Judenmord entkommen« – eintreiben, leben die jüdischen NS-Opfer nicht mehr unterhalb der Armuts- grenze, doch wahrlich nicht im Luxus. Wenn es menschenwürdig ist, wenigstens die notwendigen Medikamente und vielleicht auch einmal eine Fahrt an die Ostsee selbst bezahlen zu können, dann leben zumindest die alten, von den Deutschen um ihre Jugend und ihre Familien gebrachten Juden inzwischen menschenwürdig.
Das Verteilungsprocedere läuft so: Entsprechend der Mitgliederzahl – zur Zeit sind es in Litauen 110, in Lettland 45 und in Estland 15 – bekommen jedes halbe Jahr die Vorsitzenden der drei Überlebendenvereine die anteilmäßig gleiche, in der Höhe aber schwankende Spendensumme überreicht, die sie später in eigener Regie, aber nach unterschiedlichen Gesichtspunkten verteilen.
In Litauen zum Beispiel investiert der Verein das gesamte Spendengeld in ein vierstufiges Gesundheitsprogramm: So werden alle Medikamente bis zu einem Preis von knapp 30 Euro gegen Vorlage des Rezepts erstattet, und die bettlägerigen Mitglieder – zur Zeit sind es 40 – erhalten für die Finanzierung einer Pflegehilfe 50 Euro im Monat. Außerdem stehen jedem Überlebenden einmalig im Jahr 150 bis 250 Euro für Notfalloperationen und Krankenhausaufenthalte zur Verfügung, und der Verein zahlt jedem Mitglied jährlich einen Zuschuss von jährlich rund 200 Euro für Zahnbehandlungen.
In Litauen und Estland sind in die Verbände der Überlebenden von Ghetto und KZ auch etwa ein Dutzend Juden aufgenommen worden, die die Naziherrschaft – im Unterschied zu ihren Familien – nicht erlitten, weil sie kurz vor dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion geflüchtet waren. In Riga gehören zum Verein außerdem auch zwei Lettinnen, deren Familien unter Einsatz ihres Lebens einige Juden aus Ghetto und KZ gerettet haben.
Über die Höhe der seit 1994 insgesamt ausgezahlten Beträge geben die Middelmanns nur zögernd Auskunft, sie befürchten Neid und Missgunst (»Warum immer nur die Juden?«) und vielleicht auch eine erlahmende Spendenfreudigkeit in Deutsch- land. Um dies auszuschließen, aber auch um Erfahrungen zu teilen, verfasst das Ehepaar nach jeder Reise einen mehrseitigen Rundbrief an die Spender.
Daraus ergibt sich ein recht genaues Bild über die regionale Preisentwicklung und die materielle Situation der alten baltischen Juden. Aber am wichtigsten: In jedem Rundbrief erzählen die Middelmanns drei, vier Lebensgeschichten der von ihnen besuchten Menschen. So erfährt der Leser zum Beispiel von Fanja Pavlova aus Liepaja, die zehn Jahre alt war, als die Deutschen einmarschierten, 6.422 Juden am Strand von Skede erschossen, darunter ihren Vater und 16 Familienangehörige. Fanja konnte das Ghetto in Libau, das KZ-Kaiserwald in Riga, danach Stutthof und Zwangsarbeit in Bromberg nur überleben, weil ihre Mutter sie 1941 in ein arbeitsfähiges Alter gelogen hatte. Als Fanja nach dem Krieg mit der vergeblichen Hoffnung, Angehörige wiederzufinden, nach Liepaja zurückkehrt, trifft sie in der Straßenbahn einen ehemaligen lettischen Polizisten. Er erbleicht, sie bringt keinen Ton heraus. Diese Begegnung vergrub sie in ihrer Erinnerung, so wie fast alle baltischen Überlebenden die schlimmsten Jahre ihre Lebens bis heute nicht streifen wollen. In den Sowjetjahrzehnten war dies auch nicht opportun, was die innere Einsamkeit verstärkte.
Einsamkeit, das ist heute wohl auch die größte Traurigkeit. Auffällig viele Überlebende in Litauen und Lettland fanden in der Sowjetzeit nie den Mut, Kinder zu bekommen und wenn doch, blieb es oft bei einem. So haben sie heute selten Enkel.
Die fehlenden Bindungen können die Middelmanns nicht ausgleichen. Aber ihre Besuche, Telefonate und Briefe, die Kontakte, die sie manchmal zwischen Spendern und baltischen Juden herstellen konnten, haben einigen Menschen geholfen, das Leben wieder lebenswert zu finden.

Spendenkonto: Hanna und Wolf Middelmann, Sparkasse Göttingen, Bankleitzahl 260 500 01, Konto-Nummer 100 499 433, Stichwort: Riga.
E-Mail: wolf-middelmann@t-online.de

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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