Katharina Wagner

„Wir wollen die Kellertüren öffnen“

Frau Wagner, als Teil des Konzeptes, das Sie und Ihre Schwester Eva Pasquier‐ Wagner als neue Festspielleiterinnen umsetzen wollen, nennen Sie die Auseinandersetzung Bayreuths mit der NS‐Zeit. Da herrscht wohl Nachholbedarf?
wagner: Ja, es ist eindeutig zu wenig geschehen. Es gibt natürlich immer eine rein persönliche Komponente. Mein Vater, der ja sehr lange ein verdienter Festspielleiter war, war in diese Zeit verwickelt. Unter diesen Umständen ist die Auseinandersetzung sehr viel schwieriger. Aber meine Schwester und ich sind uns einig: Wir müssen uns an diese Sache ranmachen.

Befürwortet Ihr Vater Wolfgang Wagner eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Hügels, die ja auch seine ist?
wagner: Unbedingt. Er hat meine Schwester und mich ganz klar dazu ermutigt, diesen Punkt in unserem Konzept hervorzuheben. Er war wohl froh, dass er als Soldat sehr bald verletzt wurde, und dann am weiteren Kriegsgeschehen nicht mehr teilnahm. Er hatte aber auch nicht die Kraft für diese Auseinandersetzung. Aber er hat mir immer wieder gesagt: Du hast die Kraft, du musst es machen.

Wollen Sie diese Auseinandersetzung vor allem als Regisseurin leisten?
wagner: Als Regisseur kennt man doch die Problematik, dass Wagners Werk eine riesige Anziehungskraft auf Hitler ausgeübt hat. Dafür kann Wagner nichts, aber diese Problematik ist Teil einer traurigen Rezeptionsgeschichte. Stefan Herheim als Regisseur des neuen Parsifal und ich mit meiner Meistersinger‐Inszenierung fanden, dass wir hier Stellung beziehen müssen.

Wie erklären Sie sich diese Anziehungskraft?
wagner: Wagner ist ja schwer, das ist großer musikalischer Auftritt. Bei einem leichter daherkommenden Komponisten wie Mozart wäre das sicher nicht möglich gewesen. Im Ring der Nibelungen bedient sich Wagner germanischer Mythen, beständig ist da von „Stämmen und Geschlechtern“ die Rede. In den Meistersingern wird festgestellt: „Was deutsch ist, das weiß keiner mehr.“ Wagner mochte sich da auf die Kleinstaaterei vor der Reichseinigung bezogen haben, aber da kommt Hitler daher und gibt vermeintlich die Antwort: Ich weiß, was deutsch zu sein hat, meine Ideologie ist die Rettung.

Richard Wagner hat vor allem in seiner Schrift „Das Judentum in der Musik“ keinen Hehl aus seinem Antisemitismus gemacht. Finden Sie Antisemitismus auch in seinen Werken?
wagner: Man kann alles in sie hineinlesen. Aber Wagners Werk ist komplexer, als Hitler das jemals begriffen haben dürfte. Jede Figur seiner Opern, die mit aller Gewalt nach Macht strebt, scheitert grandios. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hitler diesen Aspekt je verstanden hat.

Die Meistersinger waren Hitlers Lieblingsoper. Haben Sie sie deshalb als erste Regiearbeit in Bayreuth gewählt?
wagner: Sie standen für eine Neuinszenierung einfach an. Kollegen haben an anderen Orten schon gute rezeptionsgeschichtliche Arbeit geleistet. Aber in Bayreuth wurden sie immer entpolitisiert. Es war Zeit, dass das wegkommt. Ich kann es nicht genug betonen. Für die Bayreuther Festspiele gab es eben diese unsägliche Verknüpfung und man kann das nicht zurückdrehen und so tun, als sei das der Behandlung nicht wert. Es ist passiert, es gab eine Zeit, in der keine andere Kunst zugelassen wurde, andere Kunst gebannt, verbrannt wurde – wo Menschen entrechtet und getötet wurden. Dazu habe ich in meinen Meistersingern eben deutlich Stellung genommen. Man muss doch sagen: Stopp, was hier am Grünen Hügel passiert ist, das müssen wir uns doch noch einmal vor Augen führen!

Sie werden ja richtig leidenschaftlich, wenn es um politische und historische Aufräumarbeit in Bayreuth geht!
wagner: Absolut. Der Vorwurf der zu engen Verquickung im Dritten Reich kommt doch nicht von ungefähr. Und es ist doch auch nicht aus der Luft gegriffen, wenn behauptet wird, man schweige dieses Kapitel hier tot. Das darf einfach nicht sein. Und wenn ich jetzt mal bildlich sprechen darf, fällt diesem Grünen Hügel ein Riesenstein vom Herzen, wenn das mal genau aufgeklärt wird.

Wie soll man sich diese historiografische Aufarbeitung, die ja auch Wagnersche Familiengeschichte ist, denn vorstellen?
wagner: Im Festspielhaus oder im Keller unseres Hauses liegen Fotos, unbeschriftete Filmrollen, Probenskizzen – ein ungeheurer Schatz von hohem kulturgeschichtlichen Wert, der gehoben werden muss. Und darunter mögen sich relevante Quellen für die Aufarbeitung der Hügel‐ und Familiengeschichte befinden. Es gibt ja keinen Schrank, auf dem „NS‐Zeit“ stünde und darin lägen dann beispielsweise alle relevanten Korrespondenzen. Dieses Projekt ist aufwendig und teuer. Das Material ist über alle Familienzweige verstreut. Das alles muss gesichtet, geordnet und archiviert werden. Das lässt sich nicht in drei Monaten erledigen.

Und es wäre wohl die Hilfe der weit verzweigten und notorisch zerstrittenen Familie notwendig.
wagner: Meine Schwester und ich sind uns einig: Wir wissen nicht, was genau dabei ans Tageslicht kommt. Aber der „Stamm Wolfgang“ – und dazu gehört ganz bestimmt auch mein Bruder Gottfried, der sich am kritischsten mit der Geschichte der NS‐Zeit auseinandergesetzt hat – will nicht nur bildlich gesprochen die Kellertüren öffnen.

Soll denn die Familie selbst diese Arbeit leisten?
wagner: Ich kann nicht für andere Familienmitglieder sprechen, aber ich finde nicht, dass man sich da versperren sollte. Dazu ist das Thema viel zu wichtig. Nur möchte ich auch nicht, dass die Familie sich in diese historiografische Arbeit einmischt. Es soll gar nicht die Möglichkeit entstehen, dass ihr vorgeworfen wird, sie habe Material bei dieser Aufarbeitung verschwinden lassen. Wenn etwas gefunden wird, bin ich extrem daran interessiert, es zu sehen. Aber ich bestehe darauf, dass es jemand U nbeteiligter zuerst in der Hand hat.

Und wer wäre der Unbeteiligte?
wagner: Ich hoffe, dass ich eine unabhängige Stiftung gewinnen kann und ich würde mir ein international besetztes Gremium von Historikern unterschiedlichster Couleur vorstellen. Ein Gremium, dem man unzweifelhaft Unabhängigkeit bescheinigen kann. Ich kann nur sagen: Historiker der Welt, kommt nach Bayreuth!

Daniel Barenboim und Zubin Mehta haben immer wieder versucht, Wagner in Israel aufzuführen. Können Sie verstehen, dass man sich dort noch verweigert?
wagner: Ja! Ich finde es wichtig, dass Barenboim oder Mehta Wagner gewissermaßen in Israel anbieten. Aber kein Wagner, kein Familienmitglied könnte oder sollte das. Wenn ich ein Angebot für eine Inszenierung in Israel machen würde, müsste man das zu Recht als Affront, als Anbiederung, förmlich als Vergewaltigung auffassen. Hitler hat Wagner eben in dieser Weise belegt, und Musik spricht tiefe emotionale Schichten an. Und deshalb ist es für mich zutiefst verständlich, dass es einen Widerwillen gibt und auch in 100 Jahren noch geben kann. Wer Wagner sehen will, kommt doch nach Bayreuth. Wir müssen das nicht nach Israel zwingen.

Das Gespräch führte Sylke Tempel.

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