Bundesrepublik

Wir Teilhaber

von Michael Wolffsohn

Nur eine kleine Minderheit der heutigen Juden Deutschlands ist »deutsch«. Das zeigt schon ein flüchtiger Blick auf Geografie und Demografie der bundesdeutschen Juden. Bis zur Wiedervereinigung waren rund 80 Prozent der damals 28.000 bundesdeutschen Juden osteuropäischer Herkunft: die Überlebenden der NS-Vernichtungshöllen und ihre Nachfahren. Von den heute rund 113.000 Gemeindejuden stammen ebenfalls etwa 80 Prozent aus der Ex-Sowjetunion. Da knapp weitere 100.000 nicht oder nicht mehr Gemeindemitglieder sind, gilt: Die bundesdeutschen Juden sind Ex-»Russen«.
Man muss kein Prophet sein, um vorhersagen zu können: Die heutigen Ex-»Russen« werden morgen nicht nur objektiv (als Staatsbürger), sondern auch subjektiv deutsch sein. Denn das wollen sie. Sonst wären sie nicht hierhergekommen. Werden sie auch Juden bleiben? Viele müssten innerlich erst jüdisch werden, um jüdisch bleiben zu können.
Auch die nichtjüdische Gesellschaft hat sich im Vergleich zu früher völlig verändert. Das verbindet Juden und viele Nichtjuden. Beide sind neu in diesem neuen Bundes-Deutschland. Die Biografien der führenden BRD-Juden sind, trotz der demografischen Vorgaben (Osteuropa und Russland), bislang mehrheitlich »deutsch«. Das wird sich mit Sicherheit morgen ändern. Doch übermorgen ist auch das Führungspersonal der Ex-»Russen« deutsch.
Was Konrad Adenauer als Weichen stellender nichtjüdischer Top-Politiker war, stellte Heinz Galinski für die BRD-Juden dar: beide große Strategen. Mehr als andere hat dieser sich 1950 gegen den massiven Druck Israels und der Diaspora-Organisationen gestemmt, innerhalb von weni- gen Wochen hier die Koffer zu packen und die Zelte abzubrechen. Wie jeder hätten auch Deutschlands Juden das Recht, selbst zu bestimmen, wo sie leben möchten, konterte Galinski mutig. Diese Politik setzte er beharrlich um. Seine zweite strategische Entscheidung: Galinski setzte bei (und teils gegen) Helmut Kohl und Israel durch, dass Juden aus der zerfallenden Sowjetunion als Kontingentflüchtlinge ins neue Deutschland kommen könnten. Ohne diese Entscheidung wären Deutschlands Judengemeinden heute Kleinst-Seniorenheime – und vom Aussterben bedroht.
Auch im Biografischen gibt es weitere Ähnlichkeiten mit der nichtjüdischen Seite. Was Gerhard Schröder unter den Kanzlern der Bundesrepublik war, fand seine Entsprechung bei Ignatz Bubis, dem Präsidenten des Zentralrats: beide große Kommunikatoren, Charme und Härte miteinander verbindend. Und noch eine Paral- lele: Charlotte Knobloch stieg in jüdischen Belangen zur Nummer eins auf – fast zur gleichen Zeit wie Angela Merkel zur Bundeskanzlerin. Für beide war gesellschaftspolitisch die Zeit reif.
»Deutschland? Nein danke!« Das war jahrzehntelang die historisch und psychologisch verständliche Ideologie der bundesdeutschen Juden. Das Gleiche galt für Nichtjuden. Aus historischen und psychologischen Gründen war das nachvollziehbar. Bei beiden hat sich das Verhältnis zu Deutschland als Gedanken- und Gefühlspaket inzwischen entspannt.
Auch die Theologie der bundesdeutschen Juden ähnelt der nichtjüdischen. Wo man hinschaut und hinhört: religiöse Gleichgültigkeit und Kenntnislosigkeit. Säkularisierung nennt man das im Jargon, also die Entfernung von und zu Religion. Wie nichtjüdische Geistliche vermögen auch jüdische ihre Schäfchen selten für die Religion zu erwärmen, und die Synagogen sind nicht voller als die leeren Kirchen. Das wird sich kaum ändern, sondern eher verstärken. Synagogen-Neubauten können diesen Trend nicht wenden, weil sich die meisten Menschen von der Religion abwenden. Bleiben wird auch bei uns Juden eine hochaktive, selbstzentrierte, religiöse, gar orthodoxe Minderheit.
Die Ökonomie und Soziologie der bundesdeutschen Juden entspricht der klassischen Tradition der Diaspora. Sie waren, sind und bleiben Mitte der Gesellschaft, Bürgerliche schlechthin. Den Status-Gipfel der Gesellschaft erreichen nur wenige. Sie sind aber auch nicht Proletariat. Weil der Wettbewerb zwischen Juden und Nichtjuden in der und um die Mitte am heftigsten ist, betrifft der Antisemitismus der Mitte die Juden im Alltag sogar mehr als der physisch weit gefährlichere alt- und neunazistische Antisemitismus »von unten«.
Ein Blick auf die Kulturgeschichte: Gemessen an der Weimarer gelten die Bonner und Berliner Republik als eher fad. Mag sein. Oder auch nicht. Jedenfalls sei der Grund dafür, dass Deutschlands Kultur selbst verschuldet »die Juden fehlen«. Das ist eine Legende, denn Legion sind bundesdeutsche »Kulturjuden«: Marcel Reich-Ranicki, Hilde Domin, Hermann Kesten, Wolfgang Hildesheimer, Jurek Becker, Barbara Honigmann, Rachel Salamander, in gewisser Weise auch Paul Celan im Bereich Literatur. In der DDR Stefan Heym, Anna Seghers, Arnold Zweig. In den Geistes- und Sozialwissenschaften Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Richard Löwenthal, Ernst Fraenkel, Ernst Bloch, Hans Mayer, Dan Diner. Im Schauspiel: Fritz Kortner, Ernst Deutsch, Michael Degen. Alles andere als fad sind diese Kulturgrößen. Dass »die Juden« auch in den deutschen Medien überrepräsentiert wären, ist eine zähe, unfromme Legende. Dass einige von ihnen zu den Besten des Landes gehören, ist keine Legende, zum Beispiel Josef Joffe (Die Zeit) oder Henryk M. Broder (Der Spiegel), Jacques Schuster und Hannes Stein (Die Welt).
Parteipolitisch neigten die Juden der bundesdeutschen Frühzeit eindeutig zur SPD. Deren Ostpolitik unter Willy Brandt und Helmut Schmidt bedurfte sowjetischer Partnerschaft, die ihrerseits das gute Verhältnis zu Israel und den Juden trübte. Gerhard Schröder stieß die USA vor den Kopf und entfremdete viele deutsche Juden. Diese hatten sich bereits in der Spätphase Helmut Kohls, und erst recht unter Angela Merkel, für die CDU erwärmt. Deren christliches »C« hatte – trotz des großartigen Versöhnungswerkes von Adenauer – Deutschlands Juden lange verprellt; auch das Gerücht, es gäbe in der Union mehr »alte Nazis« als in anderen Parteien. Bei der FDP wurden, abgesehen von wenigen Ausnahmen (zum Beispiel Ignatz Bubis), nur wenige Juden heimisch. Die Partei war gegen das Wiedergutmachungsabkommen von 1952, blieb bis 1966 nationalliberal. Und der sozialliberale Walter Scheel verschlechterte aktiv das Verhältnis zu Israel, besonders im Jom-Kippur-Krieg (1973). Der Genscherismus wollte auch in Nahost Gleichgewichtigkeit, und unter Guido Westerwelle führte der Arafat-nahe und Juden-ferne Jürgen Möllemann lange das große Wort. Wenige Prominente jüdischer Herkunft setzten sich für die SED/PDS/Linke ein: Anna Seghers, Stefan Heym, Markus Wolf, Gregor Gysi. Eine jüdische Basis hat der deutsche Kommunismus nicht mehr, und Mainstream war er nie. Unabhängig von Daniel Cohn-Bendit oder Micha Brumlik haben die Grünen ihre neulinke-antizionistische Herkunft nie ganz überwinden und daher nur wenige Juden gewinnen können.
Das alles war. Und was wird? Die Juden sind dabei, eher früher als später jüdische Deutsche zu werden. Wie jüdisch sie dabei bleiben, ist fraglich. Wie deutsch, nicht.

Der Autor lehrt Neuere Geschichte an der Bundeswehrhochschule München. Er ist Kulturreferent im Vorstand der IKG München. Von ihm ist erschienen: »Deutschland, jüdisch Heimatland« (Piper).

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