Parviz Namdar

„Wir spüren die Krise“

Im Januar bin ich 76 geworden, diesmal haben wir aber nicht so groß gefeiert. Letztes Jahr gab es in der Synagoge einen kleinen Empfang, der Rabbiner hat eine Rede gehalten und mich gebeten, einen Teil der Gebete zu sprechen. Viele meiner Freunde waren da, auch meine muslimischen Bekannten. Es gab einen sehr schönen Kiddusch draußen vor der Synagoge. Aber mir liegt das eigentlich nicht so, denn ich stehe ungern im Vordergrund.
Ich bin immer noch im Geschäft. Es macht mir Spaß, und ich bin kein Mensch, der sich den ganzen Tag ausruhen kann. Ich habe noch nicht ans Aufhören gedacht. Mein jüngerer Sohn arbeitet seit acht Jahren mit mir in unserer Import‐Export‐Firma hier in Hamburg. Wenn er in Zukunft mehr übernehmen kann, werde ich mich vielleicht stunden‐ oder tageweise zurückziehen und ein wenig ausruhen.
Ich bin vor über 52 Jahren aus dem Iran über Umwege nach Hamburg gekommen. Als junger Mann wollte ich Europa kennenlernen. Zuerst bin ich nach Istanbul gereist, von dort aus weiter nach Mailand. Aber mir gefiel nicht, wie der Teppichhandel dort betrieben wurde. Viel bewegte sich in der Grauzone zur Illegalität, das ist nicht meine Sache. Ich hatte damals einen Freund, der in Hamburg lebte und hier ein kleines Zimmer hatte. Er hat mir erzählt, dass es in Deutschland Arbeit gäbe und ich bei ihm wohnen könnte. So kam ich hierher und bin geblieben.
Heute arbeite ich immer noch an fünf Tagen in der Woche, nur freitags höre ich etwas früher auf, um in die Synagoge zu gehen und mich auf den Schabbat vorzubereiten. Schon seit Langem engagiere ich mich ehrenamtlich in der Gemeinde, zunächst als Kantor, später im Kultusausschuss. Aber vor ein paar Jahren habe ich aufgehört, weil es mir zu viel wurde. Doch die Verbindung zur Gemeinde bleibt bestehen, solange ich physisch dazu in der Lage bin. Offiziell habe ich keine Aufgabe mehr, nur manchmal helfe ich noch als Kantor. Aber wenn die Gemeinde mich um etwas bittet, würde ich niemals nein sagen.
Bis vor 15 Jahren hatte ich ein Teppichlager. Aber Risiko und Spesen sind in unserem Geschäft sehr groß. Juwelen kann man einfach in seinem Safe aufbewahren, doch für Teppiche braucht man Lagerraum und Angestellte. Inzwischen arbeite ich als Berater, die Firmen kommen zu mir, oder ich besuche für die Kunden Teppichhändler. Mein Unternehmen heißt Ben‐Trading, weil mein hebräischer Name Benjamin ist. Mein Sohn kümmert sich um den Internetauftritt und pflegt den E‐Mail‐Kontakt zu den Kunden, ich mache dann die Beratung. Im Moment spüren wir die Krise deutlich. Wenn Leute überhaupt an Teppiche denken, dann an maschinell hergestellte in modischen Farben. Das ist nicht nur hier so, in ganz Europa spürt man die Auswirkungen. Es wird auch viel in China, Pakistan oder den USA produziert. Seitdem das Fliegen so billig ist, reisen viele Kunden selbst zum Einkaufen.
Ich bin in Mesched geboren, im Nordosten des Irans. Mein Vater starb, als ich elf war, deshalb ging ich früh von der Schule, um zu arbeiten. Ich bin das älteste von sechs Geschwistern und musste als sehr junger Mann die Familie unterstützen. Angefangen habe ich als Angestellter bei einer Import‐Export‐Firma. Dort erledigte ich Bürojobs, schrieb Briefe, machte Botengänge. Der Großteil meiner Familie war bis kurz nach der Revolution 1979 noch im Iran, inzwischen wohnt niemand von meinen Verwandten mehr dort. Vor 1979 war ich mindestens zweimal im Jahr in Teheran, wo mein Bruder unsere Firma geleitet hat, oft bin ich auch gemeinsam mit Kunden dorthin gereist. Aber seitdem bin ich nicht mehr da gewesen. Die Mullahs haben uns damals enteignet. Ich kann das nicht stumm über mich ergehen lassen. Solange dieses Régime dort regiert, kann ich nicht mehr in meine Heimat reisen. Das fällt mir unglaublich schwer. Ich liebe den Iran, das Land, die Sprache, die Kultur. Über 25 Jahre lang habe ich humoristische Gedichte und Aufsätze für eine dortige Zeitschrift geschrieben, auch noch von Deutschland aus. Aber ich kann es nicht dulden, wenn der iranische Präsident anti‐israelische Hassreden von sich gibt. Ich könnte dort nicht still bleiben. Aber ich habe natürlich beruflich sehr viel mit Iranern zu tun, das ist überhaupt kein Problem.
Hier in Hamburg gibt es eine recht große persische Gemeinschaft. Ich habe aber wenig damit zu tun. Enge Freundschaften mit nichtjüdischen Iranern, in denen man sich austauscht, pflege ich kaum. Früher waren wir mal 200 persisch‐jüdische Einwanderer hier in Hamburg, heute sind davon gerade mal 30 übrig geblieben. Die Atmosphäre in unserer Gemeinde hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert, auch durch die vielen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion.
Neben meiner Arbeit und meinem Engagement in der Gemeinde gehe ich gern spazieren, verbringe Zeit an der frischen Luft. Außerdem lese ich viel, leider ziemlich langsam. Gerade ist es ein Buch von Yissakhar Ben‐Yaacov, den ich in seiner Zeit als Diplomat kennengelernt habe und sehr schätze. Es ist seine Autobiografie, die er mir nachträglich zum Geburtstag geschenkt hat, als er erfuhr, dass ich 75 geworden bin. Ein wirklich spannendes Buch, ich bin fast fertig. Sonst lese ich viele Zeitungen und Zeitschriften, die sich mit dem Judentum und jüdischem Leben in Israel beschäftigen. Auch das aktuelle Geschehen im Iran verfolge ich aufmerksam. Früher bin ich viel nach Israel gereist, das erste Mal 1961, daher spreche ich auch Hebräisch. Seit drei Jahren war ich nicht mehr dort. Ich kann die Firma nicht so lange allein lassen, zudem sind die Flüge und die Hotels recht teuer.
Seit Jahren habe ich keinen längeren Urlaub mehr gemacht, abgesehen von ein paar kurzen Reisen nach London und New York, wo meine Mutter lebt. Sie ist inzwischen 97. Sie vergisst sehr viel, aber für ihr Alter ist ihr Gesundheitszustand akzeptabel. Ich besuche sie einmal im Jahr. Meine jüngste Schwester lebt in London. Mit Teppichhandel hat keines meiner Geschwister zu tun. Früher als junger Mann bin ich viel mehr gereist, oftmals, um neue Kunden zu gewinnen. Zur Teppichmesse in Hannover fahre ich immer noch jedes Jahr. Allerdings kehre ich dann jeden Abend wieder zurück nach Hamburg. Im Januar war ich wieder da, man hat gemerkt, dass es diesmal viel ruhiger war als sonst. Die Teppichbranche spürt Wirtschaftskrisen immer mit zuerst. Denn Orientteppiche sind Luxusgüter, daran sparen die Menschen zuerst. Hoffentlich wird es bald wieder besser für uns alle.
An den Wochenenden treffe ich mich häufig mit Freunden in Hotels oder Cafés, dort diskutieren wir zwei, drei Stunden und tauschen uns aus. Oft sind unsere beiden Enkel zu Besuch, das macht uns große Freude. Mit ihnen zu spielen und Zeit zu verbringen, ist mir sehr wichtig. Die beiden sind jetzt sechs und vier Jahre alt. Bei uns zu Hause ist es nicht übertrieben vollgestopft mit Teppichen. Ich bevorzuge fein gewebte in hellen Farben ohne Medaillon in der Mitte. So sieht auch der Teppich aus, den wir bei uns im Wohnzimmer liegen haben.

Aufgezeichnet von Moritz Piehler

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