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„Wir sprechen Tabus an“

Herr Derakhshan, Sie sind gerade von einer Reise aus Israel zurückgekehrt. Was wollten Sie dort?
derakhshan: Ich bin nach Israel gefahren, um meine Leser im Iran über das Land zu informieren. Außerhalb der staatlichen Propaganda, dem offiziellen dämonisierten Bild, wird in den iranischen Medien überhaupt nicht über Israel berichtet. Gleichzeitig hatte ich die Absicht den Menschen in Israel zu verdeutlichen, daß der amtierende iranische Präsident mit seinen Äußerungen über Israel nicht die Meinung der Mehrheit der iranischen Bevölkerung vertritt. Ahmadinedschad prägt dort, wie anderswo auch, das Bild der öffentlichen Berichterstattung über den Iran.

Wie wurden Sie im Land des „kleinen Satans“ aufgenommen?
derakhshan: Ich war überrascht, wie positiv und unvoreingenommen die Menschen in Israel auf meinen Besuch reagiert haben – auch gerade angesichts des aktuellen Konfliktes. Die Israelis wollen wissen, was im Iran passiert. Man hat mich sehr neugierig und offen willkommen geheißen.

Hat sich Ihr eigenes Israel‐Bild durch die Reise verändert ?
derakhshan: Mit Sicherheit. Ich habe Israel als eine liberale Demokratie westlicher Prägung kennengelernt. Das Bild von Israel, das auch in den westlichen Medien gezeichnet wird, hat wenig mit der Realität vor Ort zu tun. In Israel ist es möglich, die eigene Regierung zu kritisieren und sich öffentlich sogar als Antizionist zu bezeichnen. Das hat mich doch sehr überrascht und beeindruckt.

Sie leben nicht mehr im Iran, besuchen das Land aber häufig. Fürchten Sie, Schwierigkeiten bei Ihrem nächsten Heimataufenthalt zu bekommen? Iranischen Staatsbürgern sind ja Reisen nach Israel gesetzlich untersagt.
derakhshan: Nun, ich lebe ja schon seit über fünf Jahren im kanadischen Exil. Meine nächste Iran‐Reise werde ich mit meinem kanadischen Paß antreten. Ich befürchte keine konkreten Schwierigkeiten, zumindest nicht mehr als sonst. Den iranischen Behörden war ich ja auch schon vor der erwähnten Reise ein Dorn im Auge.

Der Iran steht wegen seines Atomprogramms unter internationalem Druck. Will das Régime sich nuklear bewaffnen?
derakhshan: Vermutlich ja. Aus iranischer Perspektive gibt es einige Gründe, sich atomar zu bewaffnen. Wie das Beispiel Nordkorea zeigt, sind Atomwaffen ja so etwas wie eine Rückversicherung gegen die Bedrohung der Souveränität. Iraner haben einen ausgeprägten Nationalstolz. Nichts fürchtet man mehr als den Verlust der nationalen Souveränität. Außerdem sind viele Iraner über die Atomwaffen im benachbarten Pakistan besorgt. Von Pakistan gehen langfristig mehr Gefahren aus, auch wenn es aktuell als Verbündeter des Westens angesehen wird.

Verstehe ich Sie richtig? Sie sind ein Anhänger der „iranischen Bombe“?
derakhshan: Nicht die Bombe an sich ist die Gefahr, sondern wer über diese verfügt. Ich bin mit Sicherheit keiner Sympathien für das iranische Régime verdächtig. Wenn das jetzige Régime über Atombomben verfügen würde, wäre das in der Tat sehr bedrohlich. Aber nicht wegen eines potentiellen nuklearen Erstschlages von seiten des Iran, sondern wegen des Mangels an technologischer Sicherheit im Lande, der sich auch in anderen Bereichen zeigt.
Was sagen Ihre Landsleute im Iran dazu?
derakhshan: Die überwiegende Mehrheit möchte nicht, daß Ahmadinedschad über Nuklearwaffen verfügt. Die Menschen spüren genau, daß der außenpolitische Kurs des Präsidenten auf eine Konfrontation mit dem Westen hinausläuft und die internationale Isolation verstärkt. Das Régime hat sich außenpolitisch in eine Sackgasse manö‐vriert. Die Iraner beobachten aktuell sehr gespannt, wie die Karre wieder aus dem Dreck gezogen werden soll und vor allem von wem.

2001 haben Sie Ihr erstes Weblog ins Netz gestellt. Inzwischen ist Farsi die vierthäufigste Sprache im Internet. Es gibt mehr iranische Blogs als spanische, deutsche, italienische oder chinesische. Weshalb sind Weblogs im Iran so populär?
derakhshan: Bloggen ist im Iran so populär, weil es Bedürfnisse befriedigt, die von den staatlichen Medien nicht mehr erfüllt werden. Wir nutzen unsere Online‐Tagebücher, um Tabus anzusprechen über die nicht öffentlich diskutiert werden darf, zum Beispiel Homosexualität, Rechte der Frauen oder ganz profan westliche Musik. Die überwiegend jungen Nutzer haben sich so einen Raum erobert, eine Öffentlichkeit geschaffen, in der man seine freie Meinung äußern und zu aktuellen Themen Stellung beziehen kann.

Glauben Sie, daß Weblogs totalitäre politische Systeme wie das des Iran verändern können?
derakhshan: Ja, aber nur indirekt. Die wichtigste Funktion der Blogs im Iran besteht darin, den Menschen einen öffentlichen Raum anzubieten, in dem ohne staatliche Indoktrination ein freier Austausch von Ideen und Meinungen stattfindet. Es gibt im Iran Millionen von Internetnutzern – mit steigender Tendenz. Rund zwei Drittel der Iraner sind unter dreißig und mit neuesten Technologien bestens vertraut. Dank der Bildungspolitik der Islamischen Republik kommen an den Universitäten Studenten aus allen gesellschaftlichen Schichten des Landes mit dem Internet in Kontakt. Langfristig dürfte es für die Regierung deshalb immer schwieriger werden, Einfluß auf die Ideen und Überzeugungen der jungen Iraner zu erlangen.

Wohl deshalb versucht das Régime seit geraumer Zeit, die Bloggerszene auszuschalten. Bekannte Blogger wurden verhaftet und unter Druck gesetzt. Wie gefährlich leben Blogger im Iran?
derakhshan: Nun, je gefährdeter sich das Régime fühlt, um so stärker versucht es, seine Gegner auszuschalten. Die iranischen Blogger sind aber smart genug, sich keinen unnötigen Risiken auszusetzen.

Das Gespräch führte Ramon Schack.

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