Theaterstück

Wir spielen Widerstand

von Frank Keil‐Behrens

Sie sind mit ihren Fahrrädern durch die Nacht gefahren und halten sich nahe den Bahngleisen versteckt. Drei junge Belgier, ausgerüstet mit einer Pistole, drei Zangen und einer Sturmlampe, warten in der Dunkelheit auf einen Deportationszug, der an diesem 19. April 1943 1.618 Juden vom belgischen Sammellager Mechelen bei Antwerpen nach Auschwitz bringen soll.
Akribisch hat die Brüsseler Spiegel‐Korrespondentin Marion Schreiber in ihrem 2000 erschienenen Buch Stille Rebellen diese auch in Belgien lange kaum bekannte Aktion recherchiert – der einzige bisher verbürgte Überfall auf einen Deportationszug, bei dem über 240 Menschen die Flucht gelang. Jetzt hat das Hamburger Off‐Theater Sprechwerk eine Bühnenfassung des Textes erstellt, die diese Woche in Berlin, danach in Hamburg zu sehen ist.
Was hätte man alles aus diesem Stoff machen können! Die drei jungen Männer gehörten nicht zu einer straff durchorganisierten Truppe, sondern zu einer lockeren, theosophischen Gemeinschaft, in der man gerne folgenlos über Religion, Kunst und Mystik plauderte und manchmal Swingmusik hörte. Dass einige ihrer Freunde Juden waren, wurde den Gruppenmitgliedern erst bewusst, als die Nazis zuschlu‐ gen. So erwuchs die Aktion denn auch nicht aus kühler Überlegung, sondern speiste sich aus einer Mélange aus ungestümem Idealismus, wilder Entschlossenheit und purer Kühnheit. »Richtige« Résistancekämpfer, zu denen die Gruppe Kon‐ takt hielt, hatten eine Beteiligung abgelehnt: zu gefährlich, zu risikoreich und vor allem zu schwer planbar erschien ihnen das Unternehmen. Tatsächlich wurden schon bald nach der Aktion zwei der drei Aktivisten verhaftet.
Leider haben Andreas Lübbers (Textfassung) und Konstanze Ullmer (Regie) die Sache gründlich vermasselt. Sie lassen ihre Schauspieler äußerst bieder nachspielen, oft auch nur aufsagen, was sich damals ereignete, ohne dass darüber hinaus Fragen gestellt, Thesen entwickelt oder auch nur ein möglicher Gegenwartsbezug angeboten würde. Die Protagonisten bleiben blass, bekommen keine Tiefenschärfe: Ihre Sätze kommen meist daher wie auswendig gelernt, die Charaktere sind holzschnittartig. Das gilt besonders für die Figur des SS‐Obersturmführers Kurt Asche, der maßgeblich für die Deportation der belgischen Juden verantwortlich war: Anfangs schlägt er bei jeder Gelegenheit devot die Haken zusammen (charakterlos), dann spricht er mit vollem Mund (ordinär), hernach ist er besoffen (unberechenbar), um schließlich nur noch lauthals herumzubrüllen (gefährlich) – wobei das Brüllen dem Darsteller stimmlich nicht einmal überzeugend gelingt. »Höhepunkt« dieser langatmigen und dramaturgisch flachen Inszenierung, die sich einem naiven Eins‐zu‐eins‐Realismus verpflichtet fühlt und offenbar alle Entwicklungen und Erneuerungen des Sprechtheaters der letzten Jahrzehnte verschlafen hat, ist dann die Zugszene: Die drei Widerstandskämp‐ferdarsteller fuchteln wüst mit Taschenlampen herum, Schussgeräusche ertönen vom Band. Richtig kitschig wird es dann am Ende des Stückes: Als die Nachricht von der Hinrichtung eines der drei Zugbefreier eintrifft und sein Abschiedsbrief verlesen wird, sagt ein Schauspieler mit demonstrativ tränenerstickter Stimme: »Was für ein wunderbarer Mensch.«
Einem Schultheaterprojekt könnte man ein derart folgsames Nachspielen von bereits Dokumentiertem, ein solches Abrufen von Klischees und einen solchen Budenzauber nachsehen; für ein professionelles Ensemble ist es nicht nur zu wenig, es trivialisiert das damals Geschehene auch in unverantwortlicher Weise. Besser, man liest gleich Marion Schreibers Buch.

Aufführungen Berlin: Deutsches Technikmuseum, 18 bis 21. September, jeweils 20 Uhr. Aufführungen Hamburg: Sprechwerk, Klaus‐Groth‐Straße, 23., 24. und 25. September, jeweils 20 Uhr
Das Buch »Stille Rebellen – der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz« von Marion Schreiber ist im Aufbau Verlag Berlin mittlerweile auch als Taschenbuch erschienen ( 360 S., 9,50 €).

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