marek pelc

»Wir sind uns selbst Heimat«

Wenn ich unterwegs bin, trage ich gerne eine Sonnenbrille. Max Frisch hat einmal gesagt: »Setzen Sie sich eine dunkle Brille auf, dann können Sie ungestört beobachten.« Ich finde, er hat recht. Nun gut, das ist das eine. Ich erzähle jetzt einfach mal, wie ich, frei nach Hölderlin, »unter die Deutschen geraten bin«. Ich wurde in Breslau geboren, in der Paradiesgasse. Der Name gefällt mir als Übersetzer sehr, schließlich ist das Paradies bis heute immer wieder ein beliebtes Sujet der Literatur. Außerdem habe ich viel später herausgefunden, dass der Schriftsteller Günter Anders, Hannah Arendts erster Mann, jeden Morgen auf dem Weg zu seiner Schule durch die Paradiesgasse gegangen ist. Seitdem denke ich, vielleicht sind wir uns ja damals über den Weg gelaufen.
Ich habe eine jüdische Schule besucht, ich weiß noch, dass unser Gymnasium das »Gymnasium Nr. 7« genannt wurde und der Name auf einem blauen Schild stand. Ich war sehr stolz darauf, diese Schule besuchen zu dürfen. Sie war etwas Einmaliges in Breslau, ein bisschen wie eine Privatschule.
Meine Mutter stammt aus einer Kleinstadt nahe Warschau. In ihrer Familie gab es Sozialisten, Kommunisten und Linkszionisten. Sie war 14, als sie zur Jugendorganisation des BUND ging. Das waren im Grunde alles Kommunisten, nur dass sie alle auch Juden waren. Das Besondere an ihnen war, dass sie ihr Heil nicht in Palästina suchten. Sie waren der Meinung, dass man dort bleiben solle, wo man gerade ist. Beim BUND lernte meine Mutter auch Lieder gegen die Zionisten, man kann sich also gut vorstellen, wie politisiert unsere Familie war. Auch mein Vater war Kommunist. Aus Ostpreußen. Anfang der 50er-Jahre kam er nach Polen, er lernte meine Mutter bei einem russischen Liederabend kennen. So romantisch war das.
1969, es war November, wanderten wir nach Israel aus. Da war diese wunderbare subtropische Wärme in Tel Aviv. Sie gefällt mir noch heute. Ich ging zur Armee und wurde Sportausbilder. Später studierte ich an der Hebräischen Universität in Jerusalem Geschichte und Philosophie. 1982 kam ich nach Frankfurt. Eigentlich wollte ich nur meinen Vater besuchen. Meine Eltern hatten sich scheiden lassen. Doch ich bin geblieben. Ich ging noch einmal an die Universität und studierte neben Geschichte und Philosophie auch Germanistik. Mich interessierte die deutsche Literatur, ich sagte mir: »Erkenne das Ungeheuer.« In Frankfurt habe ich sieben Jahre lang als Redakteur für eine polnische Emigrantenzeit-
schrift gearbeitet. Sie heißt »Das Jüdische Wort«, sie hat einen jüdischen und einen polnischsprachigen Teil. Ich schreibe auch heute noch für sie. Artikel über Israel, über die deutsch-jüdische Vergangenheit, über Erinnerungskultur. Auch über Frankfurt und über die Alltagserlebnisse als Migrant.

fremdheit Es ist bis heute ein seltsames Gefühl, hier in Deutschland zu sein. Ein etwas unangenehmer Zustand. Man ist an diesem Ort, doch als Heimat empfinde ich Israel. Diese Zerrissenheit sitzt mir tief in den Knochen. Ich lebe in Frankfurt, doch in den ersten Jahren hatte ich immer das Gefühl, ich will weg von hier. Ab und zu gehe ich noch heute durch Frankfurts Straßen und denke, es ist alles so fremd und unheimlich. Als dieses Gefühl noch ganz stark war, habe ich darüber ein Gedicht geschrieben, in dem heißt es »Heimat ist nicht ein Ort, sondern ein Schmerz in der Seele«. Mittlerweile ist es besser geworden. Ich bin verheiratet, mit einer Russin. Wir sind sozusagen »exterritorial«. Ich habe sie hier in Frankfurt zwischen Tel Aviv und Sankt Petersburg getroffen, wir zusammen sind Heimat füreinander geworden. So kann man es beschreiben.
Frankfurt ist eigentlich kein schlechtes Pflaster für einen wie mich. In fünf Minuten kannst du hier Menschen aller Länder sehen und ich habe mich hier viel mit dem Holocaust auseinandersetzen können. Mein Vater und meine Mutter entstammen beide großen Familien und nur wenige haben überlebt. Vier Jahre war ich Mitarbeiter am Frankfurter Fritz-Bauer-Institut. »Verzeihung ich lebe« heißt ein Dokumentarfilm des Regisseurs Andrzej Klamt, für den ich das Buch mit erarbeitet habe. Ausgangspunkt des Films waren mehr als 2.400 Fotos von Juden aus der polnischen Kleinstadt Bedzin, die in das Museum des früheren KZ Auschwitz aufgenommen wurden. Man sagt, die Fotos hätten sich im Köfferchen eines KZ-Gefangenen befunden. Wir haben uns auf den Weg gemacht, in Israel und Polen nach der Identität dieser Menschen geforscht. Vier haben wir finden können, die überlebt haben. Ich bin mit dem Film durch die ganze Republik getingelt. In Berlin zeigten wir ihn vor 800 Schülern in einem riesigen Kino. Die Schüler mochten ihn, weil wir keine Leichenberge zeigten, nicht die moralische Keule hervorholten, die sie umgehauen hätte. Es war genau die Dosis, die für sie gut war.
Ich habe auch sehr viele Interviews für die Steven Spielberg Shoah-Foundation gemacht. Eine Begegnung berührte mich besonders. Ich traf eine alte Frankfurterin. Mitte der 30er-Jahre floh sie mit ihrer Schwester aus Köln nach Belgien. Sie überlebten versteckt in einem Kloster, sie sehnten sich nach ihrem Vater, der sie zurückholen wollte, doch er kam nie. Wahrscheinlich ist er im KZ gestorben. Wer nach Ende des Krieges auftauchte, waren die amerikanischen Soldaten mit ihren Süßigkeiten. Eine Tante brachte die Kinder schließlich nach Israel. Als ich die alte Jüdin traf, war sie sehr nervös. Sie hatte fünf Kinder großgezogen, war aber im Grunde nie Mutter, sondern das sechste Kind. Sie war nie erwachsen geworden. Das alles ist typisch für die, die als Kinder überlebten. Sie haben ihre Ängste nie rationalisieren können. Ihre Angst ist nicht bezähmbar. Es sind Menschen, die man nicht mehr therapieren kann. Ein Funken kann sie entzünden.
Was die Deutschen um mich herum betrifft, kann ich sagen: ihr psychologischer Zustand ist für mich lesbar. Ich weiß, wie ein Deutscher tickt. Die Menschen hier sind angetrieben von der Angst vor dem Chaos. Sie wollen alles unter Kontrolle haben. Alle sind Individualisten, leben isoliert vor sich hin, ich denke, weil sie sonst befürchten, die sogenannte kritische Masse zu erreichen. Und wieder ins nationalistische Lager abzudriften.
In Deutschland arbeite ich bis heute als Übersetzer, früher habe ich hebräische Literatur ins Polnische übersetzt, Klassiker, Erzählsammlungen und Gedichte. Das mache ich heute nicht mehr, heute übersetze ich nur noch vom Hebräischen ins Deutsche. Manchmal sind es religiöse Texte. Ich habe einen engen Kontakt zum Frankfurter Rabbiner und arbeite für ihn. Wenn ich alte Rabbinertexte übersetze, dann quäle ich mich durch deren Sätze, muss manchmal raten, was der Rabbiner wohl gemeint hat, denn sie schrieben Hebräisch, sprachen jiddisch, ihr Hebräisch war deshalb ein ziemlich Jiddisches und für andere schwer zu lesen. Ich mag diese Arbeit dennoch sehr, denn ich bin in einem säkularen Elternhaus aufgewachsen und lerne jetzt viel für mich dazu. Ganz aktuell übersetze ich einen großen wissenschaftlichen Text zum Islam im 21. Jahrhundert.

vertrautheit Ende 2008, zwei Tage nach Kriegsausbruch, bin ich nach Israel gereist und blieb drei Wochen. Die Leute im Ausland denken ja immer gleich, da ist dann alles in Aufruhr, doch die Israelis selber haben das Gefühl, als passiere alles nicht wirklich bei Ihnen vor der Haustür. Nach meinem Aufenthalt habe ich für die Zeitschrift»Das jüdische Wort« über meine Erfahrungen in Israel berichtet, doch die Allerersten, denen ich von meinen Erlebnissen erzählte, waren die alten Männer und Frauen im Club ehemaliger Juden aus Polen, die sich in Kopenhagen, wo meine Mutter lebt, regelmäßig treffen. Im März hatte ich meine Mutter in ihrer Wahlheimat besucht, sie feierte ihren 85. Geburtstag. Auch meine Schwester lebt in Kopenhagen. Und der jüdische Künstler Alfred Zaidorf. Ein interessanter Mensch. Er wurde in Lodz geboren, schlug sich als Zwölfjähriger im Warschauer Ghetto als Taschen-
dieb und Hurenkurier im Puff durch. Ich interviewte ihn für Spielberg und Zaidorf drängte mich, ich solle doch seine Erinnerungen ins Deutsche übersetzen. Er ist ein manischer Maler, er verarbeitet in seinen Bildern das Traumatische, das Urmisstrauen. Er malt Masken, Fratzen. Sogar das Gesicht eines Rabbiners könnte in einem seiner Bilder zur Fratze werden. Wir werden ein filmisches Porträt von ihm machen und hoffen, dass das dänische Fernsehen es zeigen wird. Vielleicht wird der Film aber auch auf einem Festival laufen.

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