argentinien

»Wir sind unparteiisch«

Herr Donzis, was erwarten Sie von den Wahlen am kommenden Sonntag?
Es geht nicht um einen Regierungswechsel, sondern es wird lediglich ein Teil des Parlaments neu gewählt. Meine Organisation, die DAIA, ist als jüdische Dachorganisation Argentiniens aufgrund unserer Statuten unparteiisch.

Wie sind die Beziehungen Ihrer Organisation zur gegenwärtigen Regierung?
Sehr rege. Besonders wichtig ist der Kampf gegen Antisemitismus. Mit einigen Ministerien haben wir direkte Beziehungen, so mit dem Justiz‐ und Sicherheitsministerium, aber auch mit dem Bildungsministerium. Wir arbeiten viel im Bereich der Lehrerweiterbildung zusammen. Es geht darum, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren.

Die Zahl der Juden in Argentinien ist in den vergangenen Jahren stark geschrumpft. Woran liegt das?
Eine wesentliche Ursache ist die tiefe Krise in Argentinien von 2001. Damals wanderten viele Juden in die USA, nach Israel, Kanada oder nach Spanien aus. Zwei Jahre später war die Talsohle durchschritten. Seither sind einige wieder zurückgekehrt, aber andere blieben für immer weg. Viele jüdische Institutionen haben in den vergangenen Jahren ihre Türen geschlossen, allen voran jüdische Schulen. Von den vielen, die es einmal gegeben hat, sind nur noch wenige geblieben. Doch das liegt nicht nur an der Auswanderung, sondern auch daran, dass viele jüdische Eltern ihre Kinder heute in öffentliche oder private Schulen schicken.

In den vergangenen Jahren ist eine Zunahme des Einflusses der Orthodoxen zu beobachten. Besetzen sie die Lücken, die jene hinterlassen, die Argentinien den Rücken gekehrt haben?
Nein, die Beobachtung rührt vielmehr daher, dass die jüdische Gemeinde heute tief in die argentinische Gesellschaft eingebettet ist. Viele Juden besetzen politische Ämter. Das war bis vor einigen Jahrzehnten nicht der Fall. Ein prominentes Beispiel ist der argentinische Botschafter in Washington, Héctor Timerman. Aber auch in der Kunst und der Kultur des Landes sind Juden stark vertreten. Die Teilnahme der jüdischen Gemeindemitglieder in der argentinischen Gesellschaft hat zur Folge, dass der orthodoxe Teil der jüdischen Gemeinde damit begonnen hat, die freigewordenen Räume innerhalb der jüdischen Institutionen zu besetzen.
Am 18. Juli jährt sich zum fünfzehnten Mal der Jahrestag des Anschlags auf die AMIA, bei dem 85 Menschen ums Leben kamen. Bis heute ist niemand für das Bombenattentat von einem Gericht verurteilt worden.
Es ist eine Schande, eine offene Schuld gegenüber den Opfern, ihren Angehörigen und der jüdischen Gemeinde. In anderen Ländern, in denen es terroristische Anschläge gegeben hat, wurde sofort eine Untersuchung angeordnet, bis Verdächtige gefunden wurden. Man leitete Verfahren ein, und es wurden Urteile gesprochen. Es ist schwer, von Gerechtigkeit zu reden, wenn es keine gibt. Wenn wir heute Gedenkveranstaltungen durchführen, erinnern wir nicht nur an die Opfer und die Tat, sondern fordern immer auch Aufklärung und Gerechtigkeit.

Warum kommt die juristische Aufarbeitung nicht voran?
Die zuständigen Richter und Staatsanwälte kommen und gehen. Es gab zwar ein Anhörungsverfahren, aber das Gericht annullierte am Ende das ganze Verfahren. Anfang Juni hat der Oberste Gerichtshof aufgrund unserer Berufung festgestellt, dass nicht einfach alles für null und nichtig erklärt werden kann. Er hat erklärt, dass es überzeugende Beweise gibt. Dies eröffnet jetzt die Möglichkeit, den juristischen Weg weiterzugehen. Und zwar in Bezug auf die lokalen Verbindungen. Aber der Fall AMIA ist vielfältig. Einer der Verfahrensgegenstände ist die Verbindung zum Iran. Demnach hat Teheran das Attentat angeordnet, finanziert und von der Hisbollah ausführen lassen.

Die Angehörigen der Opfer des AMIA‐Anschlags sind bisher nicht entschädigt worden. Kürzlich hat der Senat zwar einem Entschädigungsgesetz zugestimmt, aber noch immer liegt das Votum des Abgeordnetenhauses nicht vor.
Alles, was mit dem Fall AMIA vor sich geht, ist schwer zu verstehen. Die Frage der Entschädigung steht im Zusammenhang mit den Entscheidungen der Familienangehörigen. Die haben sich in unterschiedlichen Gruppen zusammengeschlossen. Manche haben individuelle Entschädigungen angenommen, andere haben Prozesse gegen die Regierung angestrengt. Die DAIA hat sich hier nicht eingemischt, und wir werden es auch nicht tun.

Laut einer Studie Ihrer Organisation ist die Zahl der antisemitischen Vorfälle in den ersten beiden Monaten des Jahres um 70 Prozent gestiegen?
Es ist sehr besorgniserregend. Man muss aber auch den Kontext sehen. Anfang des Jahres gab es den Krieg im Gasastreifen. Ein Konflikt im Nahen Osten findet sein Echo in vielen Ländern und Gesellschaften mit Demonstrationen und Willensbekundungen dafür oder dagegen. Als der Konflikt im Gasastreifen eskalierte, waren auch in Argentinien verschiedene Gruppen rasch aktiv, die sich gegen die Politik der israelischen Regierung aussprachen. Das schlug schnell um und richtete sich gegen die jüdische Gemeinschaft hierzulande.

Wie wirkt sich der Antisemitismus in Venezuela auf Argentinien aus?
Es gibt Verbindungen, die über die Grenzen reichen und die heute mehr Besorgnis auslösen als früher. Es gibt Hinweise darauf, dass die iranische Ideologie in ganz Lateinamerika vordringt. Wenn ich vom Iran spreche, meine ich nicht das iranische Volk, sondern Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Er leugnet den Holocaust und propagiert die Zerstörung des Staates Israel. Das verbreitet sich auch in Lateinamerika, wo sich etliche Gruppen diese Auffassungen aneignen und hauptsächlich in Argentinien damit auf die Straße gehen.

Aber hat Präsidentin Cristina Kirchner nicht auf ihren venezolanischen Amtskollegen Hugo Chávez eingewirkt, er solle sich mit Vertretern der jüdischen Gemeinde in Venezuela zusammensetzen?
Ja, wir hatten die Präsidentin gebeten, nach Venezuela zu reisen und sich mit den Vertretern der jüdischen Gemeinde in Venezuela zu treffen. Das hat sie gemacht und sich dabei auch für ein Treffen von Präsident Hugo Chávez mit Vertretern der jüdischen Gemeinde ausgesprochen. Die Präsidenten von Argentinien, Brasilien und Venezuela haben zudem ein gemeinsames Dokument unterzeichnet. Darin bekunden sie ihren Willen, gegen jede Form des Antisemitismus in Lateinamerika vorzugehen.

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