Reisetagebuch

»Wir sind stolz auf die Israelis«

24. Dezember: Aufbruch in Leipzig
Wir sind 25 Jugendliche aus Sachsen und treffen uns am Leipziger Bahnhof. Ich fühle mich ein wenig verloren, da ich die anderen Mitreisenden kaum kenne. Nach zweimal Umsteigen und sieben Stunden Fahrt kommen wir in Frankfurt am Main an. Keiner von der Leitung ist da. Wir machen uns mit der Wegbeschreibung in der Hand selbst zum Hotel auf. Unterwegs treffen wir Alex, einem aus der Gruppenleitung. Einchecken, kurz aufs Zimmer und etwas Wasser ins Gesicht und gleich in den Konferenzraum, um erstmal etwas zu essen und die anderen 15 Mitreisenden kennenzulernen. Gleich nach dem Essen gibt’s eine Reisebelehrung über Pässe, Sicherheit, Aufenthalt. Dann endlich Schlafen, denn morgen geht es ziemlich früh weiter.

25. Dezember: Abflug nach Tel Aviv
Gleich nach dem Frühstück geht es zum Flughafen. Flüge nach Israel unterliegen immer besonderen Sicherheitsmaßnahmen. Unsere Fluggesellschaft »EL AL« verlangt ein Einchecken drei Stunden vor dem Abflug. Doch das ist noch gar nichts. Wir warten sechs Stunden auf unseren Flieger, dann heben wir endlich ab. Am Flughafen Ben-Gurion wird Asis an der Passkontrolle festgehalten, ja, die Sicherheit des Staates geht vor, egal, ob du allein bist oder in einer Gruppe. Dann noch zwanzig Minuten Fahrt. Endlich im Hotel, sehr müde aber immer noch sehr gut gelaunt. Inzwischen ist es halb eins in der Nacht. Wieder neue Gesichter aus Reiseleitung und Veranstaltungsorganisation, die gleiche Belehrung zu allen Themen noch mal und Verteilung der Zimmer. Morgen geht es um acht weiter.

26. Dezember: Tel Aviv und Jaffa
Erster Rundgang: Yitzhak Rabin Center – überwältigend und Schock: Keiner von uns hat sich den Ort des Rabin-Attentats so vorgestellt. Wir sehen uns zwei Filme an. Der erste über die im Land geborenen Israelis und die Neueinwanderer. Der zweite über die Ermordung Yitzhak Rabins. Fast allen von uns stehen danach Tränen in den Augen. Lina muss sogar raus. Ich sehe in den Gesichtern meiner Gruppe tiefstes Mitleid und gleichzeitig Stolz auf die Israelis, die das Land gründeten und wirklich viel erreichten. Auch wir sind ein bisschen stolzer geworden, Juden zu sein.

27. Dezember:
Drusisches Dorf, Kibbuz Hukok
Wir besuchen ein drusisches Dorf und erhalten eine Einführung in die Welt einer Minderheit in Israel. Alles wirkt etwas geheimnisumwittert. Wir stellen dem Sprecher der Drusen viele Fragen über ihre Lebensbedingungen, Frauenrecht und Bräuche, bekommen aber keine befriedigenden Antworten. Alescha fragt, wie es möglich ist, dass die Drusen als Volk bis heute noch nicht ausgestorben sind. Die Antwort, Gott erschuf die gleiche Anzahl von Seelen und Menschen, die konstant bliebe, verwirrte Alescha und uns etwas.
Nach dem offiziellen Teil spielen wir zur Entspannung »Mafia«. Es ist ein Gesellschaftsspiel, in dem es sehr auf die Atmosphäre und Argumentation ankommt. Wir spielen es auf Russisch. Kathinka will sich während des Spieles uns anschließen. Doch ich sehe schon Frust in den Augen der russischsprachigen Teilnehmer. Es geht nicht darum, dass wir sie nicht reinnehmen wollen, aber viele meinen, die Emotionen werden verloren gehen. Wir nehmen sie dennoch auf. Doch es kommt, wie befürchtet: Das Spiel endet abrupt.

28. Dezember: Zefat –
Die Grenzen zum Libanon und Syrien
Überwältigend! Ich sehe den Schrecken in vielen Gesichtern. Alles ist so nah. Wir stehen, wo noch vor Kurzem schwere Kämpfe stattfanden. Lina hält es kaum aus. »Ich dachte, ich bin bereit, es mir anzuschauen. Doch ich kann nicht. Panische Angst, Unruhe und Schock sind meine Begleiter hier.« Vlat hingegen ist begeistert: »Endlich sehe ich die Grenzen und das so nah.«
Am Morgen haben wir unseren Kibbuz Hukok verlassen, in dem wir die vergangenen zwei Tage wohnten. Das Einzige was mir fehlt ist, das wir nichts vom Leben im Kibbuz erfahren haben.
Der Empfang in Jerusalem ist besonders feierlich mit einer eigenen Zeremonie für uns. Einige Stunden später, im Hotel, treffen wir Vorbereitungen zum Schabbat. Alle ziehen sich extra um.

29. Dezember: Jerusalem-Stadtrundgang
Jetzt verstehen wir, was Schabbat in Jerusalem bedeutet. Alle jüdischen Läden sind geschlossen, Busse verkehren nicht. Unser Plan: zu Fuß vom Hotel bis zur Klagemauer und zurück. Jeder hat einen sorgfältig vorbereiteten Wunschzettel bei sich, um ihn in eine Ritze der Westmauer des Tempels zu stecken. Der Stadtgang dauert fast fünf Stunden. Nichts geht mehr.

30. Dezember: Jad Vashem, Mea Schearim
In dem ziemlich langen Gang im Museum des Holocausts sind alle ganz ruhig. Vorteilhaft ist für uns, dass wir alle deutsch sprechen und die Führerin uns die Be-
schriftungen nicht weiter zu erklären braucht. Es ist sehr schwer, sich vorzustellen, dass so viele jüdische Kinder und Menschen schuldlos umgebracht wurden. Anna und Raisa weinen beim Herausgehen. Unser Besuch in Mea Schearim ist kurz. Ältere Herren verjagen uns. Offensichtlich sind wir in ihren Augen nicht richtig angezogen. Israelis, die uns begleiten, finden jedoch, dass unsere Mädchen korrekt gekleidet sind. Man wirft mit Steinen nach uns. Das ist uns nicht geheuer. Alle haben ein wenig Angst bekommen, glaube ich.

31. Dezember und 1. Januar: Beduinen
Silvester bei Beduinen! Spannend und ganz neu. Sechs Taglit-Gruppen auf einem Haufen und davon zwei aus Deutschland. Wir kennen uns nicht. Doch Israel entspannt, und das Kennenlernen geht ganz schnell. Wir übernachten in Zelten, in denen es ziemlich kalt wird. Einige von uns können gar nicht schlafen. Am nächsten Morgen ist Kamelreiten angesagt. Eine ziemlich schwankende Angelegenheit so zwei Meter über dem Boden – eine ganz neue Erfahrung. Schließlich fahren wir zurück nach Tel Aviv.

2. Januar: Abreise
Um fünf Uhr morgens müssen wir wieder zurück nach Deutschland. Die Reise hat sich gelohnt und war wunderbar. Unterm Strich kann ich sagen: Ich bin furchtbar müde und um viele Erfahrungen und Freunde reicher geworden.

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