Dani Levy

»Wir sind ein aufgescheuchtes Völkchen«

Herr Levy, im Juni beginnt die Fußball‐EM in der Schweiz. Bereiten Sie uns doch mal vor: Was ist typisch schweizerisch?
levy: Der Schweizer »Bünzli«. Sauber, ordentlich, provinziell. Die Schweizer sind sehr traditions‐ und selbstbewusst. Was nicht zuletzt am Geld liegt. Aber das Land ist klein. Die Städte sind eigentlich nur größere Dörfer in Tälern, und ringsherum die Alpen. Das spürt man bei den Menschen. Die Schweiz ist satt, soziale Not findet man nur auf sehr hohem Niveau.

Und was ist typisch deutsch?
levy: Die Deutschen sind wie die Schweizer, nur militanter.

Inwiefern?
levy: Ich merke gerade, ich gehe Ihnen auf den Leim. Mit solchen Fragen nach Klischees habe ich grundsätzliche Probleme. Eigentlich gehöre ich ja zu denen, die versuchen, Klischees aufzuweichen. Weil sie, erstens, gefährlich sind und, zweitens, nicht stimmen. Ich finde, dass Typisierungen diskriminierend sind.

Okay, anders gefragt: Wenn Sie in einem Film für ein nichtdeutsches Publikum einen Deutschen auftreten ließen, wie würde der aussehen?
levy: Für mich gibt es eher den typischen Mitteleuropäer. Ein deutscher Arbeiter hat viel mit einem französischen gemeinsam. Aber wenn Sie nun mal darauf bestehen: Typisch deutsch ist für mich der Hang zur Korrektheit, auch zur militanten Korrektheit. Die Abhängigkeit von Autoritäten, also die Obrigkeitshörigkeit. Typisch deutsch ist zu debattieren, zu diskutieren, sich intellektuell die Köpfe heißzureden und sich gegenseitig zu beschuldigen. Überhaupt ist Schuld eine sehr deutsche Krankheit. Ein schlechtes Gewissen ist etwas sehr Deutsches. Aber das kennen wir Juden auch. Die Deutschen sind sehr strukturiert, bürokratisiert, organisiert. Die Sucht nach Ordnung ist sehr verbreitet. Aber das alles ist nicht nur typisch deutsch.

Ach nein?
levy: Ich glaube, dass die religiöse und ethnische Ausrichtung einer Gesellschaft die Seelenlage eines Volkes prägt. Wenn ein ganzes Volk dem Buddhismus verbunden ist, dann ist sicherlich anderes typisch als bei einem christlichen oder dem jüdischen Volk.

Bitte erklären Sie uns das.
levy: Eine christlich‐jüdisch geprägte Gesellschaft lebt in einem polaren Weltbild, in einem Spannungsverhältnis zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Da sind sich Juden und Christen sehr ähnlich. Bei einer Gesellschaft, die im Buddhismus oder Hinduismus fußt, könnte ich mir vorstellen, dass sie das Ego weniger betont und nicht von einer solch großen Polarität geprägt ist. Sie merken: Es fällt mir sehr schwer, irgendetwas wirklich typisch Deutsches dingfest zu machen.

Gut, dann stellen wir Ihnen eine einfache Frage.
levy: Danke!

Was ist typisch jüdisch?
levy: Das ist leichter. Konfliktfreudig, diskussionsfreudig, wahrheitssuchend, makaber – das ist ebenso typisch jüdisch wie der schwarze Humor und Geschäftsbewusstsein. Aber wer hat das nicht heutzutage? Ganz wichtig ist auch die Familie. Zu den verbreiteten Klischees gehört die Vorstellung vom unsportlichen Juden, der mit gekrümmten Rücken und Brille tragend über Büchern sitzt. Dem widerspricht die Tatsache, dass es eine grosse und erfolgreiche Tradition von jüdischen Boxern gibt. Das Problem mit Klischees ist: Sie stimmen im Kern und trotzdem wieder nicht. Oft harmoniert das typisch Jüdische mit dem typisch Deutschen.

Wo zum Beispiel?
levy: Ich habe beobachtet, dass Juden und gerade Ostdeutsche einen ähnlichen Humor haben. Jüdischer Humor hat oft einen tragischen Unterton und ist manchmal Überlebensprinzip gewesen. Blöde Witze, ehrliche Witze können über die eigene Situation hinweghelfen. Gerade die Filmkomödien in der DDR haben einen lakonischen, selbstironischen und oft aus der Not geborenen Ton, der viel mit dem jüdischen Humor gemeinsam hat.

Unterscheiden sich die deutschen Juden von denen in der Schweiz?
levy: Man kann seit mindestens 15 Jahren nicht mehr von »deutschen« Juden sprechen. Daniel Cohn‐Bendit, Wladimir Kaminer, Charlotte Knobloch, Michel Friedman und Dani Levy: Was haben die gemeinsam? So gut wie nichts! Weder religiös oder politisch noch gesellschaftlich. Die Unterschiede sind einfach gewaltig. Das gilt auch für die Schweiz. Auch dort gibt es Juden aller Couleur. Ich habe wirklich Probleme mit der Basis unseres Gesprächs. Verallgemeinerungen treffen einfach nicht zu.

Sie könnten, außer am Akzent, einen Schweizer Juden nicht von einem deutschen unterscheiden?
levy: Nee.

Trotz der unterschiedlichen Geschichte?
levy: Sie meinen, dass die Juden in der Schweiz den Holocaust nicht so hautnah erlebt haben, wie die deutschen? Erstens glaube ich, dass die Angst vor der Vernichtung, die in der Hitlerzeit die Juden umgeben hat, vor der Schweiz nicht haltgemacht hat. Es gab die berechtigte Befürchtung, dass die Schweiz, wie alle anderen Länder Europas, eines Tages von Hitler überrannt werden könnte und auch die Schweizer Juden dann eingesammelt und deportiert würden, genauso wie in Holland oder Frankreich. So wurde auch in den Schweizer jüdischen Familien eine Angst implantiert, die heute, zwei Generationen später, noch empfunden wird. Außerdem muss man bedenken, dass Familien wie die meine nicht wirklich in der Schweiz fundiert sind. Meine Schwester und ich sind zwar dort geboren worden, aber sonst niemand von uns. Meine Familie ist eingewandert: Ich bin von der Herkunft deutsch‐polnisch‐jüdisch auf der einen Seite, französisch‐jüdisch auf der anderen. Das ist auch sehr »typisch«.

Was meinen Sie?
levy: Emigration, Wanderschaft, Assimilierungsbemühungen bei gleichzeitiger Verweigerung von Assimilierung: Ich will dazu gehören, aber ich bin doch anders. Dieser Widerspruch treibt uns, denke ich, sehr stark an. Wir wollen einerseits Teil der Gesellschaft sein, gerne auch in einflussreichen Positionen, haben den Durchsetzungswillen, um uns in einer »feindseligen« Umwelt zu behaupten. Gleichzeitig fühlen wir uns eigen und nicht wirklich beheimatet. Wir beklagen uns über Verständigungsdefizite mit der nichtjüdischen Welt, in der wir leben. Aber in einer rein jüdischen Welt, wie in Israel, würden wir auch nicht leben wollen. Uns treiben diese Widersprüche um, lassen uns nicht zur Ruhe kommen. Wenn man eines sagen kann, dann das: Wir sind keinesfalls ein gelassenes, entspanntes, in irgendeiner Form in sich ruhendes Volk. Man spürt, dass die meisten von uns nicht mit Heimat aufgewachsen sind. Wir sind ein aufgescheuchtes, panisch, hektisch und paranoid durch die Welt rennendes Völkchen, in ständiger Angst, dass wir vertrieben werden könnten oder dass man uns etwas wegnimmt. Zu Recht!

Geht es Ihnen selbst auch so?
levy: Natürlich. Obwohl ich mich in Berlin sehr wohl fühle. Ich habe eine deutsche Frau, deutsche Freunde, ein enges nichtjüdisches Umfeld, mit dem mich sehr, sehr gute und vertraute Beziehungen verbinden. Da ist es nicht wichtig, dass ich Jude bin und der andere nicht. Trotzdem fühle ich mich gelegentlich als Exot hier und als Einzelkämpfer. Ich stelle das halb mit Stolz, halb mit Bedauern fest. Manchmal wünschte ich mir, »normaler« zu sein.

Das Gespräch führten Christian Böhme und Michael Wuliger.

Dani Levy diskutiert am 22. April um 19 Uhr im Jüdischen Museum Berlin (JMB) mit dem Kabarettisten Andreas Rebers über das Thema »Wenn Karikaturen die Wahrheit verraten«. Es ist der Auftakt zu einer Reihe über das »Jüdische im Deutschen«, veranstaltet vom Geschichtsforum Jägerstraße e.V. und dem JMB.
www.juedisches-museum-berlin.de

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