Unterwelt

„Wir sind doch nicht in Neapel“

von Sabine Brandes

Eigentlich ist Netanja berühmt für seine kilometerlangen Strände und ein gewisses französisches Flair, das einzigartig in Is‐
rael ist. Die meisten Einwanderer aus Frankreich ließen sich hier, am Rande des glitzernden Mittelmeeres nieder, backten Croissants und propagierten das „Savoir‐ vivre“, die Kunst zu leben. Heute macht Netanja auf weniger charmante Weise Schlagzeilen: Die Stadt sei fest in der Hand der berüchtigten kriminellen Familien, heißt es. Letzte Woche erschütterten gleich drei Anschläge hintereinander die Bürger – auf den Straßen ist es gefährlich geworden.
Noch haben die israelischen Clans, die sich der organisierten Kriminalität verschrieben haben, keinen Titel wie Mafia, Cosa Nostra oder Triaden, sie werden schlicht bei ihren Nachnamen genannt. Minder bedrohlich sind die Abutbuls, Schirazis, Abergils oder Hariris nicht. Sie betreiben illegales Glücksspiel und Drogenhandel, waschen Geld, erpressen, rauben und töten. Und jetzt, so scheint es, ist zwischen den Familien Krieg ausgebrochen.
Die blutige Fehde macht auch vor Un‐
schuldigen nicht Halt. „Wir sind doch hier nicht in Neapel“, zeigte sich Einwohner Schalom Maimon nach den Schießereien geschockt, „das ist doch unser kleines, unbedarftes Städtchen“.
Klein vielleicht, unbedarft schon lange nicht mehr. Mit dem Wort Netanja verbindet mittlerweile bereits die Mehrzahl der Israelis organisierte Kriminalität. Skrupel haben die jüdischen Gangster nur wenige. Um ihre Rivalen zu erledigen, scheuen sie nicht einmal davor zurück, Kinder in Gefahr zu bringen. Bei einem der Anschläge der vergangenen Tage, der dem Kriminellen Rami Amira galt, fand die Polizei eine Bombe direkt neben einem Kindergarten. Glücklicherweise konnte der Sprengstoff entschärft werden, bevor er hätte Schaden anrichten können. „Wäre er hochgegangen, als die Mädchen und Jungs spielten, es hätte eine Tragödie gegeben“, erklärte einer der Polizisten nach dem Einsatz.
Andere Angriffe gingen nicht so glimpflich aus. Beim Anschlag auf Charlie, den Kopf der Abutbul‐Familie, wurden drei unschuldige Passanten in einem Kiosk durch Schüsse verletzt, zwei davon mittelschwer. „Diesen Kriminellen ist es egal, sie schädigen Kinder, Frauen, Männer. Es schert sie nicht im Geringsten, dass auch Unschuldige ins Visier gelangen. Lediglich ob sie ihr Ziel treffen, interessiert diese Leute. Das ist erschreckend und erfüllt uns mit großer Sorge“, ließ die Polizei verlauten.
Einige Wochen zuvor war die 31‐jährige Margarita Lautin, verheiratet und Mutter von zwei Kindern, am Strand von Bat Jam erschossen worden. Bewaffnete Männer waren auf einem Motorrad herangerast, hatten wild um sich geschossen und dabei Lautin tödlich getroffen. Auch diese Atta‐cke war für Amira gedacht, der zufällig an einem Cafétisch neben der Sozialarbeiterin saß. Der Kriminelle wurde lediglich leicht verletzt.
Abutbuls ist einer der in der Unterwelt bedeutendsten Clans. Gegründet von den beiden Brüdern Charlie und Felix, sind heute fast alle männlichen Mitglieder der Familie mehr oder minder in kriminelle Aktivitäten verstrickt. Geldwäsche und andere Taten verdecken sie oft mit dem Betreiben von Restaurants und Bäckereien in Netanja. Anführer Felix hat die zahlreichen Attacken auf sein Leben nicht überstanden, vor sechs Jahren tötete ihn ein Killer vor seinem Kasino in Prag. Schon kurz darauf trat Sohn Assi in seine Fußstapfen und erklärte sich selbst zur Nummer eins der Abutbuls. Unter anderem wird sein Name mit dem von Zeev Rosenstein verbunden, der momentan eine zwölfjährige Haftstrafe in den USA absitzt. Währenddessen, hieß es aus Quellen, die der Familie nahestehen, hätte sich Charlie, Vater von sechs Kindern, weitgehend aus allen Aktivitäten, die mit dem Gesetz in Konflikt stehen, zurückgezogen. Der jüngste Versuch, ihn für immer aus dem Verkehr zu ziehen, belegt, dass das wohl kaum den Tatsachen entspricht. Einer seiner Sprösslinge, „Little Francois“, steht gerade vor Gericht – wegen Mordes an einem Teenager.
Oft tappt die Polizei gänzlich im Dunkeln. Im Juni sprengten Unbekannte das Auto von Top‐Anwalt Yoram Haham mitten in Tel Aviv in die Luft, der viele Mitglieder der Unterwelt‐Clans vertreten hatte. Haham war sofort tot, bislang gibt es nicht eine Festnahme. Experten der Polizei sehen einen gefährlichen Trend: Früher hätten die Gangster ihre Gegner an einen abgelegenen Ort eingeladen und ihn dort erledigt. Heute aber schießen sie wild in alle Richtungen. Die kriminellen Familien hätten alle roten Linien überschritten. Es sei völlig normal geworden, dass sie ihren Bandenkrieg am helllichten Tag in belebten Straßen ausfechten – egal, wer sich in der Schusslinie befindet.

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