Dresdner Gemeinde

„Wir müssen Widerstand leisten“

Frau Goldenbogen, die Jüdische Gemeinde Dresden hat zum „Geh Denken“ gegen den Aufmarsch von Neonazis am kommenden Wochenende aufgerufen. Müssten sich nicht vielmehr die nichtjüdischen Deutschen engagieren?
goldenbogen: Sicherlich, aber die jüdische Gemeinschaft ebenfalls. Während des Nationalsozialismus nahmen auch viele Juden nicht zur Kenntnis, was ihnen dort drohte und sagten, es werde schon nicht so schlimm werden. Es kam schlimmer als sie sich je hätten vorstellen können. Wir müssen frühzeitig einschreiten und Widerstand leisten.

Dazu gehört, dass sich die Gemeinde an der Gegendemonstration beteiligt?
goldenbogen: Ja! Zum einen, weil seit 1999 Neonazis zum Tag der Bombardierung Dresdens demonstrieren und sie immer mehr werden. Häufig führten die Marschrouten un‐ mittelbar am Gemeindezentrum am Hasenberg oder am Terrassenufer vorbei, das wollen wir nicht. Zum anderen haben auch wir Juden die Verpflichtung, aus der historischen Verantwortung heraus etwas zu tun.

Werden Sie denn auch von der Bevölkerung genügend unterstützt?
goldenbogen: Ein Teil der Bürger ist schon immer aktiv gewesen. Doch dass der 13. Februar in dieser Größenordnung von Neonazis missbraucht wird, war in Dresden lange kein Thema. Deswegen ist diesmal der Aufruf von den Organisatoren deutschlandweit erfolgt, um die Präsenz der Nazigegner zu erhöhen. Ein Hoffnungszeichen für mich ist, dass jetzt auch die christlichen Kirchen deutlicher darauf aufmerksam machen.

Hat sich mit der Quantität auch die Qualität dieser Aufmärsche verändert?
goldenbogen: Ja. Wir haben hier in Sachsen eine ziemlich große NPD‐Landtagsfraktion und wir haben eine präsente NPD‐Gruppe im Stadtrat. Für sie ist dieser Aufmarsch auch ein gutes Feld, sich im kommenden Landtagswahlkampf zu präsentieren. Sie können hier mit Stärke rechnen und haben eine Logistik, die sie woanders nicht in dieser Größenordnung zur Verfügung haben. Insofern ist es kein Zufall, dass sie in Dresden derart präsent sind. Und auch das ist ein Grund, warum man etwas tun muss. Im vergangenen Jahr sind viele Landesverbände der NPD und freie Kameradschaften aufmarschiert bis hin zu Neonazi‐Organisationen aus Schweden und Ungarn. Da kann man nicht mehr so tun als sei dies nur ein Thema für Dresden.

Waren Sie als jüdische Gemeinde in die Organisation der Gegendemonstration eingebunden?
goldenbogen: All die Jahre nicht, das hat sich erst im vergangenen Jahr geändert. 2008 sollte die Neonazi‐Demonstration wieder am Terrassenufer entlang führen. Um das zu verhindern, haben wir selbst eine Demonstration auf dem Rathenauplatz angemeldet. Unser gemeinsames Auftreten führte schließlich dazu, dass wir die Neonazis stoppen konnten und sie eine andere Route nehmen mussten. Wir haben dabei festgestellt, dass wir nur mit Masse etwas be‐ wirken können.

Hat ihr Stopp im vergangenen Jahr zu einem Umdenken geführt?
goldenbogen: Ich denke schon. Außerdem, und das ist nicht unser Verdienst, wurde der Aufruf „Geh denken“ stark in die Öffentlichkeit gebracht. Somit wurde auch der Aufmarsch der Rechten ins Bewusstsein der Bürger gerückt. Viele Dresdner sind in der Ver‐ gangenheit an diesem Tag nicht in die Stadt gegangen oder haben weggesehen. In diesem Jahr wurde viel mehr darüber informiert, dass es sich hier um eine der derzeit größten Neonazi‐Aufmärsche in Europa handelt.

Was verbindet die jüdische Gemeinde mit dem Datum 13./14. Februar 1945?
goldenbogen: Für die jüdische Gemeinschaft hat das Datum eine doppelte Bedeutung. Zwischen dem 14. und 16. Februar sollten die letzten Dresdner Juden deportiert werden. Der letzte Zug konnte aber nicht mehr abfahren, weil Bahnhöfe und Schienen zerstört waren und die Logistik nicht mehr funktionierte. Dadurch konnten sich viele Juden retten. Für sie bedeutete die Bombardierung die Freiheit. In der Gemeinde haben wir diesen Umstand schon häufig thematisiert. Dennoch rechnen manche die 150 ge‐ retteten Juden gegen 20.000 Zivilopfer auf. Aber das ist keine Frage der Zahlen. Wir haben immer betont, dass wir beide Seiten sehen, aber dass es für die jüdische Gemeinschaft auch diesen anderen Akzent hat.

So dass Sie dieses Datums auch anders gedenken?
goldenbogen: Wir haben im vorigen Jahr eine große Podiumsdiskussion zum 13. Fe‐ bruar gehabt. Ein Großteil unserer Mitglieder ist in der Geschichte dieser Stadt nicht zu Hause, ihnen müssen wir die Geschehnisse ebenso erklären wie den Dresdnern. Wenn wir nach Ursache und Wirkung fragen, sehen wir jüdisches Erleben und Opfergeschichte als die beiden verschiedenen Seiten der einen Medaille: Ohne den Nationalsozialismus wäre es nicht zu der Bombennacht gekommen. Diese Tatsache haben viele lange Zeit einfach weggedrückt. Aber die Diskussion kommt langsam in Gang.

Mit ihrem offensiven Handeln stellen Sie sich als jüdische Gemeinde aber auch in die erste Reihe. Wie reagierten Ihre Gemeindemitglieder darauf?
goldenbogen: Bedenken gibt es. Schon im vergangenen Jahr, als wir uns entschlossen, nicht zum stillen Gedenken auf den Heidefriedhof zu gehen, weil dort die Nazis überrepräsentiert sind. Viele haben aber verstanden, dass wir etwas tun müssen, weil wir nicht zugucken können. In dieser Gemengelage befindet sich die Diskussion in der Gemeinde. Manche der Zuwanderer bringen noch ein weiteres Motiv ein. Sie waren als Soldaten der Roten Armee 1945 in Deutschland und wissen, wie die Städte damals ausgesehen haben. Wir haben uns auf breiter Basis für diese Variante entschieden: Am Samstag früh gibt es einen öffentlichen Schabbatgottesdienst und am Mittag eine Kundgebung in der Nähe unseres Zentrums. Im vergangenen Jahr war der Gottesdienst sehr gut besucht und da haben wir auch Solidarität gespürt.

Mit der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Dresden sprach Heide Sobotka.

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