Woche der Brüderlichkeit

Wir müssen reden

von Miryam Gümbel

„Gemeinsam Zeugnis ablegen für den Gott Abrahams, Isaks und Jakobs, den Jesus dann Vater nannte“, das sei ein wichtiges Anliegen des christlich‐jüdischen Dialogs, betonte Reinhard Marx am vergangenen Sonntag bei der Woche der Brüderlichkeit in München. Der Erzbischof von München und Freising hielt im Alten Rathaussaal den Festvortrag zur Eröffnung. Wie die Gemeinsamkeiten während der „Irritationen“, wie Marx Geschehen und Diskussionen um die Pius‐Bruderschaft und Richard Williamson nannte, heute aussehen, darauf warteten die vielen Festgäste gespannt. Der katholische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich‐jüdische Zusammenarbeit Augsburg‐München‐Regensburg, Pierfelice Tagliacarne, begrüßte Vertreter aus Politik, Justiz und den verschiedenen Religionen. Auch der Chef des Hauses Wittelsbach, Herzog Franz von Bayern, war unter den Gästen, ebenso der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich und der Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Johannes Schuster. Applaus gab es, als die Präsidentin der IKG und des Zentralrats der Juden in Deutschland unmittelbar aus Hamburg von der zentralen Eröffnungsfeier im Alten Rathaussaal eintraf. Begegnung und Dialog bezeichnete Minister Siegfried Schneider in seinem Grußwort für die Bayerische Staatsregierung als aufrechte Pfeiler einer wachsamen Demokratie. Die Münchner Bürgermeisterin Christine Strobl griff das Motto der diesjährigen Veranstaltung „So viel Aufbruch war nie“ auf. Mit dem Grundgesetz seien 1948 Aufbruch und Neubeginn die Antwort auf die Verletzung der Menschenrechte durch das Nazi‐Régime gewesen. Sie erinnerte daran, dass seit der Gründung der Gesellschaft 1949 München eng mit ihr verbunden ist. Strobl sprach auch aus, was viele der Anwesenden bewegte: „In den letzten Wochen habe ich an meiner Kirche gezweifelt.“ Heftigen Applaus erhielt sie für ihre Bemerkung. „Antisemitismus und Antijudaismus haben bei uns keinen Platz und dürfen nirgendwo Platz haben.“ Der interreligiöse Dialog funktioniere nur mit der Dialogbereitschaft der Partner. Als positives Beispiel rief sie das multireligiöse Gebet am Marienplatz unter Beteiligung der fünf Weltreligionen am Ende der Feiern zum 850. Stadtgeburtstags Münchens in Erinnerung. Erzbischof Reinhard Marx ging in seiner Festrede darauf ein: „Vermutlich sind uns allen die Irritationen im katholischen und jüdischen Dialog sehr bewusst. Ich möchte nicht darüber hinwegsehen und hinweggehen. Dialog ist nicht einfach, Dialog braucht immer neuen Aufbruch.“ Marx griff das Motto der Gesellschaft „Reden, lernen, erinnern“ auf und betonte: „Aus dieser Trias sollten wie nie aussteigen. Wir sollten auch dann reden, wenn uns vor lauter Ärger die Stimme versagt. Wir – Christen und Juden – sollten uns nie wieder trennen lassen, auch nicht durch unsere eigenes Versagen. Dafür kämpfe ich.“ Gemeinsam sei ihnen, das Volk Gottes zu sein. „Das ist etwas, was uns zusammenhält, aber auch immer wieder zu Diskussionen führt. Juden und Christen haben gerade erst begonnen, Schritte aufeinanderzuzugehen“, sagte Marx.
Mit zahlreichen Zitaten aus Reden und Enzykliken der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. belegte Reinhard Marx das veränderte Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum seit der Schoa. Antisemitismus sei eine Sünde gegen Gott und die Menschheit, zitierte er Johannes Paul II. Das persönliche Bekenntnis des Münchner Erzbischofs lautete: „Nie wieder Antisemitismus und Antijudaismus, auch nicht in Ansätzen, auch nicht in unseren Gemeinschaften.“ Marx unterstrich: „Auschwitz ist als Synonym für die Schoa für mich der größte Zivilisationsbruch einer weitgehend christlich geprägten Welt.“ Dieser dürfe niemals relativiert werden und sei unvergleichbar mit allen anderen Schreckenstaten. „Für mich bleibt es unfassbar, dass die Schoa im christlichen Europa möglich war.“ Was die Auseinandersetzungen mit der Piusbruderschaft betref‐
fe, so dürften diese keineswegs kleingeredet werden. Marx zitierte in diesem Zusammenhang die Aussage von Papst Benedikt XVI., wonach dieser „selbst und die katholische Kirche jegliche Form des Rassismus, insbesondere des Antijudaismus und Antisemitismus aufs Schärfste verurteilen.“ Auf der Bischofkonferenz in dieser Woche erwarte Marx keine Spaltung. Außerdem betonte er, es stimme nicht, dass die Piusbruderschaft in voller Gemeinschaft mit der Kirche stehe. Es gäbe Ansätze zur Rehabilitation. Aber – und das betonte Marx klar und eindeutig: „Rechtsextremismus, Rassismus und Antijudaismus haben keinen Platz in der katholischen Kirche.“ Der jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich‐jüdische Zusammenarbeit dankte zum Abschluss allen Rednern und Beteiligten für ihren Einsatz, nicht zuletzt auch den Ehrenamtlichen in der Gesellschaft, darunter nicht zuletzt auch seinem evangelischen Vorstandskollegen Hans‐Jürgen Müller. Mit Blick auf die verschiedenen Religionen und Konfessionen der Menschen im Saal sagte Abi Pitum: „Es tut gut, dass Sie sich alle solidarisieren.“ Und er bekräftigte den Appell von Festredner Reinhard Marx: „Wir dürfen nie wieder voneinander lassen!“
Besonders genossen die Gäste die Klänge des Chores „Viva Voce“ unter der Leitung von Margaritta McCarthy. Die festliche Umrahmung der Veranstaltung mit Liedern aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen hatte alle Besucher begeistert.

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