Antisemitismus

»Wir lassen uns nicht einschüchtern«

Vergangene Woche hat die EU-Grundrechte-Agentur (FRA) in Wien ihren Jahresbericht vorgelegt. Demnach ist die Zahl antisemitischer Übergriffe in Europa seit Dezember 2008 deutlich angestiegen. Einer der Gründe dafür scheint im Gasakonflikt zu liegen, vermutet die FRA. Mit Sorge blickt die Agentur unter anderem auf Frankreich, Belgien, Schweden, Dänemark und Großbritannien. Allein in Frankreich kam es zwischen dem 27. Dezember und dem 26. Januar zu 113 judenfeindlichen Angriffen. Unsere Korrespondenten haben sich in Gemeinden und jüdischen Organisationen, in Sportvereinen und bei Menschen auf der Straße umgehört.

frankreich:
In dem Land mit der größten jüdischen Gemeinde Europas kam es im Zuge des Gasakriegs zu einer Explosion antisemitischer Vorfälle. Allein im Januar wurden 352 Vergehen gezählt, was 80 Prozent aller antisemitischen Delikte des Vorjahres entspricht. Darunter fanden sich sowohl gewalttätige Übergriffe, wie mehrere Brandanschläge auf Synagogen und körperliche Angriffe, als auch das Abdriften pro-palästinensischer Demonstrationen in offenen Judenhass: Raphaël Haddad, Präsident der jüdischen Studentenorganisation UEJF, spricht von quasi-systematischen Vorfällen von Antisemitismus im Zuge der Demonstrationen.
Innerhalb der Gemeinde besteht große Besorgnis, manche empfehlen die Flucht ins Private, einige Rabbiner raten dazu, die Mesusa im Inneren der Wohnung anzubringen. Die meisten Organisationen und Verbände jedoch widersetzen sich dem Druck, sich abzukapseln. »Wir glauben, dass die jüdische Gemeinde ihre Aktivitäten wie bisher weiterführen muss, ohne sich im Klima der Unsicherheit einzuschließen«, sagt Franklin Rausky, Direktor des Pariser Institutes für jüdische Studien. »Wir verweigern es, uns aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und forcieren gerade jetzt den interreligiösen Dialog.« In diesem Sinne ging auch die Studentenorganisation UEJF in die Offensive und initiierte mit Vertretern anderer Religionen das »Manifest der 15« für Toleranz.
Gleichwohl ist bereits seit der zweiten Intifada eine gewisse Tendenz des Einigelns zu beobachten: So sind auch in Frankreich Überwachungskameras und schwere Eisentore vor Synagogen keine Seltenheit mehr, darüber hinaus wächst der Zulauf auf jüdische Privatschulen. Der Selbstverständlichkeit einer breiten und reichen jüdischen Zivilgesellschaft hat dies bis dato aber trotzdem keinen Abbruch getan. Tilman Vogt

schweden:
Es scheint ernst zu sein, wenn sogar die schwedische Tageszeitung Svenska Dagbladet mit der Meldung »Proteste bedrohen Juden in Malmö« aufmacht. Der Beschluss der Malmöer Stadtverwaltung, das Davis-Cup-Spiel zwischen Israel und Schweden am vergangenen Samstag vor leeren Zuschauerbänken auszutragen, ist nur eines der vielen Beispiele dafür, wie nachsichtig sich Schwedens Politiker gegenüber radikalen Tendenzen verhalten (vgl. Jüdische Allgemeine vom 26. Februar). Barbro Posner, ein führendes Mitglied der jüdischen Gemeinde Malmös, fühlt sich in der Stadt jedenfalls nicht mehr sicher. »Die Kommunalpolitiker machen mit Tennis Außenpolitik«, empört sie sich gegenüber der schwedischen Tageszeitung.
Seitdem sich antiisraelische Proteste in den vergangenen Wochen verstärkt gegen jüdische Einrichtungen entluden, verdüstern sich die Zukunftsaussichten schwedischer Juden zusehends. Davon kann auch Avner Ram ein Lied singen. Der Israeli, der mit seiner Familie im Stockholmer Szeneviertel Södermalm wohnt, dämpft deutlich die Stimme, wenn er mit seinen Töchtern in der U-Bahn Hebräisch spricht. »Aus meinem vertrauten Umkreis zwischen Wohnung und Arbeit wage ich mich seit ein paar Wochen nicht heraus«, bekennt der Designer bedrückt.
Anne Kalmering hingegen sieht keinen Grund sich zu verstecken. Die Sängerin tritt mit ihren jiddischen Liedern oft vor nichtjüdischem Publikum auf. »Das Interesse daran ist ungebrochen. Solche Gewaltwellen kommen und gehen. Davon dürfen wir uns nicht einschüchtern lassen«, betont Kalmering. Seitdem die Sicherheitsvorkehrungen für Schule, Gemeindezentrum und Synagoge verdoppelt wurden, fühlt sie sich wieder sicher. Vielleicht habe sie aber auch gelernt, mit der Unsicherheit zu leben, meint die Sängerin. Katharina Schmidt-Hirschfelder

dänemark:
Als bei der jüngsten Meinungsumfrage zum Gasakrieg die Sympathien für Israel eindeutig überwogen, waren Dänemarks Juden positiv überrascht. »Selbst in Fernsehdebatten haben dänische Politiker Israel verteidigt«, staunt Henri Goldstein. Die Berichterstattung sei diesmal »erfrischend differen- ziert« gewesen. Der dänische Arzt nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um wachsenden Antisemitismus von muslimischer Seite und radikalen Linken geht. »Als ich auf die Carolineskole, die jüdische Schule in Kopenhagen, ging, glich sie noch nicht einem Hochsicherheitstrakt wie heute – vor allem nach den Schüssen auf zwei Israelis vor ein paar Wochen.« Im Prinzip fühle er sich aber sicher in Dänemark.
So geht es nicht allen. WIZO-Organisatorin Dorrit Raiter, die lange überlegen musste, ob sie ihren Namen in der Zeitung lesen möchte, bekennt offen ihre Angst vor antisemitischen Angriffen. Wie Goldstein verweist sie dabei auf radikale muslimische und linke Gruppen. Raiter kann sich vorstellen, dass der diesjährige WIZO-Basar hinter verschlossenen Türen stattfindet. »Natürlich wollen wir den Basar gern so durchführen wie gewohnt. Sollte aber der Vorstand der Jüdischen Gemeinde ein zu hohes Sicherheitsrisiko feststellen, werden wir das Arrangement ändern müssen«, so Raiter. Katharina Schmidt-Hirschfelder
belgien:
Die jährliche Wohltätigkeitsgala der Antwerpener B’nai-B’rith-Loge vergangene Woche war wie immer ausverkauft. Die jüngsten antijüdischen Vorfälle in der Stadt hat- ten offenbar keine Folgen für das Fest. Wiewohl der ehemalige Präsident, Leo Schumer, feststellt, dass sich die Sicherheitsvorkehrungen für große jüdische Veranstal- tungen nochmals verschärft hätten. Und auch der Auftritt eines Chors der israelischen Armee sei von Mitarbeitern der gastgebenden Musikakademie kritisiert worden. Dennoch: »Für uns hat sich nicht viel verändert.«
Bei öffentlichen Veranstaltungen sind die Folgen weniger spürbar, findet auch Jacqueline Kaufman von der WIZO-Sektion Antwerpen. Höchstens, dass die Spendenbereitschaft der Gemeindemitglieder gestiegen sei.
Anders sieht das jedoch im Alltag aus. »Es ist viel unsicherer geworden. Sogar im Stadtzentrum gibt es Gegenden, wo Juden keine Kippa mehr tragen.« Die antisemitische Atmosphäre überdauert den Krieg in Gasa: Vergangene Woche attackierte ein junger Mann mit einer schweren Stange vier Juden.
Normalisiert habe sich dagegen die Situation in Belgiens Hauptstadt, so Maurice Kauffman vom Sportverein Maccabi Brüssel. Während die belgische Polititk mehr und mehr israelkritisch werde, hielten sich die Probleme auf den Sportplätzen in Grenzen. Maccabi trägt den eigenen Standpunkt offensiv nach außen: Die Jugendteams spielen in Trikots mit der Aufschrift »No Violence, No Racism«. Tobias Müller

grossbritannien:
Der wachsende Antisemitismus macht die Gemeinde noch entschlossener. »Der beste Weg, mit Feinden des Judentums umzugehen, ist, sich nicht einschüchtern zu lassen. Wir werden nicht still sein oder uns zurückziehen«, sagt Rabbi Danny Rich, der Leiter der britischen Reformgruppe Liberal Judaism, einem Zusammenschluss von rund 10.000 Juden in 34 Gemeinden Großbritanniens.
Trotz und gerade wegen der steigenden Zahl der antisemitischen Übergriffe auf den britischen Inseln geben sich die jüdischen Gemeinden im besten Sinne kämpferisch. »Egal wie groß die Versuchung auch sein mag, wir dürfen auf keinen Fall in Selbstmitleid versinken«, mahnt Tony Bayfield, Leiter des britischen Movement for Reform Judaism. »Britische Juden müssen jetzt doppelt so hart mit Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften für eine tolerante, gerechte und vorausschauende britische Gesellschaft zusammenarbeiten«, sagt er.
Ähnlich sieht das auch Rabbi Zvi Solomons von der jüdisch-orthodoxen Gemeinde in Reading. »Wir sind keine Opfer, sondern wir haben das Ruder in der Hand. Wir müssen sichtbar sein. Wenn wir uns zurückziehen, tun wir uns damit keinen Gefallen.«
Für Solomons sind das keine leeren Worte, hat er doch bereits persönlich in das hässliche Gesicht des Antisemitismus geblickt: »Neulich beschimpften mich einige Muslime im Auto – ich reagierte freundlich, aber bestimmt. Wir müssen dem entschlossen entgegentreten. Meist sind solche Menschen Feiglinge. Wir sollten auf diese Konfrontationen vorbereitet sein, aber wenn wir weglaufen, erreichen wir gar nichts.« Frank Diebel

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