Reformjudentum

„Wir brauchen Gleichstellung“

Herr Rabbiner, die Reformbewegung will 100 Millionen Dollar zur Stärkung des progressiven Judentums in Israel aufbringen. Können die Reformierten dadurch ihre Bedeutungslosigkeit im jüdischen Staat überwinden?
regev: Das Programm wurde in der Tat beim jüngsten Kongress der Weltunion für progressives Judentum verkündet und soll in den nächsten fünf bis sieben Jahren durchgeführt werden. Bedeutungslos sind wir aber auch heute nicht. Ganz im Gegenteil: Wir sind für einen Großteil der israelischen Juden attraktiv. Bei einer Umfrage gaben 49 Prozent aller säkularen Teilnehmer an, dem Reformjudentum am nächsten zu stehen.

Dennoch gibt es in Israel nur wenige Reform‐Synagogen. Offenbar ist diese Weltanschauung den Israelis nicht so wichtig.
regev: Das stimmt nicht. Im Gegensatz zur Diaspora muss man in Israel keiner Synagogengemeinde angehören, um jüdisch zu leben. Die Mitgliedschaft in einer Gemeinde ist in Israel nicht das entscheidende Kriterium für das Bekenntnis zu religiöser Weltanschauung. Daher die niedrigen Mitgliederzahlen. Wie der Schriftsteller Amos Oz bei unserem Kongress sagte, sind die meisten Säkularen in Israel Reformjuden, ohne es zu wissen. An dieses Potenzial wollen wir anknüpfen. In den letzten Jahrzehnten haben wir sehr viel erreicht, wollen aber natürlich noch mehr Menschen für uns gewinnen. Deshalb das neue Aufbauprogramm. Es sieht den Bau neuer Gemeindezentren, Kindergärten und dergleichen vor. Wir verkennen nicht, dass Infrastruktur wichtig ist.

Mit dieser Erkenntnis sind die ultraorthodoxen Parteien gut gefahren.
regev: Weil sie über die entsprechende po‐
litische Macht verfügen.

Warum gründet nicht auch die Reformbewegung eine eigene Partei?
regev: Über die Frage einer Parteigründung wird bei uns immer wieder gesprochen. Allerdings lautete das Ergebnis bisher, dass das kein richtiger Schritt wäre. Zum einen sind wir für Menschen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen offen, die unsere Grundwerte teilen. Zum anderen aber ist die Verbindung zwischen Religion und Politik sowohl für die Religion als auch für die Politik schlecht.

In Ermangelung politischer Macht hat die Reformbewegung auch keine Anerkennung ihrer Rabbiner durch den Staat Israel erreicht.
regev: Wir sind nicht naiv. Wir hoffen, die Anerkennung unserer Rabbiner auch mit Hilfe politischen Drucks durch die Diasporagemeinden durchzusetzen. Wenn jeder israelische Abgeordnete und Politiker auf Auslandsreisen von Vertretern der Reformbewe‐
gung in der Diaspora auf dieses Thema angesprochen wird, wird es irgendwann seine Wirkung haben.

Die Diaspora kann Ihnen keine Mehrheit in der Knesset verschaffen.
regev: Seinerzeit wollte die Regierung Netanjahu auf Forderung ultraorthodoxer Koalitionspartner das Rückkehrgesetz ändern und die Anerkennung nichtorthodoxer Übertritte verhindern. Dieses Ansinnen musste unter dem Druck der weltweiten nichtorthodoxen Bewegungen aufgegeben werden. Unser Wort hat durchaus Gewicht.

Und wenn alles Zureden nichts nützt?
regev: Wenn Argumente nicht helfen, wird man den israelischen Politikern vielleicht sagen: „Kommt wieder zu uns, wenn Ihr Eure Meinung geändert habt.“

Das hört sich nach einem Boykott an.
regev: Wir hoffen nicht, dass es dazu kommt.

Lohnt sich der Streit?
regev: Es geht um Religions‐ und Gewissensfreiheit. Darüber hinaus haben wir in Israel aber auch Aufgaben zu erfüllen, für die wir die Gleichstellung mit der Orthodoxie brauchen. Durch die Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion ist eine Situation entstanden, in der 400.000 bis 500.000 Israelis nicht in ihrem eigenen Lande heiraten dürfen, weil sie keine Juden nach der Halacha sind. Ihnen wollen wir helfen.

Auch israelische Reformrabbiner nehmen keine Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden vor. Der nichtjüdische Partner muss zum Judentum übertreten.
regev: Dabei helfen wir. Das orthodoxe Establishment erschwert Übertritte so sehr, dass die meisten Übertrittswilligen darauf verzichten oder aber scheitern. Dagegen bieten wir eine Konversion in positivem Geist an. Wir wollen die Kandidaten ins Judentum aufnehmen. Allerdings können wir unsere Konvertiten wegen des orthodoxen Eheschließungsmonopols nicht verheiraten. Dafür brauchen wir die Anerkennung durch den Staat.

Glauben Sie, dass eines Tages alle Strömungen des Judentums in Israel gleichberechtigt sind?
regev: Ja.

Wann?
regev: Das ist schwer zu prognostizieren, aber ich glaube, dass ein Großteil des Weges bereits hinter uns liegt.
Mit dem Präsidenten der Weltunion für
Progressives Judentum sprach
Wladimir Struminski.

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