Joshua Sobol

„Wir brauchen eine Föderation“

Herr Sobol, nach Jahrzehnten haben sich Israelis und Palästinenser endlich durchgerungen, eine Zwei‐Staatenlösung zu akzeptieren. Jetzt kommen Sie und fordern, stattdessen einen binationalen jüdisch‐palästinenischen Staat zu schaffen. Warum?
sobol: Die Zwei‐Staatenlösung ist schlicht nicht realisierbar. Israel ist nicht in der Lage, die Siedler aus der Westbank herauszuholen. Und es gibt auch keine politische Kraft, die dies beabsichtigt. All die Parolen vom „Rückzug hinter die grüne Linie“ sind nur Gerede. Und wie sollte ein palästinensischer Staat denn bitteschön aussehen? Zwei geteilte Gebiete, die durch eine Straße verbunden sind, die von Israel überwacht wird?

Und Ihre Vision eines gemeinsamen Staats von Juden und palästinensischen Arabern halten Sie für realistischer?
sobol: Faktisch existiert dieser binationale Staat doch schon jetzt, nur hat er noch keine rechtliche Entsprechung. Die Situation ist paradox, absurd. Zwischen dem Meer und dem Jordan existiert ein Staat, doch die Palästinenser in den Gebieten besitzen noch immer keinen politischen Status, keine Staatsbürgerschaft. Das ist unerträglich. Sehen Sie, seit 60 Jahren ist unsere Wirklichkeit vom Krieg geprägt, denkt man in Kategorien von „hier“ und „dort“. Doch ein „hier“ und ein „dort“ gibt es nicht. Jeden Tag kommen viele, viele Palästinenser über die Grenze, um in Israel zu arbeiten. Trotz Zaun, trotz Mauer. Die Grenze wird nicht geschlossen. Und wa‐rum? Weil man daran interessiert ist, dass sie bei uns arbeiten! Haben Sie das einmal gesehen? Die stehen um drei Uhr morgens auf, und dann kommen sie auf Eseln über die Grenze. Aber sollen sie ohne Rechte bei uns schuften?

Ein solches binationales Land wäre allerdings das Ende des zionistischen Konzepts eines jüdischen Israel.
sobol: Er wäre auch das Ende der Vision eines palästinensischen Staates, so gesehen. In einem binationalen Staat würden beide Völker eine jeweils eigene nationale Existenz besitzen. Beispiele für eine solche jüdisch‐arabische Zusammenarbeit gibt es ja heute bereits, etwa in Nazareth oder zwischen Jaffo und Tel Aviv. Warum sollte es keine zwei Nationalhymnen geben? Und warum keine zwei Fahnen? Früher pflegte man bei uns auch immer zwei Fahnen zu hissen, die rote Fahne der Arbeiterbewegung und die israelische Fahne. Hat das jemanden gestört? Wir brauchen eine israelisch‐palästinensische Föderation mit Landes‐ und Bundesgesetzen. Es könnte durchaus auch unterschiedliche Gesetze im jüdischen und palästinensischen Teil geben, wie zwischen den Bundesstaaten der USA. Vielleicht wollen die Palästinenser ja die Scharia einführen? Was weiß ich? Die Grundvoraussetzung ist natürlich, dass beide Seiten absolut auf Gewalt verzichten. Einen binationalen Staat kann man ja nicht mit Gewalt herbeiführen.

In einem binationalen Staat wären die Juden bald nur noch eine Minderheit. Das können Sie nicht wollen.
sobol: Wir Israelis haben ein Rückkehrgesetz, und die Palästinenser sollten ebenfalls das Recht auf Rückkehr in das palästinensische Gebiet erhalten. Aber meinen Sie etwa, alle Palästinenser, die heute im Ausland leben, würden sofort in den neuen Staat einwandern? Ach was.

Und die Armee? Können Sie sich eine binationale Zahal vorstellen?
sobol: Heute dienen in der Armee Juden, Drusen, Beduinen und einige christliche Araber. Es ist vorstellbar, dass sich die Armee auch langsam den Moslems öffnet.

Selbst wenn Israel sich tatsächlich auf die Idee eines binationalen Staats einlassen würde: Gibt es auf der palästinensischen Seite Partner für derartige Pläne?
sobol: Das muss sich entwickeln, und es lässt sich nicht von meiner Generation durchführen. Das gegenwärtige politische Establishment kann den Plan eines binationalen Staats einfach nicht akzeptieren. Auf der Rechten und Linken werden stets nur die alten Mantras gebetet. Meine Generation muss beiseitetreten und zu den jungen Leuten sagen: „Denkt anders als wir! Kommt mit völlig neuen Ideen!“ Dasselbe gilt für die palästinensische Seite. Wir, Israelis und Palästinenser, müssen die Illusionen aufgeben, dass sich Lösungen mit Gewalt erzwingen lassen. Wir können so nicht weiterleben und die anderen auch nicht.

Das Gespräch führte Christian Buckard.

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