antisemitische Briefe

Wie tickt ein Judenhasser?

von Ingo Way

»Antisemitismus wird primär über Sprache transportiert«, sagt Monika Schwarz‐Friesel. Sie muss es wissen, denn sie ist Sprachwissenschaftlerin an der Friedrich‐Schiller‐Universität Jena. Schon in früheren Arbeiten hat sie sich mit dem Thema Judenfeindlichkeit beschäftigt. Und gerade hat sie wieder ein neues Forschungsprojekt begonnen. Es trägt den Namen »Ihr seid keine Deutschen, geht nach Israel! – Konzeptualisierungs‐ und Verbalisierungsformen des aktuellen Antisemitismus in Deutschland«. Dahinter verbirgt sich Folgendes: Schwarz‐Friesel und ihre Mitarbeiter untersuchen 5.000 Briefe und E‐Mails, die in den Jahren 2004 bis 2007 beim Zentralrat der Juden und der israelischen Botschaft in Berlin eingegangen sind. Die meisten von ihnen sind antisemitischen Inhalts. Ziel des Projekts ist es, zu beschreiben, mit welchen argumentativen Strategien die Briefschreiber vorgehen und mit welchen kognitiven Stereotypen sie arbeiten.
Schwarz‐Friesel und ihr Team gehen interdisziplinär vor. Ihr eigenes Fachgebiet ist die Kognitive Linguistik, ein Forschungszweig, der Sprach

wissenschaft mit den aktuellen Erkenntnissen über Gehirn und Geist verbindet. Darin wird Sprache nicht als ein isoliertes Zeichensystem betrachtet, sondern als ein Ausdruck von Bewusstseinsprozessen, die in bestimmten Hirnregionen verankert sind. Wird ein geistiger Vorgang in eine sprachliche Form gefasst, nennt man das Konzeptualisierung. Schwarz‐Friesel will nun durch eine textwissenschaftliche Analyse der ihr vorliegenden Briefe anhand der darin vorkommenden Konzeptualisierungen die geistigen Strukturen rekonstruieren, die diesen zugrundeliegenden. Damit soll die Frage beantwortet werden: Was bedeutet Antisemitismus heute inhaltlich, welche Strukturen tauchen immer wieder auf, was ist das Neue am »neuen Antisemitismus«? Es geht also nicht um eine quantitative Erhebung, um herauszufinden, wieviel Prozent der deutschen Bevölkerung antisemitisch denken, sondern um eine qualitative Textanalyse, die verraten soll, wie Antisemitismus gedanklich funktioniert. Der zweite Projektleiter, Evyatar Friesel, Historiker an der Hebräischen Universität Jerusalem und Ehemann von Monika Schwarz‐Friesel, ergänzt das Projekt durch eine zeitgeschichtliche Perspektive.
Zwar steht das Forschungsvorhaben noch ganz am Anfang, aber einige Vermutungen lassen sich bereits aus einer Vorstudie ableiten, die Schwarz‐Friesel anhand von 2.000 Zuschriften durchgeführt hat, die der Publizist Michael Wolffsohn erhielt, nachdem er 2004 eine Debatte über die Legitimität von Folter angestoßen hatte. In 80 Prozent dieser Zuschriften, so Schwarz‐Friesel, sei es gar nicht um das Thema der Folterdebatte gegangen, vielmehr wurde Wolffsohn in antisemitischer Manier persönlich angegriffen, meist verbunden mit Pauschalkritik an Israel. Ähnliche Tendenzen wie in den Briefen an Wolffsohn ließen sich nach zufälligen Stichproben auch für den jetzt zu untersuchenden Korpus der 5.000 Zuschriften an Botschaft und Zentralrat erwarten, meint Schwarz‐Friesel. Es gebe einige klare Tendenzen: Immer öfter verzichteten die Schreiber auf Anonymität und gäben Namen und Adresse an. Die

Akzeptanz antisemitischer Ansichten in der Bevölkerung steige. Schwarz‐Friesel vermutet, das hinge damit zusammen, dass nach den Debatten um Mölleman, Hohmann und Jamal Karsli der Eindruck entstanden sei, Antisemitismus ließe sich wieder »seriös« diskutieren. Jedenfalls sei die Tabuschwelle gesunken.
Nur etwa zehn Prozent der Zuschriften kämen von Rechtsradikalen, der Rest aus der Mitte der Gesellschaft, auch von Ärzten, Anwälten, Professoren und Personen, die sich als links oder linksliberal bezeichnen. Viele leugneten vehement, überhaupt antisemitisch zu sein, brächten dann aber die ganze Palette antisemitischer Klischees vor, bis hin zum Hinweis auf die Rassezugehörigkeit. So mischen sich Stereotype des traditionellen Antisemitismus mit solchen des »neuen«, der sich als Israelkritik ausgibt.
Auf sprachlicher Ebene hält Schwarz‐Friesel die »konzeptuelle Verschmelzung« der Wörter »Jude«, »Zionist« und »Israeli« für besonders auffällig. Diese Wörter würden oft als Synonyme benutzt. Ferner komme es häufig zu einer Täter‐Opfer‐Umkehr: Die Juden werden für das Aufkommen des Antisemitismus selbst verantwortlich gemacht, und Israelis werden mit den Nazis verglichen.
In ein bis zwei Jahren soll das Projekt abgeschlossen sein, dann wollen Schwarz‐Friesel und ihr Team ein Buch mit den Forschungsergebnissen vorlegen, das auf Deutsch und Englisch erscheinen soll. Gefördert wird das Vorhaben übrigens vom renommierten Sarnat Institute for the Study of Anti‐Jewishness der amerikanischen Brandeis‐University. Dessen Forschungsschwerpunkt liegt normalerweise in Nord‐ und Südamerika, doch als die Jenaer Forscher ihr Konzept vorlegten, sagte das Sarnat Institute sofort seine Unterstützung zu – nachdem mehrere private deutsche Stiftungen eine Förderung abgelehnt hatten.
Mit dem Fördergeld können an Schwarz‐Friesels Lehrstuhl zwei halbe Doktoranden‐ und zwei studentische Hilfskraftstellen eingerichtet werden. Zudem wird das Forscherteam eng mit Kollegen vom Sarnat Institute und der Abteilung für die Geschichte des Jüdischen Volkes der Hebräischen Universität Jerusalem, wo Evyatar Friesel lehrt, zusammenarbeiten. Gute Kontakte bestehen auch zum Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, zu Wolfgang Benz und

Werner Bergmann.
Bei aller wissenschaftlichen Distanz – einen guten Magen braucht man für ein Forschungsprojekt dieser Art schon. »Je mehr ich von dem Zeug lese«, gesteht Monika Schwarz‐Friesel, »um so mulmiger wird es mir«.

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