Kaschrut

Wer passt auf?

von Christine Schmitt

An ein Chanukka‐Wunder wollte Benno Bleiberg nicht mehr glauben. Deshalb sei ihm schon vor der jüngsten Repräsentantenversammlung (RV) klar gewesen, dass die Gemeindevertreter beschließen würden, die Kaschrut‐Aufsicht neu zu vergeben. Gegen seine Empfehlung. Kaum verkündet, trat er als stellvertretender Ge‐ meindevorsitzender, Vorstandsmitglied und Kultusdezernent zurück. Seinen Sitz in der RV will er behalten.
Das Dilemma war perfekt, der Streit eskalierte. Denn mit ihrem Votum hatten die Gemeindevertreter nicht nur über Bleibergs Kopf hinweg, sondern vor allem auch gegen den orthodoxen Gemeinderabbiner Yitshak Ehrenberg entschieden. Seit seiner Amtsübernahme ist er für die Kaschrut, die Einhaltung der jüdischen Speisegesetze in den Einrichtungen der Gemeinde, zuständig. Er sei eine auf der ganzen Welt anerkannte Kapazität, sagt der Rabbiner über sich selbst.
Nach verschiedenen Auseinandersetzungen – bei denen in letzter Zeit häufig die Fleischerei Goethestraße im Mittelpunkt stand – hat sich die RV am Mittwoch vergangener Woche erst einmal dafür ausgesprochen, dass sie als politisches Gremium darüber zu bestimmen habe, welcher Rabbiner in Zukunft die Kaschrut‐Aufsicht führen soll. Mit dieser Aufgabe könne für die kommenden zwei Jahre weiterhin Yitshak Ehrenberg oder aber Reuven Yaacobov, der erst seit Sommer orthodoxer Gemeinderabbiner ist, betraut werden.
Für Benno Bleiberg ist dieser Vorschlag nicht akzeptabel. Er sei nicht angetreten, um die traditionelle Orthodoxie zu schwächen. Es könne nicht sein, dass säkulare Juden über halachische Grundgesetze entscheiden, begründete er seinen Schritt. Anscheinend glaube jeder, der einmal eine Synagoge besucht habe, sich mit dem Judentum auszukennen. Man könne sich nicht immer neue Regeln ausdenken, die im jeweiligen Moment am besten ins Konzept passen. So nähere sich die Gemeinde einem Kulturverein, wetterte er.
»Es tut mir sehr leid, dass Benno Bleiberg zurückgetreten ist«, sagte Gemeindevorsitzende Lala Süsskind. Doch sei es eine demokratische Entscheidung gewesen, und das müsse dann auch akzeptiert werden. Die Orthodoxie sieht sie durch diese neue Regelung nicht geschwächt, denn in jedem Fall solle ein orthodoxer Gemeinderabbiner die Aufsicht übernehmen. Aber es müsse gleiches Recht für beide Rabbiner gelten. Jeder »darf mal in den Genuss kommen«, so die Vorsitzende. Auf jeden Fall bleibe weiterhin alles koscher. Man werde sich rasch um Bleibergs Nachfolge bemühen, so Süsskind, wahrscheinlich schon bei der nächsten RV am 14. Januar. Bis dahin betreut sie selbst kommis‐ sarisch das Kultusdezernat.
Auch der RV‐Vorsitzende Michael Joachim äußerte Verständnis für Bleibergs Rücktritt. Aber es sei auch wichtig, dass in den Gemeindeeinrichtungen wie Kindergarten, Schule und Seniorenzentrum »vernünftig gearbeitet« werden könne. Ab Januar wird zunächst die Cateringfirma Luna die Kalkulation und Organisation in Kita und Schule für zwei Jahre übernehmen – für den gleichen Zeitraum soll auch die Kaschrut‐Aufsicht vergeben werden. Luna kostet die Gemeinde jährlich rund 30.000 Euro weniger als die bisherige Cateringfirma. Mit deren Speisen seien Schüler und Eltern unzufrieden gewesen, berichtete Schuldezernentin Mirjam Marcus.
Doch Beschwerden über das Schulessen oder die Verpflegung im Kindergarten gibt es schon lange. Der eigentliche Hintergrund des Streits, der in Bleibergs Rück‐tritt seinen Höhepunkt fand, ist vielmehr die lang anhaltende Auseinandersetzung zwischen dem Geschäftsführer der Fleischerei »Kosher Deli«, Maurice Elmaleh, und Rabbiner Ehrenberg. Zuletzt gab es Differenzen über den Koscherstempel für das Fleisch, das Elmaleh in seinem Geschäft verkauft hatte. Ehrenberg hatte Elmaleh das Kaschrutzeugnis danach entzogen. Er könne nicht mehr garantieren, dass ausschließlich zweifelsfreie koschere Ware angeboten werde, erläuterte Ehrenberg. Elmaleh warf ihm daraufhin vor, seinen Laden zugrunde richten zu wollen. Da auch die Schulen und der Kindergarten mit Elmalehs Fleischprodukten beliefert werden, befürchtet Ehrenberg, dass Kinder orthodoxer Familien auf die warme Mittagsmahlzeit verzichten müssten. »Ich bin von der Gemeinde damit beauftragt worden, die Einhaltung der Kaschrut zu gewährleisten und habe das getan, wofür ich bezahlt werde. Ich erstelle keine Gefälligkeitsgutachten.« Aber er hätte sich gewünscht, gemeinsam einen Weg aus der Misere zu finden.
Vor zwei Jahren hatte Ehrenberg begonnen, koschere Fleischprodukte aus England zu importieren und in Berlin günstiger als in koscheren Läden vor Ort zu verkaufen. Koscheres Fleisch, das nach den jüdischen Speisegesetzen produziert wird, ist in der Herstellung wesentlich aufwendiger und somit teurer. Es wird entweder unter strenger Aufsicht in Deutschland geschächtet oder aus dem Ausland importiert, etwa aus England, wo es riesige Schlachthöfe gibt, die bei der Fleischproduktion die Kaschrut einhalten. Ehrenberg war der Meinung, dass auch den Juden, die sich koscheres Essen bislang nicht leisten konnten, ein erschwingliches Angebot gemacht werden müsste. Mittlerweile hat er den Verkauf aus gewerberecht‐ lichen Gründen jedoch wieder eingestellt. Auch das hatte den Konflikt weiter befördert. Elmaleh hatte seinen Laden aus Protest geschlossen, während in der Gemeinde Unterschriftenlisten kursierten, deren Unterzeichner sich für die Kaschrut‐Aufsicht Ehrenbergs stark machten.
Diese ist nun infrage gestellt. Ein Affront für Ehrenberg. Rabbiner Yaacobov wollte sich auf Nachfrage zu dem Vorgang nicht äußern. »Der Konflikt wurde zugunsten des Fleischhändlers gelöst«, sagt Benno Bleiberg.
Der bisherige Kultusdezernent ist einer der Gründer des Wahlbündnisses Atid, das nach einem überwältigenden Wahlerfolg im Januar dieses Jahres die Führung der Berliner Gemeinde übernommen hatte. Mit zwei Stellvertretern war die Gemeindevorsitzende Lala Süsskind in die Legislaturperiode gestartet, der Finanzdezernent ist bereits vor Monaten aus privaten Gründen – der Heirat mit einer nichtjüdischen Frau – von dem Posten zurückgetreten. Nun hat auch Bleiberg das Handtuch geworfen – und gleichwohl versichert: »Ich bin bereit, den Kontakt zum Vorstand zu behalten und ihn zu unterstützen.«
Was das in Sachen Kaschrut‐Aufsicht bedeutet, wird die Gemeinde zwei Wochen nach Chanukka erfahren.

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