Integration

Wer bin ich?

Ich bin 1987 in der russischen Hauptstadt Moskau geboren. Heute lebe ich in Chicago, im amerikanischen Bundesstaat Illinois. Ich kam über Israel nach Amerika und habe somit als Jüdin und als Immigrantin inzwischen Erfahrungen aus drei Staaten gesammelt.
Kurz vor dem Zusammenbruch der UdSSR in den späten 80er‐Jahren war die Situation in Russland sowohl wirtschaftlich wie politisch schwierig. Gleichzeitig veranlassten die instabile innenpolitische Lage und der aufkeimende Antisemitismus viele russische Juden dazu, das Land zu verlassen und zu emigrieren. Meine Eltern wollten in die Vereinigten Staaten von Amerika ausreisen, wo sie sich Anstellung und Geld erhofften. Leider unterzeichneten die USA und Israel 1990 jedoch ein Abkommen, nach dem sie keine russischen Einwanderer mehr ins Land ließen. Für einige Jahre war daher Israel der einzige Ort, der russische Juden aufnahm. Damals war ich drei Jahre alt und emigrierte mit meinen Eltern nach Israel.
In den ersten Jahren hatten wir sehr zu kämpfen. Wir hatten wenig Geld, denn meine Eltern konnten keine gut bezahlten Arbeitsstellen finden, obwohl mein Vater einen Hochschulabschluss in Mathematik der Moskauer Universität vorweisen konnte. Also arbeitete mein Vater einige Zeit in einer Sicherheitsfirma, meine Mutter putzte und war als Altenpflegerin tätig. Die Sabres, die in Israel Geborenen, warfen uns vor, ihnen die Jobs wegzunehmen, uns nicht integrieren zu wollen, kein Hebräisch zu lernen und überheblich zu sein. Die Kinder hörten von ihren Eltern, wie diese schlecht über „die Russen“ sprachen, und wenn sie in den Kindergarten kamen, beschimpften sie mich als „dreckige Russin“. Früher in Russland hieß es: „Juden raus“; in Israel hieß es: „Russen raus“.
Im Gegenzug beschuldigten wir die Sabres als intolerant, ungebildet und ungezogen. Ich kann den Ärger der Israelis verstehen, und andererseits weiß ich, wie un‐ willkommen und alleingelassen wir uns fühlten, und wie einfach es war, sich mit Menschen anzufreunden, die dieselbe Sprache sprechen und aus den Ländern kommen wie wir selbst, anstatt sich zu integrieren. Als Kind habe ich zu Hause grund‐ sätzlich russisch gesprochen, ich widerstand aber den Bemühungen meiner Mutter, auch russisch zu schreiben und zu lesen. Ich lernte, mich meines Erbes zu schämen. Es wäre einfach gewesen, zu sagen, wir sind die Guten und ihr seid die Bösen, doch die Situation war weit komplizierter als das.
Als ich dann etwa 14 Jahre alt war, fühlte ich mich schließlich doch integriert und als gleichwertige Israelin. Ich sprach fließend Hebräisch, das inzwischen besser war als mein Russisch, und ich sah meine Zukunft wie die Israelis sie sahen: Ich wollte die Schule abschließen, zwei Jahre meinen Armeedienst ableisten, einen Trip nach Indien oder Thailand unternehmen und dann studieren. Nach der Armee, so dachte ich, könnte niemand mehr behaupten, dass ich keine richtige Israelin sei.
Während der elf Jahre, die wir in Israel lebten, verlor mein Vater seinen einzigen guten Job, den er am technischen Institut von Haifa bekommen hatte, und fand keinen neuen, sodass er gezwungen war, einige Jahre zunächst in England und schließlich in Amerika zu arbeiten. Fünf Jahre lebte ich deswegen ohne Vater. 2001, als ich mich gerade in Israel wohlzufühlen begann und glaubte, akzeptiert zu sein, entschieden meine Eltern, dass es besser für die Familie sei, zusammenzuleben und in die Staaten auszuwandern. In den USA konnten sich meine Eltern wesentlich leichter integrieren. Beide bekamen gute Arbeitsstellen, und wir konnten in ein großzügiges Haus ziehen.
Und dennoch empfinde ich im Rückblick unsere Integration in die amerikanische Gesellschaft als sehr traumatisch. Ich fühlte mich gezwungen, meine einzige Heimat, die ich je hatte, verlassen zu müssen, meine Freunde, meine gesamte Identität hinter mir zu lassen und neu anfangen zu müssen. Als mich in den USA die Amerikaner mit meinen Eltern Russisch sprechen hörten, hielten sie mich auch für eine Russin. Doch ich wollte keine Russin sein, ich war doch Israelin.
Lange glaubte ich, ich hätte eine Kultur, lebte in einer Familie mit einer anderen Kultur und in einem Land mit einer dritten fremden Kultur. Als Teenager setzte ich alles daran, mich anzugleichen und suchte vor allem Freundschaft mit jungen Immigranten wie ich eine war. Die schlimmste Zeit war für mich, als ich die Highschool abschloss und feststellte, dass ich nicht in die israelische Armee eintreten konnte, weil wir nicht in Israel lebten und meine Familie wollte, dass ich das College besuchte.
Für Israelis ist es ein wesentlicher Identitätsfaktor, bei der Armee gewesen zu sein. Würde ich nicht zur Armee gehen, so fühlte ich, würde ich in Israel immer eine Fremde sein. Für eine ganze Weile war ich sehr durcheinander und konnte nicht wirklich sagen, ob ich nun Russin, Israelin oder ob ich doch Amerikanerin war, nachdem ich die Staatsangehörigkeit bekam. Das Gefühl verschlimmerte sich noch, als ich mit 18 Jahren das erste Mal wieder Israel besuchte. Während der sechs Wochen, die ich dort verbrachte, fühlte ich mich wie eine Fremde im eigenen Land, entweder, weil sich meine Freunde verändert hatten, oder ich mich verändert hatte, oder auch beides.
Jetzt bin ich 21 Jahre alt und habe das College gerade abgeschlossen, an dem ich Medien, Französisch und Deutsch studiert habe. Nach den sieben Jahren in den USA fühle ich immer weniger als Israelin und mehr und mehr als Amerikanerin. Es ist wahrscheinlich ein natürlicher Prozess, den ich nicht kontrollieren kann. Amerika hat uns Emigranten von Beginn an freundlicher aufgenommen, wirtschaftlich und kulturell. Vielleicht empfinde ich es auch so, weil ich älter war, ich glaubte nicht mehr, dass ich mich zwischen Nationalitäten entscheiden müsste. Ich habe nun einmal drei. Ich habe russische, israelische und amerikanische Freunde. Mein Freund ist in Israel geboren. Und ich habe Französisch und Deutsch studiert und gerade drei Monate in Deutschland verbracht. Jetzt ist es für mich noch schwieriger zu definieren, wer ich eigentlich bin.
Eine Sache ist dennoch während meines gesamten Lebens konstant geblieben, das ist der jüdische Teil meiner Identität. Nicht im religiösen Sinne, aber im kulturellen. Es ist für mich einfacher, mich mit Juden zu identifizieren, egal woher sie kommen. Alina Dain
Ich bin 1973 in Baku/Aserbaidschan geboren. Dort habe ich das Abitur abgelegt und eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht. Im Alter von 18 Jahren bin ich nach Deutschland gekommen. Das war 1992. Zu diesem Zeitpunkt brach in Aserbaidschan ein nationaler Konflikt mit Armenien aus. Leider wurde er auf alle anderen Volksgruppen übertragen, sodass man sich auch als Juden nicht mehr wohlfühlen konnte.
Meine Eltern entschieden sich jedoch dafür, in Aserbaidschan zu bleiben. So kam ich allein mit meinem damaligen Lebensgefährten nach Deutschland und versuchte, mir hier mein „neues“ Leben aufzubauen. In der ersten Zeit war es unheimlich schwer. Ich hatte meine Freunde und meine Familie zurückgelassen, mein Studium abgebrochen und war in ein unbekanntes Land gezogen. Ich konnte die Sprache nicht, kannte die Mentalität der Menschen nicht und hatte hier niemanden, der mir unter die Arme greifen konnte.
Trotz dieser Schwierigkeiten ist es mir relativ schnell gelungen, mich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Ich habe sehr früh meine Tochter bekommen, während meiner Schwangerschaft die deutsche Sprache gelernt und drei Jahre später meine Zweitausbildung gemacht.
Die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg spielt in meinem Leben eine sehr große Rolle. Ich habe sehr viel Unterstützung erfahren, wurde sehr herzlich aufgenommen und konnte mich mit allen Problemen an die Gemeinde wenden.
Nach der Ausbildung habe ich sofort eine Anstellung bekommen und arbeite heute in der Firma als Marketingfachfrau und Grafikdesignerin. Nebenbei bin ich als freiberufliche Dolmetscherin und Übersetzerin für die Sprachen Russisch und Aserbaidschanisch tätig. Ich übersetze vor allem für Behörden, Gerichte, Polizei, Firmen und private Personen.
Durch meine Arbeit und meine guten Sprachkenntnisse ist es mir endgültig gelungen, mich in die Gesellschaft zu integrieren und akzeptiert zu werden. Mittlerweile besitze ich die deutsche Staats‐ angehörigkeit und fühle mich hier fast wie zu Hause, wobei ich nie vergesse, woher ich komme.
Für die Deutschen bin ich eine Russin, obwohl ich nicht mal direkt aus Russland komme, sondern aus der ehemaligen Sowjetunion. Das wird meistens nicht unterschieden, leider sitzt es immer noch in den Köpfen der Menschen fest. Aber ich habe keine negativen Erfahrungen bezüglich meiner Herkunft gemacht. Die meisten Menschen sind sehr interessiert, stellen viele Fragen und stellen dabei fest, dass es immer noch sehr viele gegenseitige Vorurteile gibt.
In meiner Heimat ging es mir aber nicht anders: Obwohl mein Vater Aserbaidschaner war, wurde ich wegen der jüdischen Abstammung meiner Mutter nie als Aserbaidschanerin akzeptiert. Daher war mir eine solche Titulierung auch in Deutschland nicht fremd. Dazu muss ich allerdings sagen, dass es hier viel einfacher ist, damit umzugehen. Ich denke, dass Integration in erster Linie in den Köpfen der Menschen stattfindet. Zum Einleben gehört erst einmal, die Sprache des Landes zu lernen, in dem man lebt, sich weiterzuentwickeln und nicht immer in der Vergangenheit zu leben und alten Zeiten hinterherzutrauern. Es nützen die besten Integrationsmaßnahmen nichts, wenn der Mensch gar nicht dazu bereit ist, sich der hiesigen Gesellschaft anzupassen. Durch Arbeit, Freunde oder Freizeitbeschäftigung wird man am schnellsten integriert und akzeptiert.
Ich habe viele Freunde durch die jüdische Gemeinde gefunden, und die kommen nicht nur aus der ehemaligen Sowjet‐union. Die Gemeinde ist nicht nur ein Gotteshaus für uns, sondern auch ein Stückchen Heimat, dort treffen viele Menschen mit ähnlichem Schicksal aufeinander. Sie helfen sich gegenseitig und unterstützen einander. Diese Erfahrungen halfen mir, keine Hemmungen zu haben und zu sagen, dass ich Jüdin bin. Früher in der alten Heimat wäre es nicht sehr angenehm gewesen, so etwas zuzugeben. Man hatte immer das Gefühl, dass man es nicht erwähnen sollte. Allerdings wurde ich sehr oft angesprochen, weil ich nicht typisch aserbaidschanisch aussehe, ich habe nicht das dunkle Haar, die dunklen Augen oder den dunkleren Teint.
Inzwischen kann ich behaupten, dass Deutschland meine Zweitheimat geworden ist und ich die Menschen hier sehr mag, mit ganz wenigen Ausnahmen. Ich begegne den Menschen mit Respekt und habe bis jetzt, ebenfalls mit ganz wenigen Ausnahmen, immer Respekt erfahren. Dass ich nie als Deutsche akzeptiert werde, ist mir bewusst, aber ich habe auch keine Probleme damit. Ich definiere Menschen nicht über ihre Volkszugehörigkeit oder Nationalität und will auch selber nicht darüber definiert werden.
Dass eine Auswanderung immer Probleme mit sich bringt, steht außer Frage. Es ist nicht einfach, in ein fremdes Land zu gehen, und es ist noch schwieriger, sich dort zu behaupten und sich eine Existenz aufzubauen. Durch meine Tätigkeit als Dolmetscherin komme ich mit vielen Auswandererfamilien in Kontakt. Und muss leider feststellen, dass es bei Weitem nicht allen gelingt, sich in Deutschland zu integrieren. Die Leute kapseln sich ab, leben in ihrer eigenen Welt und nutzen ihre Chancen nicht.
Aber es ist möglich, wenn man ein Ziel hat und es verfolgt. Sehr ausschlaggebend ist es, in welchem Alter man auswandert. Je jünger man ist, desto leichter fällt es einem und desto mehr Chancen hat man.
Und es ist wichtig, eine Unterstützung zu bekommen, jemanden zu haben, der dir den Weg aufzeigt oder nützliche Ratschläge gibt. Diliara Naguieva

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