Antwerpen

Wenn der Mob wütet

von Tobias Müller

Es brauchte nur einen Funken zur Eskalation. Kaum hatte die Polizei in der belgischen Hafenstadt Antwerpen die Kundgebung gegen die israelischen Luftgriffe im Gasastreifen aufgelöst, da zog der Mob, 200 zumeist marokkanischstämmige Jugendliche, los. Von Borgerhout, im Volksmund oft Borgerokko genannt, ging es quer durch die Innenstadt. Das Ziel war klar: das jüdische Viertel hinter dem Bahnhof. Die Parolen der Demonstration klangen noch im Ohr: »Juden raus!«, »Osama!« Die Spruchbänder, Aufrufe, das »palästinensische Blutbad« zu beenden – aber auch dies: »Jihad Yes We Can«. Spuren der Verwüstung an Autos, Bussen und Schaufenstern ließen Schlimmes befürchten. In Bahnhofsnähe wurden Schaufensterscheiben eingeschlagen, doch dahinter war Schluss. Hermetisch abgeriegelt das jüdische Viertel, die fanatisierte Menge scheiterte an Polizeiketten.
Der letzte Tag des Jahres 2008 brachte den Krieg in die Stadt an der Schelde. Und eine Spur davon blieb im größten jüdischen Viertel Europas auch in den darauf folgenden Tagen. »Alle sind beunruhigt«, beschrieb Michael Freilich, Chefredakteur der Zeitschrift »Joods Actueel«, Anfang der Woche die Stimmung. Nach der Demonstration hätten sich zahlreiche Juden nicht mehr auf die Straße getraut. Freilich berichtet von einem internen SMS-Dienst, der über die Sicherheitslage in der Stadt informiere. Seither normalisiert sich das Leben wieder.
»Es ist fast wie immer, nur vorsichtiger. Die Anspannung bleibt«, sagt Jacques Wenger, der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde. »Menschen rufen uns an und erkundigen sich, ob sie auf die Straße können. Viele haben Angst, ihre Kinder allein rauszulassen.« Wenger verweist auf die enormen Sicherheitsvorkehrungen, die die Stadt zum Schutz der jüdischen Bevölkerung getroffen habe. »Überall ist Polizei. Jeder Bus zu einer jüdischen Einrichtung wird kontrolliert.«
Dass es allen Grund zur Wachsamkeit gibt, zeigte sich auch in den folgenden Tagen: Am Wochenende wurden im Zentrum Antwerpens knapp 100 Jugendliche festgehalten, die auf dem Weg zu einer nicht genehmigten antiisraelischen Demonstration waren. Dabei beschlagnahmte die Polizei Stöcke, Pfefferspray und Molotowcocktails. In Borgerhout wurde zudem ein Brandanschlag auf das Haus einer jüdischen Familie verübt. Unbekannte übergossen Taschentücher mit Brandbeschleuniger, stopften sie in den Briefkasten und zündeten sie an. Das Feuer erlosch von selbst. »Wir wollen niemanden verdächtigen«, bemühte sich die Mutter der Familie in der Presse um Sachlichkeit. Doch das fällt schwer angesichts der Mesusa am Türpfosten des Hauses und eines hebräischen Textes über dem Eingang.
Der Krisenstab des belgischen Innenministeriums rief zu Wochenbeginn zu erhöhter Alarmbereitschaft auf. »Die Teilnehmerzahlen der Kundgebungen steigen. Die Situ- ation wird explosiver«, erklärte ein Sprecher des Krisenstabs. Michael Freilich, selbst Opfer von antisemitischen Hassmails, startete unterdessen einen Versuch zum Dialog mit den Muslimen. Gemeinsam mit dem liberalen Lokalpolitiker Hicham El Mzairh rief er die Antwerpener in einem offenen Brief auf, die Gewalt aus Gasa aus der Stadt herauszuhalten. »Obwohl wir aus verschiedenen Gemeinschaften kommen und über den Nahostonkflikt geteilter Meinung sind, verbindet uns mehr, als uns trennt. Wir alle sind Antwerpener, Flamen und Belgier.«

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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