verbunden

Weit weit weg

von Sue Fishkoff

Eine Studie hat ergeben, dass Israel für junge amerikanische Juden zunehmend an Bedeutung verliert. Die im Auftrag der Andrea‐und‐Charles‐Bronfman‐Stiftung durch geführte Untersuchung „Mehr als Distanzierung: Junge amerikanische Juden und ihre Entfremdung von Israel“ wartet weniger mit neuen Erkenntnissen auf, als dass sie längst Vermutetes bestätigt.
Zentraler Befund des Reports: Die jüngeren Generationen der amerikanischen Juden distanzieren sich zunehmend von Israel, wobei die Tendenz seit Jahrzehnten steigt. So stimmen 48 Prozent der Befragten unter 35 mit der Aussage überein, dass „die Zerstörung Israels eine persönliche Tragödie wäre“, verglichen mit 78 Prozent derjenigen, die 65 oder älter sind.
Der Bericht basiert auf Daten aus dem National Survey of American Jews für das Jahr 2007, einer im vergangenen Dezember und Januar über E‐Mail und Internet durchgeführten Umfrage. In ihr werden ausschließlich die Meinungen nichtorthodoxer Juden berücksichtigt.
Laut Steven Cohen, Soziologe am Hebrew Union College in New York, einem der Mitverfasser des Berichts, haben die Generationsunterschiede mehr mit dem Jahrzehnt zu tun, in dem die Leute geboren wurden, als damit, in welchem Lebensabschnitt sie gerade stehen. Das heißt, der Abstand amerikanischer Juden von Israel wird sich vergrößern, wenn die jüngeren Juden älter werden und an die Stelle der Generationen ihrer Eltern und Großeltern treten.
„Es herrscht ein wachsendes Unbehagen über Grenzziehungen aller Art“, so Cohen über die nach 1980 Geborenen. „In der Idee eines jüdischen Staates spiegeln sich harte Gruppengrenzen, so als gäbe es einen Unterschied zwischen Juden und allen anderen Menschen. Das gefällt den Jungen nicht.“
Im Allgemeinen sei das Bild der Distanzierung von Israel aber nicht so düster, wie es die Zahlen nahelegen, wiegelt Cohen ab. In der Untersuchung ließen über 60 Prozent der Juden unter 35 einen „gewissen Grad“ an Verbundenheit mit Israel oder Sorge um das Land erkennen. „Das Glas ist immer noch halb voll, bloß nicht so weit gefüllt, wie es einmal war“, sagt Cohen, der den Report gemeinsam mit dem Amerikanisten Ari Kelman von der University of California verfasste.
Politische Neigungen scheinen die Einstellungen junger Juden zu Israel nicht zu beeinflussen. Tatsächlich lassen die Zahlen den Schluss zu, dass diejenigen, die sagen, sie wählten die Republikaner, oder sich selbst als politisch konservativ einschätzen, Israel entfremdeter sind als bekennende Linksliberale. Cohen vermutet, die wenigen jungen nichtorthodoxen rechtsgerichteten amerikanischen Juden sind im Allgemeinen so weit von ihren jüdischen Altersgenossen entfernt, dass dies eben auch für Israel zutreffe.
Dass die Verbundenheit mit Israel nachlässt und das Interesse an dem Land sinkt, bedeutet keineswegs, junge amerikanische Juden seien weniger „jüdisch“. Im Gegenteil: Zahlreiche neue Untersuchungen und Einzelberichte zeigen, dass unter jungen Juden eine immense kulturelle und religiöse Vitalität und Kreativität herrscht. Israel spielt dabei schlicht keine besonders große Rolle – etwas, worüber sich die jüdische Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten Gedanken machen sollte, wie der Bericht anmahnt.
„Es ist besorgniserregend, dass junge Juden heute eine Art modernen Bundismus vertreten, der die jüdische Zugehörigkeit zwar bestätigt, sich gegenüber dem zionistischen Unternehmen aber neutral verhält“, sagt Cohen. „Wir erleben immer öfter das Phänomen, dass Juden kein Problem damit haben, das Schma zu sprechen, aber die ‚Hatikwa‘, die israelische Nationalhymne, nicht singen mögen.“
Wenig überraschend ist die Tatsache, dass das Verhältnis junger Juden zu Israel auf ganz dramatische Weise enger wird, sobald sie Zeit in Israel verbringen. Obwohl der Bericht auch zeigt, dass 19 Prozent der jungen Juden, die niemals in Israel waren, ein enges Verhältnis haben, steigt diese Zahl nach dem ersten Besuch sprunghaft auf 34 Prozent, nach zwei oder mehr Besuchen auf 52 Prozent an. Umgekehrt fühlen sich über 42 Prozent der jungen amerikanischen Juden, die niemals in Israel waren, dem Land wenig verbunden. Schon nach nur einem Besuch sinkt diese Zahl auf 17 Prozent.
„In mancher Hinsicht ist dies der spannendste Befund“ des Reports, meint Barry Chazan, Professor für Jüdische Erziehung am Spertus College in Chicago und Bildungsdirektor des Programms Taglit –Birthright Israel, das in den vergangenen sieben Jahren beinahe 150.000 Juden im College‐Alter und darüber hinaus nach Israel gebracht hat. Das Ergebnis bestätigt, was Chazan seit Langem predigt: Junge amerikanische Juden mit Hilfe kostenloser, sorgfältig organisierter Reisen nach Israel zu bringen, ist ein mächtiges Werkzeug für die Herausbildung einer jüdischen Identität. „Sie bekommen dort eine kräftige Dosis zionistischer Geschichte, jüdischer Geschichte und des gegenwärtigen Israel verpasst“, sagt Barry Chazan. „Wir machen keinen Hehl daraus, worum es geht.“

Die Studie „Mehr als Distanzierung: Junge erwachsene amerikanische Juden und ihre Entfremdung von Israel“ steht auch im Internet: www.acbp.net/pub/BeyondDistancing.pdf

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