Biografie

Was Sie schon immer über Hans Lamm wissen wollten

von Miryam Gümbel

Hans Lamm – bis zu seinem Tod 1985 Präsident der Israelitischen kultusgemeinde München – würde sich freuen, wie dessen entwickelt habe, meinte seine Amtsnachfolgerin Charlotte Knobloch. Das gelte auch für die Gemeinde selbst, in deren neuem Zentrum im Hubert‐Burda‐Saal nun eine Biografie Lamms vorgestellt wurde.
Unter den mehreren hundert Gästen waren Vorstandsmitglieder der IKG aus der Zeit von Lamms Präsidentschaft zwischen 1970 und 1985 und andere Wegbegleiter. Aus den Reihen der Politik zum Beispiel war Münchens Altoberbürgermeister Georg Kronawitter gekommen, begleitet von seiner Frau Hildegard, heute Mitglied des Bayerischen Landtags.
Ellen Presser selbst war Lamm zum ersten Mal bei ihrem Vorstellungsgespräch für die Leitung des neuen Jugend‐ und Kulturzentrums begegnet. Inzwischen hat sie es zu einer festen Institution in München entwickelt, die mit ihrem vielfältigen Angebot nicht nur von den Gemeindemitgliedern, sondern von vielen Münchnern angenommen wird. In diesem Jahr feiert es sein 25‐jähriges Bestehen, zu dem Charlotte Knobloch bei dieser Gelegenheit herzlich gratulierte.
Anlass zu der Veranstaltung, die auch den Auftakt zu den Jubiläumsfeiern bildete, war das Erscheinen des ersten Bandes der neuen Publikationsreihe »Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern«. So konnte Mitherausgeber Andreas Heusler den Verleger und Mitveranstalter des Abends, Johannes Oldenbourg begrüßen, dem er wie auch den anderen anwesenden Mitarbeitern des Verlages für ihre Unterstützung dankte. Ein besonderer Dank Heuslers galt einem weiteren Unterstützer, der aus den USA angereist war: Ira Jolles. Er ist Vorsitzender der in New York ansässigen Cahnman Foundation, die das Projekt finanziell absichert. Jolles erinnerte in einem kurzen Grußwort an das Engagement des Stiftungsgründers, die Vergangenheit zu bewahren und sie an die neue Generation weiterzugeben. Dass dies mit der Arbeit von Andrea Sinn, Historikerin und Doktorandin bei Michael Brenner am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur, gelungen ist, betonte auch Johannes Oldenbourg in seinem kurzen Grußwort. Im 130sten Jahr des Bestehens des Verlages wurde in dem Wissenschaftsverlag des Hauses damit eine neue Reihe begonnen. Es freue ihn, dazu beizutragen, die Geschichte eines Neubeginns aufzuzeigen: Die Entscheidung Hans Lamms, wieder nach Deutschland zurückzukehren, habe dazu beigetragen. Lamm habe die Hand ausgestreckt und viele Münchner hätten sie zum Glück ergriffen.
Wer dieser Hans Lamm war, das erfuhren die Besucher des Abends anschließend in einer gelesenen Dokumentation und in einem Podiumsgespräch mit Andrea Sinn, Charlotte Knobloch und Richard Grimm, dem Gründer des früheren privaten jüdischen Museums und Mitarbeiters von Hans Lamm, moderiert von dem Mitherausgeber des Buches Michael Brenner. Auch diejenigen, die eigene Erinnerungen mitgebracht hatten, hörten hier noch Neues. Hans Lamm wurde am 8. Juni 1913 in München geboren. Er hatte noch einen älteren Bruder, Heinrich. Sie wuchsen in einem religiösen Elternhaus auf. In dieser Umgebung fand auch Lamms gleichaltriger Freund Fritz Rosenthal, der sich später Schalom Ben Chorin nannte, zur Orthodoxie. Der Briefwechsel der beiden gehörte ebenfalls zu den Quellen, aus denen Andrea Sinn schöpfen konnte. Zu Wort kam Lamm an diesem Abend nicht nur durch die ausgewerteten Archivalien im Buch, aus dem der Sprecher Armand Presser las.
Die Texte wurden unterbrochen von Beiträgen Lamms selbst. Presser hatte sie in den Archiven des Bayerischen Rundfunks ausgegraben. Fotos aus verschiedenen Archiven, darunter der Sammlung Brigitte Schmidt, illustrierten sein Leben. Da war zum Beispiel der Fünfjährige in kaiserlicher Uniform, der Erwachsene erzählte dazu Erinnerungen aus seinen Kindertagen und an seinem monarchistisch eingestellten Vater. Lamm erlebte den politischen Umbruch, je älter er wurde, umso bewusster mit. 1932 legte er das Abitur ab und schrieb sich an der Münchner Universität für Jura ein. Bereits nach zwei Semestern war ihm allerdings klar, dass er als jüdischer Anwalt nie unter Hitler arbeiten dürfe. So studierte er zusätzlich noch Zeitungswissenschaften. Nach insge‐ samt drei Semestern war das Studieren für den Juden Hans Lamm jedoch in Deutschland zu Ende. Er schloss es in den USA ab, wohin er 1938 seinem Bruder auf dessen Anraten gefolgt war. Dass er Bedenken vor dieser Umsiedlung hatte, schilderte dann am Podium die Autorin Andrea Sinn. Vor allem der Sprache wegen sei er voller Hemmungen gewesen. Doch schnell hatte er sich in den USA zurechtgefunden. Und irgendwann einmal schrieb er sogar seinem Freund Ben Chorin in englischer Sprache, wie Sinn erzählte. Nach 1945 kam er als amerikanischer Staatsbürger und Vertreter der American Jewish Conference ein erstes Mal zurück nach Deutschland, übersetzte und dolmetschte sogar bei den Nürnberger Prozessen. Von 1952 bis 1955 lebte Lamm dann wieder in New York, bis er im Dezember 1955 das Amt des Kulturdezernenten des Zentralrats der Juden in Deutschland in Düsseldorf antrat.
Nun war es nicht mehr weit bis zu dem Zeitpunkt, an dem er sagen konnte »Und ich lebe wieder an der Isar«, ein Zitat, das zum Titel des Buches über sein Exil und seine Rückkehr wurde. Nach dem Tod des Münchner Gemeindepräsidenten Fritz Neuland 1970 wurde Hans Lamm dann zu dessen Nachfolger gewählt. Seinen Brotberuf hatte er als Journalist und in der Kulturarbeit der Münchner Volkshochschule beibehalten. Seine Offenheit und seine Bereitschaft, allen Münchnern die Hand zu reichen, hat Brücken für die Zukunft geschaffen. Galerist Richard Grimm forderte deshalb am Podium, eine Straße nach ihm zu benennen. Charlotte Knobloch hatte dies bereits einmal angeregt. Jetzt soll ein weiterer Vorstoß dafür unternommen werden. Hans Lamms unkonventionelle Art hatte seiner Umgebung mitunter auch einiges zu schlucken gegeben. Ein Beispiel, das Charlotte Knobloch am Podium erzählte: Erst kurz im Vorstand der IKG, war sie mit dem Präsidenten in einem Café verabredet. Als er nach einer Stunde noch immer nicht gekommen war, wagte sie es, ihn anzurufen. Seine Antwort: »Was, Sie sitzen immer noch da! Gehen Sie doch nach Hause.« Nach Hause gingen die Gäste des Abends noch lange nicht. Bei Snacks, Getränken und vor allem engagierten Gesprächen tauschten sie im Foyer des Gemeindezentrums ihre Erinnerungen an zurückliegende Gemeindejahre aus.

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