Israel-Pfad

Wanderwetter

von Sabine Brandes

An manchen Tagen ist es so frühlingshaft, dass man meint, der Lenz sei schon gekommen. Dabei ist kalendarisch tiefster Winter. Was die Meteorologen wundert, freut die Wanderer. Jetzt ist die Zeit, in der Israelis ihre Bündel schnüren und sich auf den Weg machen, ihre Heimat zu erkunden – per pedes. Der nationale Wanderpfad »Schwil Israel« (Israelpfad) führt auf einer Strecke von fast genau 1.000 Kilometern von der nördlichen Landesgrenze bis ans Rote Meer im Süden.
Senioren machen sich in Gruppen auf den Weg, durchtrainierte Sportler wollen an ihre Grenzen gehen, Familien mit kleinen Kindern auf dem Rücken wünschen sich einfach nur Spaß: Der Weg ist für jeden etwas, der gern läuft. Durchgängig ist er in Weiß, Orange und Blau markiert. Normalerweise empfiehlt die Gesellschaft für den Schutz der Natur in Israel (SPNI), von Nord nach Süd zu gehen und sich zum Abschluss mit einem Kurzurlaub in Eilat zu verwöhnen. Doch es geht auch andersherum, vor allem, wenn es für die Durchquerung der Wüste sonst zu heiß wäre. Wer in einem Stück durchwandern möchte, braucht etwa 40 bis 70 Tage, je nach Geschwindigkeit und Kondition. Die meisten jedoch begeben sich an den Wochenenden auf den Weg und wandern einen Abschnitt nach dem anderen.
Auch wenn es wie ein Klischee anmutet: Israel ist das reinste Mosaik aus Kulturen und Natur: Jahrtausendealte Ausgrabungen wechseln sich mit hypermoderner Städtearchitektur ab, saftige Hügellandschaft mit karger Wüste. Die Strecke, die zu Fuß erkundet werden will, führt entlang solch geschichtsträchtiger Stätten wie Nazareth, dem See Genezareth oder Jerusalem, durch Wüsten, entlang Wasseradern. Der Pfad führt vom Kibbuz Dan an der nördlichen Grenze zum Libanon entlang des Sees Genezareth, der pulsierenden Städte Haifa, Tel Aviv bis nach Jerusalem sowie durch die meditative Einöde der schier endlosen Negev bis an die ägyptische Grenze im tiefen Süden und könnte bunter nicht sein.
Miriam Hadar ist in Israel geboren. Und doch ist sie gerade erst dabei, ihre Heimat richtig zu erkunden, wie sie sagt. Jedes Wochenende macht sie sich mit einer Wandergruppe auf, um einen anderen Teil kennenzulernen. Freitags um sieben Uhr morgens geht es los zum nächs-ten Stück des Weges, durchschnittlich legt die Gruppe 15 Kilometer pro Tag zu-
rück, manchmal sind es sogar mehr als 20. »Es ist unglaublich, ich hätte nie gedacht, wie viel ich von Israel noch nie gesehen habe«, wundert sich Hadar und lacht, während sie ihre Wanderstiefel schnürt. An manchen Wochenenden übernachten sie in den sogenannten Zimmerim, Pensionen, die auf der ganzen Strecke zu finden sind. Demnächst plant die Gruppe, eine Woche lang durchzuwandern. Die 65-jährige Wanderin freut sich bereits auf die vielen Überraschungen der Natur, die auf sie warten.
Für alle, die sich lieber auf zwei Rädern als auf zwei Beinen fortbewegen, wird derzeit an einem Radweg gebaut, der sich ebenfalls durchs ganze Land erstrecken wird. Innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahre wird der »Israel Bike Trail« (IBT) hauptsächlich auf bereits bestehenden Feldwegen angelegt. Die Strecke wird 1.200 Kilometer lang sein und vom Hermon Berg bis nach Eilat reichen, durch 40 Gemeinden und unterschiedlichste Landschaftenführen. Der Fahrradweg ist ein Gemeinschaftsprojekt der Naturparkbehörde und des Jüdischen Nationalfonds. Verschiedene Ministerien, die SPNI sowie die israelische und internationale Radfahrvereinigung unterstützen den Bau.
Egal, ob zu Fuß oder per Rad: Wer Land und Leute bereits kennt, kann Israel so aus einem anderen Blick sehen, neue Eindrü-cke bekommen. Auch Pilger oder Ge-
schichtsfans werden auf ihre Kosten kommen, etwa beim Bad im See Genezareth oder dem Eintauchen in alte Kultur. Es ist eine besondere Erfahrung, die verschiedenen archäologischen Stätten, die man sonst nur aus der Tora, dem Neuen Testament oder dem Geschichtsunterricht kennt, mit eigenen Augen zu sehen.
Die beste Wandersaison ist Februar bis Mitte Mai. Während des Frühlings ist die Landschaft grün und voller Blüten, Flüsse und Wasserfälle führen mehr Wasser. Je-
der Wanderer kann selbst entscheiden, ob er sein Haupt im Komfort eines Hotels oder Gästehauses niederlegt oder sich mit Zelt und Schlafsack eins mit der Wildnis fühlen will. Der nationale Wanderpfad er-
möglicht beides: Relative Unberührtheit ist in zugänglicher Art zu erleben. Besonders spürbar wird es in der Negev-Wüste. Man kann ganz in die Natur eintauchen, das schimmernde Farbspiel erleben, seltene Pflanzen und Tiere aus der Nähe bestaunen und doch nie weiter als einen Tag von einer Ansiedlung entfernt sein.
Israel ist wie ein einziges Freilichtmuseum. Bauten, die Jahrtausende auf dem Buckel haben, Ausgrabungen, Mosaike. Wer mit dem Bus oder Auto unterwegs ist, kann dabei schell den Überblick verlieren. Zu Fuß aber entgeht einem nichts. Beim Wandern durch die unterschiedlichen Landschaften dieses kleinen, vielfältigen Landes hat Israel auf einmal nichts mehr von dem politischen Pulverfass, das immer wieder neue Schlagzeilen macht, sondern ist nur noch eins: ein einzigartiges Erlebnis.

Informationen zum »Schwil Israel« im Internet: www.israelnationaltrail.com

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